Zum Inhalt springen

Beiträge aus der Kategorie ‘Syndrome’

Wacher Geist, schlafender Körper

Was wissen wir über die Schlafparalyse und deren Ursachen?

Schlafparalysen zeichnen sich durch das Zusammentreffen klaren Denkens und dem Gefühl eines gelähmten Körpers aus. Diese ungewohnte Erfahrung bereitet dabei vielen Leuten Gefühle von Panik und Grusel – obwohl Schlafparalysen eigentlich gar nicht gefährlich sind.

Von Lena Kohler
Lektoriert von Arne Hansen und Alissa Lusti
Illustriert von Andrea Bruggmann

Der Geist wacht auf, der Körper schläft weiter: Ungefähr vierzig Prozent der Bevölkerung befinden sich mindestens einmal im Leben in diesem ungewöhnlichen Zustand (Schütze, 2022). Bei diesem Zustand handelt es sich um die Schlafparalyse; einer Schlafstörung, bei welcher kurzzeitig die willentliche Kontrolle über die Skelettmuskulatur inhibiert wird, ein Prozess, welcher auch Schlafatonie genannt wird (Denis et al., 2018).

«Ich war orientiert, konnte Stimmen hören. Geistig war ich wach, ich wusste genau, wo ich bin. Aber ich konnte mich halt nicht bewegen.»

Viktoria Schütze, 2022

Dieser Prozess geschieht im Übergang zwischen Rapid Eye Movement (REM)-Phasen zu anderen Schlafphasen aufgrund verlangsamter Umschaltung von Prozessen und findet am Anfang des Schlafes hypnagogisch oder hypnopompisch kurz vor dem Aufwachen statt (Sharpless & Barber, 2011; Schütze, 2022).

Obwohl das Gefühl plötzlich gelähmt zu sein bei den Betroffenen bereits unbehagliche Gedanken auslöst, sind es meist die lebhaften Halluzinationen von Menschen oder supernatürlichen Gestalten, welche den beängstigenden Charakter der Schlafparalyse kennzeichnen und für die hohe Intensität der erlebten Furcht in Relation zu Furcht bei normalem Träumen ursächlich sind (Denis et al., 2018). Die Lebhaftigkeit der Halluzinationen wird dabei oft durch die intakte okulare Muskulatur sowie das Liegen in Rückenlage begünstigt. Dies, da die Betroffenen die unheimlichen Gestalten, welche  Produkt des generell unheimlichen Gefühls während des Schein-gelähmt-seins und des Mitnehmens von Gestalten aus Träumen während des REM-Schlafs sind, so tatsächlich sehen können (Sharpless & Barber, 2011; Schütze, 2022). Für Betroffene fühlt sich das Erleben von Atonie und Halluzinationen quälend lange an – laut Forschung halten Schlafparalysen jedoch nur wenige Sekunden bis einige Minuten an (Schütze, 2022).

Was löst diesen Zustand aus?

Wie bereits erwähnt, gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich Schlafparalysen aus dem Übergang von REM-Phasen in andere Schlafphasen entwickeln; genaue Ursachen des Phänomens sind jedoch unbekannt (Denis et al., 2018). Einzig Faktoren, welche mit Schlafparalysen assoziiert sind, konnten bisher identifiziert werden. Als Schlafstörung werden Schlafparalysen oft mit Narkolepsie eine Störung, welche sich durch Schlaf-Wach-Dysregulation auszeichnet  in Verbindung gebracht und gelten als Symptom dieser Erkrankung (Denis et al., 2018; Pramsohler, 2020). Tritt Schlafparalyse ohne die Diagnose der Narkolepsie auf, spricht man von isolierter Schlafparalyse. Wiederholtes Auftreten solcher Episoden bezeichnet man als wiederkehrende isolierte Schlafparalyse (Denis et al., 2018). Auch andere Variablen bezüglich des Schlafes werden mit Schlafparalysen assoziiert: Eine tiefe subjektive Schlafqualität, Insomnie-Symptome, sowie das Erleben von Alpträumen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Schlafparalysen zu leiden (Denis, 2018).

Verbindung zu anderen REM-Schlaf-Phänomenen

Neben Schlafparalysen werden auch andere Phänomene wie luzide Träume, ausserkörperliche Erfahrungen und False Awakening mit REM-Schlaf assoziiert (Raduga et al., 2020). Daher ist es nicht überraschend, dass Betroffene eines dieser Phänomene oft auch mit einem anderen dieser Phänomene Erfahrungen machen (Raduga et al., 2020). Bekannt ist, dass die meisten mindestens ein REM-Schlaf-Phänomen über die Lebensspanne erleben (Raduga et al., 2020).

Des Weiteren konnte eine Beziehung zwischen psychischen Störungsbildern und Schlafparalysen hergestellt werden, wobei vor allem deren Koexistenz mit unspezifischen Angststörungen, Panikstörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen untersucht wurde (Sharpless & Barber, 2011; Wróbel-Knybel et al., 2022). Dabei zeigt die Frequenz von Schlafparalyse-Episoden eine signifikante Verbindung mit sexuellem Missbrauch während des Kindesalters – unabhängig davon, ob sich die Betroffenen an dieses traumatische Ereignis erinnern können (Denis et al., 2018). Neben pathologischer Angst und Traumata treten Schlafparalysen generell häufiger bei hohem selbstberichtetem Stress, einer hohen Anzahl erlebter traumatischer Ereignisse und Professionen mit hohem Stressniveau auf (Denis et al., 2018; Wróbel-Knybel et al., 2022).

Wie Kultur dazu beiträgt

In vielen Fällen stehen die halluzinierten Gestalten in direkter Verbindung mit der Folklore der Kultur der Betroffenen (Denis et al., 2018). Aus diesem Grund ergaben sich über die Zeit eine Vielzahl von alternativen Erklärungen für die Schlafparalyse: von Hexerei in europäischen Gesellschaften über Angriffe von Schamanen oder bösartigen Geistern bei den Inuit bis zu Gedanken an die Entführung durch Ausserirdische (Davies, 2003; Law & Kirmayer, 2005; Denis et al., 2018).

Während die Schlafparalyse laut heutigem Forschungsstand auf kein spezifisches Gen zurückgeführt werden kann, wird ihr eine moderate Vererbbarkeit zugeschrieben (Denis et al., 2018). Demografische Variablen wie Geschlecht und Alter weisen in den meisten Studien keine signifikante Beziehung zur Schlafparalyse auf, was die Ethnizität angeht, sind die Befunde gemischt. Interessant ist, dass nicht-kaukasische Individuen in mehreren Studien höhere Inzidenzraten aufweisen, wobei diese höhere Ausprägungen von Furcht beinhalten (Denis et al., 2018; Sharpless & Barber, 2011).

Potentielle Behandlungsmöglichkeiten

Wie im letzten Abschnitt erläutert, handelt es sich bei Schlafparalysen um ein komplexes Phänomen, welches multifaktoriell beeinflusst wird und nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist. Dies und die Tatsache, dass die Schlafparalyse in Kliniken nicht routinemässig diagnostiziert und behandelt wird, trägt dazu bei, dass sich bisher wenige Behandlungsmöglichkeiten finden liessen (Sharpless, 2016).

Eine dieser Möglichkeiten nennt sich Meditation-Relaxation-Therapie (MR-Therapie). Die MR-Therapie unterteilt sich in vier Phasen, welche während der Schlafparalyse durchgeführt werden: Als Erstes wird die Schlafparalysen-Episode neu bewertet, anschliessend distanziert sich der*die Betroffene emotional und psychisch davon. Als dritter Schritt folgt eine Meditation mit Fokus nach innen, und schlussendlich werden Muskelrelaxations-Techniken durchgeführt (Jalal et al., 2020). Um das Anwenden dieser Methode bei tatsächlichem Eintreten einer Schlafparalyse zu vereinfachen, wird empfohlen, sie regelmässig in Absenz einer Schlafparalyse in Rückenlage zu üben (Jalal, 2016). Meditation wird Betroffenen auch isoliert empfohlen, da dies die Dauer des Deltaschlafes, und somit die Schlafqualität, erhöht und die Wahrscheinlichkeit einer Schlafparalyse verringert, wodurch die Therapie gesamthaft effektiver wird (Jalal, 2016). Eine Pilotstudie der MR-Therapie konnte was die Anzahl von Episoden und Tagen betrifft, an denen die Schlafparalyse auftrat, im Vergleich zur Kontrollgruppe eine Abnahme von 50 Prozent verzeichnen (Jalal et al., 2020). Des Weiteren berichteten Patient*innen in der Testgruppe von einer Verminderung der Unruhe während Halluzinationen (Jalal et al., 2020). Die Resultate dieser Studie suggerieren, dass MR-Therapie eine geeignete Behandlungsoption für Schlafparalysen darstellt. Um deren klinischen Nutzen vollständig zu erheben, ist es jedoch nötig, mehrere randomisierte Experimente diesbezüglich durchzuführen (Jalal et al., 2020).

Eine andere Behandlungsmöglichkeit bietet die Neuropharmakologie, wobei der Serotonin-5-HT2A-Rezeptor im Fokus liegt (Jalal, 2018). Dieser Serotoninrezeptor spielt eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von visuellen Halluzinationen und der Verarbeitung von visuellen Reizen allgemein, und ist in grosser Anzahl im visuellen Kortex vorhanden (Jalal, 2018). Auch in Gebieten, welche mit dem Erleben von Furcht im Zusammenhang mit mystischen Erfahrungen und der Tendenz, bedeutungslose Reize als persönlich wichtig zu interpretieren, assoziiert sind, finden sich viele 5-HT2A-Rezeptoren (Jalal, 2018). Dadurch ergibt sich die Hypothese, dass die Aktivierung von 5-HT2A-Rezeptoren die Halluzinationen bei Schlafparalysen verursachen (Jalal, 2018). Laut dieser Hypothese kommt als Behandlungsmöglichkeit von Schlafparalyse-induzierten Halluzinationen der inverse 5-HA2A Agonist «Primavanserin» (auch als Nuplazid bekannt) in Frage, welcher bisher vor allem zur Behandlung von Halluzinationen bei Parkinson-Patient*innen zum Einsatz kam (Jalal, 2018). Jedoch ist es auch hier nötig, das Medikament zuerst in sicheren Konditionen mehrmals zu testen, bevor dessen Effektivität zur Behandlung von Schlafparalysen abschliessend geklärt werden kann.


Zum Weiterlesen

Schütze, Viktoria. (2022). Schlafparalyse: Wenn der Geist aufwacht, aber der Körper nicht. National Geographic. https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2021/12/schlafparalyse-wenn-der-geist-aufwacht-aber-der-koerper-nicht

Literatur

Davies, O. (2003). The nightmare experience, sleep paralysis, and witchcraft accusations. Folklore, 114(2), 181–203. https://doi.org/10.1080/0015587032000104211

Denis, D. (2018). Relationships between sleep paralysis and sleep quality: Current insights. Nature and Science of Sleep, 10, 355–367. https://doi.org/10.2147/NSS.S158600

Denis, D., French, C. C., & Gregory, A. M. (2018). A systematic review of variables associated with sleep paralysis. Sleep Medicine Reviews, 38, 141–157. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2017.05.005

Jalal, B. (2016). How to make the ghosts in my bedroom disappear? Focused-attention meditation combined with muscle relaxation (MR Therapy) – A direct treatment intervention for sleep paralysis. Frontiers in Psychology, 7. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00028

Jalal, B. (2018). The neuropharmacology of sleep paralysis hallucinations: Serotonin 2A activation and a novel therapeutic drug. Psychopharmacology, 235(11), 3083–3091. https://doi.org/10.1007/s00213-018-5042-1

Jalal, B., Moruzzi, L., Zangrandi, A., Filardi, M., Franceschini, C., Pizza, F., & Plazzi, G. (2020). Meditation-Relaxation (MR Therapy) for sleep paralysis: A pilot study in patients with narcolepsy. Frontiers in Neurology, 11, 922. https://doi.org/10.3389/fneur.2020.00922

Law, S., & Kirmayer, L. J. (2005). Inuit interpretations of sleep paralysis. Transcultural Psychiatry, 42(1), 93–112. https://doi.org/10.1177/1363461505050712

Pramsohler, B. (2020). Narkolepsie: Häufig verzögerte Diagnosestellung. psychopraxis. neuropraxis, 23(2), 65–69. https://doi.org/10.1007/s00739-020-00625-9

Raduga, M., Kuyava, O., & Sevcenko, N. (2020). Is there a relation among REM sleep dissociated phenomena, like lucid dreaming, sleep paralysis, out-of-body experiences, and false awakening? Medical Hypotheses, 144, 110169. https://doi.org/10.1016/j.mehy.2020.110169

Schütze, Viktoria. (2022). Schlafparalyse: Wenn der Geist aufwacht, aber der Körper nicht. National Geographic. https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2021/12/schlafparalyse-wenn-der-geist-aufwacht-aber-der-koerper-nicht

Sharpless, B. A., & Barber, J. P. (2011). Lifetime prevalence rates of sleep paralysis: A systematic review. Sleep Medicine Reviews, 15(5), 311–315. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2011.01.007

Sharpless, B. (2016). A clinician’s guide to recurrent isolated sleep paralysis. Neuropsychiatric Disease and Treatment, 12, 1761–1767. https://doi.org/10.2147/NDT.S100307

Wróbel-Knybel, P., Flis, M., Rog, J., Jalal, B., Wołkowski, L., & Karakuła-Juchnowicz, H. (2022). Characteristics of sleep paralysis and its association with anxiety symptoms, perceived stress, PTSD, and other variables related to lifestyle in selected high stress exposed professions. International Journal of Environmental research and Public Health, 19(13), 7821. https://doi.org/10.3390/ijerph19137821

Dissoziative Identitätsstörung

Ein bisschen Klarheit für diese faszinierende, aber komplexe Störung

Charaktere, die ihr Gesicht verzerren, ihre Stimme verändern und zu «jemand anderem» werden, sind uns nicht neu. Was verursacht die Verhaltenswechsel, wie viele Identitäten können koexistieren und was sind mögliche Therapien? Diese und andere Aspekte der dissoziativen Identitätsstörung werden erörtert.

Von Arianna Pagani und Debora Giarracca
Lektoriert von Noomi Heilmann und Natalie Birnbaum
Illustriert von

Wen gibt es in mir?  Eine zerfallene Identität, das ist das Kennzeichen der Dissoziativen Identitätstörung (American Psychiatric Association, 1994). Ein relevanter Teil der Gesamtpopulation – 1,5 Prozent nach Johnson und Kollegen (2006) – sind davon betroffen. Aber was genau  verbirgt sich hinter dieser faszinierenden Störung?

Was steckt hinter dem Film Split?

Der bekannte Film Split von M. Night Shyamalan basiert auf der wahren Geschichte von Billy Milligan, einem US-amerikanischen Kriminellen, der an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet. Nachdem er verschiedene Straftaten begangen hatte, wurde er schliesslich aufgrund von drei Vergewaltigungen an Universitätsstudent*innen verhaftet. Er war die erste Person in den Vereinigten Staaten, die aufgrund ihrer Unzurechnungsfähigkeit für schuldigunfähig gehalten wurde (Keyes, 2018). Billy Milligan wurde am 4. Februar 1955 in Miami Beach geboren. Er hatte eine unglückliche Kindheit, die unmittelbar von einem schweren Verlust geprägt war: Im Alter von vier Jahren verlor er seinen Vater, der Selbstmord beging (Keyes, 2009). Dieses Ereignis markiert die ersten Symptome der Dissoziation. Die endgültige Dissoziation erfolgt jedoch im Alter von 9 Jahren nach körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch durch seinen Stiefvater, Chalmer Milligan. Die Aufspaltung in vierundzwanzig verschiedene Persönlichkeiten hilft ihm, seine innere Welt zu schützen und dient als Schutzschild vor der äusseren Welt.  Im Alter von 16 Jahren unternimmt er einen Selbstmordversuch, indem er versucht, sich vom Schuldach zu stürzen. Regen, eine der Persönlichkeiten, greift ein, um ihn an der Tat zu hindern (Keyes, 2009). Nach diesem Ereignis wird Billy sieben Jahre lang von den dominanten Persönlichkeiten im «Schlaf» gehalten, weil sie befürchten, dass er erneut versuchen könnte, sich umzubringen. Sein soziales Leben wird von den verschiedenen Persönlichkeiten gelebt, die sich je nach Situation abwechseln.

Während des Prozesses wegen der begangenen Straftaten streitet Milligan die Anklagen nicht ab, behauptet aber weiterhin, sich nicht an die begangenen Taten erinnern zu können. Die Psychiaterin Dorothy Turner entdeckt die Existenz mehrerer Persönlichkeiten, darunter David, der die Existenz der anderen aufdeckt (Keyes, 2009).

Anfänglicher Skeptizismus

Vor Billy wurden schon einige Fälle von Personen mit DID bekannt.  Die ersten wurden  Anfang 1800 beschrieben (z. B. Mitchill, 1816) und bis Ende des 19. Jahrhunderts litten  nur wenige Personen unter multiple personality disorder (MPD) – so wurde die Störung früher bezeichnet. Diese «neue Störung» bekam grosse Aufmerksamkeit, vor allem in Frankreich (Merskey, 1992), wo hospitalisierte Strukturen wie das Salpêtrière diese Patient*innen aufnahmen, ihr Störungsbild untersuchten und mit möglichen Behandlungsmethoden experimentierten (Seilhean, 2020). Die Anzahl von Patient*innen mit MDP wuchs, seit dem Prince im Jahr 1908 seine Sammlung über 24 Fälle publizierte und eskalierte nachdem das Buch The three faces of Eve (1957) veröffentlicht wurde. In diesem Buch geht es um eine Frau mit gespaltener Persönlichkeit, die nach der Bewältigung ihres kindlichen Traumas plötzlich wieder ganz war. Seitdem gibt es Psychiater*innen, die behaupten, dass sie Dutzenden von Patient*innen diagnostiziert und geheilt haben (z. B. Kluft, 1982).

Einige Experten waren aber skeptisch gegenüber der Diagnose der MDP und vermuteten, dass sie von Ärzt*innen erfunden worden sei (Hacking, 1986). Zum Beispiel Merskey (1992) analysierte verschiedene Fälle und fand vermeintlich alternative Erklärungen, wie die hysterische Amnesie, die Schaffung neuer Identitäten unter Hypnose durch Suggestivfragen oder die Fehlinterpretation einer bipolaren Störung. Andere meinen, dass das Konzept im 18. Jahrhundert entwickelt wurde und die Störung vorher fälschlicherweise als Psychose oder Besessenheit interpretiert wurde (Hacking, 1875).

Von «Multiple personality disorder» zu «dissoziative Identitätsstörung»

1980 wird MPD eine offizielle Diagnose im Manual der psychischen Störungen DSM-III (American Psychiatric Association, 1980) und es bleibt einerseits ein extrem faszinierendes Phänomen, anderseit gab es einige Skeptiker*innen. In der sukzessiven Version des DSM-IV (American Psychiatric Association, 1994) wurde die Bezeichnung von MPD in Dissoziative Identitätsstörung (DID) geändert, die bis zur heute aktuellen Version beibehalten wurde.

Diese Veränderung des Namens ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels in der Sichtweise der Störung. Sie wird nicht mehr als eine Proliferation verschiedener Persönlichkeiten gesehen, sondern eher als eine Fragmentierung der eigenen Identität (American Psychiatric Association, 1994). Dadurch wird betont, dass es sich um ein unfreiwilliges und unbewusstes Phänomen handelt (Laycock, 2015). Dazu wurden spezifische Kriterien für die Diagnose der DID hinzugefügt.

Was kennzeichnet die Störung?

Wie der Name bereits andeutet, ist die DID eine Dissoziation oder Zerlegung des Selbst. Das DMS-5 legt Kriterien, um DID zu diagnostizieren fest.

Das erste Kriterium ist, dass es mindestens zwei distinkte Persönlichkeitzustände – Alter Egos – gibt, je mit einem eigenen Gedächtnis, Gedanken und Wahrnehmungen, die die Kontrolle über das Verhalten wechselseitig übernehmen (American Psychiatric Association, 2013).  Die betroffenen Personen erleben eine Diskontinuität des Selbst und der Handlungsfähigkeit: Sie können andere Kleider tragen und plötzlich nicht mehr in der Lage sein, das Auto zu fahren.

Healthy Multiplicity

Das ist, wenn mehrere Alter Egos koexistieren, ohne die Funktionalität des Individuums zu beeinträchtigen (Telfer, 2015). Ein anschauliches Beispiel ist John (Mierendorf, 1993), ein Polizist, dessen Identitäten unterschiedliche Kompetenzen haben, die bei Bedarf absichtlich ausgetauscht werden. Ein Alter Ego schiesst gut mit der Waffe, ein anderes ist ein besserer Detektiv. John zeigt, dass es nicht unbedingt nötig ist, eine endgültige Fusion anzustreben, um ein gesundes Leben zu führen.

Das zweite Kriterium betrifft die Amnesie (American Psychiatric Association, 2013). Betroffene haben signifikante Gedächtnislücken über das Selbst, den Alltag oder die traumatischen Erfahrungen. Da die Identitäten ein eigenes Gedächtnis haben, können sie etwas machen, woran sie später jedoch keine Erinnerung haben, was sie unehrlich erscheinen lässt (Leonard & Tiller, 2016). Die anderen Persönlichkeitszustände sind nicht immer unbewusst, während einer der Alter Egos die Kontrolle hat: Es kommt vor, dass Identitäten passiv zusehen, was passiert, ohne eingreifen zu können (Dell, 2016).

«’Why are you not “She”?’ ‘Because “she” does not know the same things that I do.’ ‘But you both have the same arms and legs, haven’t you?»

Merskey, 1992, S. 333

Mitbewusstsein

Oft kennen sich diese Identitäten gegenseitig; dies wird als Mitbewusstsein bezeichnet. Es bedeutet, dass sich zwei oder mehrere andere Persönlichkeiten der Anwesenheit des jeweils anderen bewusst sind und eine kontinuierliche Erinnerung an eine Situation oder einen bestimmten Zeitraum haben (Haddock, 2001). Einer von ihnen hat normalerweise die «exekutive Kontrolle» über den Körper der Person, während ein anderer beobachten, zuhören und über das Geschehen nachdenken kann (Haddock, 2001).

Trance und Besessenheit

Die Dissoziative Identitätsstörung ist Teil der dissoziativen Störung, die auch die Trance- und Besessenheitszustände enthält (American Psychiatric Association, 2013). Diese zwei Störungen ähneln sich in grossen Teilen: Beide sind durch unwillkürliche und abrupte Wechsel der eigenen Identitäten charakterisiert. Sie differenzieren sich, indem bei der dissoziativen Identitätsstörung die alternative Identität als internal – als Persönlichkeit – eingeordnet wird, während bei der anderen die Identität als external erlebt wird, also als ein externes «Jemand» (Overkamp, 2005).

Ätiopathogenese

Wo liegen die Ursachen für diese psychische Störung? Es gibt zwei Ansätze, um die Entwicklung dissoziativer Zustände zu verstehen. Der eine Ansatz nimmt an, dass Dissoziation als Reaktion auf ein Trauma zurückzuführen ist, wohingegen der andere Ansatz annimmt, dass sie auf bestimmte primäre Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen ist. Der erste Aspekt führt zur Entstehung von dissoziativen Symptomen im pathogenetischen Zusammenhang mit akuten oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Der zweite Aspekt bezieht sich auf dissoziative Tendenzen in der normalen Persönlichkeit und stellt Bezüge zu anderen Persönlichkeitskonstrukten wie der Fantasiebegabung her. Beide Aspekte beinhalten also normale und traumatische psychologische Faktoren (Kapfhammer, 2017). Diese beiden Ansätze beschreiben dementsprechend die Ursache für das Leben mehrerer Identitäten in einem einzigen Körper.

Wer sind all die Alter Egos?

Eine Person mit dissoziativer Identitätsstörung ist durch multiple Persönlichkeitszustände gekennzeichnet, die als Alter Egos bezeichnet werden können. Es handelt sich um getrennte Identitäten, die je nach Situation den Körper übernehmen und unabhängig voneinander funktionieren können. Alle zusammen bilden die gesamte Persönlichkeit des Individuums (American Psychiatric Association, 2013). Die Alter können unterschiedliches Alter, Geschlecht und Namen haben, sie können unterschiedliche Einstellungen und Wahrnehmungen der Realität, sowie unterschiedliche Erinnerungen haben. Van der Hart und Kolleg*innen (2006) unterscheiden zwischen scheinbar normalen Teilen und emotionalen Teilen. Im ersten Fall handelt es sich um eine Identität, die das alltägliche Leben bewältigt und normalerweise keine Traumaerinnerungen aufbewahrt hat. Die zweite Identität hingegen ist eng mit traumatischen Erinnerungen verbunden und bleibt oft in der Erinnerung verhaftet, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht (Haddock, 2001).

Howell (2011) stellt fest, dass die Anzahl der Alter in einem DID-System normalerweise in die Dutzende geht. In einigen Fällen handelt es sich um mehrfache Alter Egos, die viele Identitäten haben, in manchen Fällen sogar bis zu  hundert (diese hohe Zahl ist wahrscheinlich auf hoch organisierten Missbrauch zurückzuführen, wie z. B. Sektenmissbrauch, rituellen Missbrauch, Pädophilie oder andere Formen extremen, sadistischen Missbrauchs, der sich über lange Zeiträume erstreckt und oft mehrere Täter*innen miteinbezieht (Miller, 2014)). Die Anzahl der Alter Egos, deren sich eine Person mit DID bewusst ist, nimmt während der Behandlung oft zu. In einer Studie von Coons und Kolleg*innen (1988), wurde festgestellt, dass zum Zeitpunkt der Diagnose im Durchschnitt zwei bis vier Identitäten bestanden, während sich im Verlauf der Behandlung 13 bis 15 Identitäten herausbildeten. Das bedeutet nicht, dass die Behandlung die Entstehung neuer Persönlichkeiten verursacht hat. Stattdessen bedeutet es, dass vorhandene andere Persönlichkeiten sich in der Lage fühlen, während einer Psychotherapie aufzutauchen, wenn sie etwas mitteilen möchten oder wenn sie durch etwas ausgelöst werden (Haddock, 2001).

Therapien

Kann DID behandelt werden? Ja, es gibt international anerkannte Guidelines (International Society for the Study of Trauma and Dissociation, 2011) mit wichtigen Hinweisen, die Kliniker*innen und Psychotherapeut*innen helfen. Symptome können verbessert und die Funktionsfähigkeit kann erhöht werden (Brand, Loewenstein, & Spiegel, 2014).

Die Hauptmethode zur Behandlung der DID laut den Guidelines ist die Gesprächstherapie. Nach Kluft (1993a) ist das Ziel die endgültige Fusion aller Identitäten, sodass sich die Person wieder einheitlich fühlt. Trotzdem sind viele Patient*innen dazu nicht in der Lage oder sind nicht gewillt,  die Alter Egos  zu fusionieren. In diesen Fällen ist das Ziel der Therapie eine bessere Integration, Kommunikation und Harmonie zwischen den Alter Egos zu erwirken, mit einem festen und stabilen Selbstverständnis (vgl. Guidelines). Es ist ein langer Prozess, da jede Identität eine eigene Rolle, ein eigenes Gedächtnis, und manchmal verschiedene Alter und Geschlechter hat. Laut Ellason und Ross (1997) erreicht jede*r fünfte Patient*in die endgültige Fusion,  wobei unklar bleibt, wie häufig dies das Ziel der Therapie ist.

«Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Objekt im Universum. Was wäre, wenn es für den minderwertigen Menschen mit multipler Persönlichkeit keine Grenzen gäbe, was er werden kann?»

Shyamalan, 2017

Laut den Guidelines kann es erforderlich sein, die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und unter einer einheitlichen Perspektive zu vereinigen. Die Hypnose könnte  sowohl für die Behandlung der Traumata (Dell & O’Neil, 2010), als auch für die Amnesie hilfreich sein (Brown, Scheflin, & Hammond, 1998). Die Verabreichung von Medikamenten ist laut den Guidelines nicht empfohlen, ausser wenn sie für andere koexistierende Störungen nötig sind.


Zum Weiterlesen

Merskey, H. (1992). The manufacture of personalities: The production of multiple personality disorder. The British Journal of Psychiatry, 160(3), 327-340.

Night Shyamalan, M. (2016). Split. Universal Pictures.

Literatur

American Psychiatric Association (1980). Diagnostic and statistical manual of mental disorders. (3rd ed.). Washington, D.C.: Author.

American Psychiatric Association, (1994). Diagnostic and statistical manual of mental disorders:DSM-IV. American Psychiatric Association.

American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders: DSM-5. (5th ed.). Washington, D.C.: American Psychiatric Association. https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425596

Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Spiegel, D. (2014). Dispelling myths about dissociative identity disorder treatment: An empirically based approach. Psychiatry, 77(2), 169-189.

Brown, D., Scheflin, A. W., & Hammond, D. C. (1998). Memory, trauma treatment, and the law. WW Norton & Company.

Coons, P. M., Bowman, E. S., & Milstein, V. (1988). Multiple personality disorder: A clinical investigation of 50 cases. Journal of Nervous and Mental Disease, 17, 519-527. https://doi.org/10.1097/00005053-198809000-00001

Dell, P. F. (2006). A new model of dissociative identity disorder. Psychiatric Clinics of North America, 29(1), 1-26. https://doi.org/10.1016/j.psc.2005.10.013.

Dell, P. F., & O’Neil, J. A. (Eds.). (2010). Dissociation and the dissociative disorders: DSM-V and beyond. Routledge.

Ellason, J. W., & Ross, C. A. (1997). Two-year follow-up of inpatients with dissociative identity disorder. American Journal of Psychiatry, 154(6), 832-839.

Haddock D, (2001). The Dissociative Identity Disorder Sourcebook. McGraw-Hill.

Howell, E. F. (2011). Understanding and Treating Dissociative Identity Disorder: A Relational Approach. Routledge.

Johnson, J. G., Cohen, P., Kasen, S., & Brook, J. S. (2006). Dissociative disorders among adults in the community, impaired functioning, and axis I and II comorbidity. Journal of Psychiatric Research, 40(2), 131-140.

Keyes, D. (2018). The Minds of Billy Milligan. Hachette UK.

Keyes, D. (2009). Una stanza piena di gente, Editrice Nord, 2009.

Kluft, R. P. (1982). Varieties of hypnotic interventions in the treatment of multiple personality. American Journal of Clinical Hypnosis, 24(4), 230-240.

Kluft, R. P. (1993). Clinical perspectives on multiple personality disorder. American Psychiatric Pub.

International Society for the Study of Trauma and Dissociation. (2011). Guidelines for treating dissociative identity disorder in adults, third revision. Journal of Trauma & Dissociation, 12(2), 115–187.

Laycock, J. P. (Ed.). (2015). Spirit possession around the world: Possession, communion, and demon expulsion across cultures. ABC-CLIO.

Leonard, D., & Tiller, J. (2016). Dissociative identity disorder (DID) in clinical practice–What you don’t see may hurt you. Australasian Psychiatry, 24(1), 39-41.

Merskey, H. (1992). The manufacture of personalities: The production of multiple personality disorder. The British Journal of Psychiatry, 160(3), 327-340.

Mierendorf, M. (Director). (1993). America Undercover Multiple Personalities: The Search for Deadly Memories. [Film]. IMDb.

Miller, A. (2014). Becoming Yourself: Overcoming Mind Control and Ritual Abuse. Karnac Books.

Mitchill, S. L. (1816). A double consciousness, or a duality of person in the same individual. Medical Repository, 3, 185-186.

Night Shyamalan, M. (2016). Split. Universal Pictures.

Overkamp, B. (2005). Differentialdiagnostik der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Deutschland (Doctoral dissertation, lmu).

Prince, M. (1908). The dissociation of a personality 2nd ed.

Seilhean, D. (2020). Neuropathology in Pitié‐Salpêtrière hospital: Past, present and prospect. Neuropathology, 40(1), 3-13.

Telfer, T. (2015). Are Multiple Personalities Always a Disorder? Vice. Retrieved 31.07.2022. https://www.vice.com/en/article/vdxgw9/when-multiple-personalities-are-not-a-disorder-400

Thigpen, C. H., & Cleckley, H. M. (1957). The three faces of Eve.

Van der Hart, O., Nijenhuis, E., & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural dissociation and the treatment of chronic traumatization. WW New York: Norton & Company.

World Health Organization. (1992). The ICD-10 Classification of Mental and Behavioural Disorders.

Muscle Dysmorphia

Wenn es keine realistische Selbstsicht mehr gibt

Muscle Dysmorphia ist eine Körperschemastörung, die häufig im Fitnesskontext auftritt und in den letzten Jahren besonders bei Männern vermehrt diagnostiziert wurde. Im Folgenden werden die Symptome, mögliche Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren sowie verschiedene Behandlungsmöglichkeiten der Störung beschrieben. 

Von Madita Schindler
Lektoriert von Arne Hansen und Julia Küher
Illustriert von Shaumya Sankar

Der Wunsch nach dem idealen Körper

In einer Gesellschaft, die nach dem perfekten Erscheinungsbild strebt, sei es mit Hilfe von Make-up, Schönheitschirurgie oder exzessivem Sport, wird einem athletischen Körper viel Bedeutung beigemessen. Die Mitgliedschaften im Gym steigen jährlich (Wienke, 2014). Die sozialen Medien sind voll von fitspirational quotes wie «the pain you feel today will be the strength you feel tomorrow». Doch gibt es auch ein Zuviel an Sport? In vereinzelten Fällen kann der Fitnesswahn ein wahrhaftiger Wahn sein.

«I don´t stop when I´m tired. I stop when I´m done.»

David Goggins, 2018

Wie äussert sich Muscle Dysmorphia?  

Body Dysmorphic Disorder (BDD) beschreibt eine psychische Erkrankung, die durch ein verzerrtes Selbstbild in Bezug auf den eigenen Körper und die ständige Beschäftigung mit meist eingebildeten Makeln charakterisiert werden kann. Im DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual for Mental Disorders) ist BDD in der Kategorie der «obsessive-compulsive disorders», also der Zwangsstörungen, klassifiziert. Zu den Symptomen gehören unter anderem die andauernde Beschäftigung mit eingebildeten oder in übertriebener Weise wahrgenommenen Makeln des eigenen Körpers und repetitive Verhaltensmuster wie ein zwanghafter Blick in den Spiegel oder eine exzessive Körperhygiene. Diese Gedanken und Verhaltensweisen müssen klinisch relevanten Stress auslösen, also das Leben der betroffenen Person erheblich beeinträchtigen, um als Störung diagnostiziert zu werden. BDD kann abgegrenzt werden von Essstörungen, bei denen allgemeine Sorgen um das Gewicht im Vordergrund stehen (American Psychiatric Association, 2013).

Bei BDD kann prinzipiell jedes Körperteil betroffen sein, die häufigsten «Problemzonen» sind jedoch Haut, Haar oder Nase (Bjornsson et al., 2022). Eine spezifische Form der BDD ist Muscle Dysmorphia (MD). Hier bezieht sich die Verzerrung des Selbstbildes auf den gesamten Körper und die Idee, nicht muskulös genug zu sein, obwohl die betroffene Person meist überdurchschnittlich viel Muskelmasse besitzt. Dabei kreisen die Gedanken stundenlang um dieses Thema, können nur schwer oder gar nicht kontrolliert werden und führen zu Stress und Angstzuständen (American Psychiatric Association, 2013).

«My only fixation was what I looked like. I would think about that numerous times throughout the day. I would panic if I couldn’t make a gym session.»

Micky David in Dawson, 2021

Als Folge des verzerrten Selbstbildes wird häufig versucht, den eigenen Körper mit weiter Kleidung zu verdecken oder Orte wie das Schwimmbad, in denen der Körper für andere besonders sichtbar ist, zu vermeiden (Phillips, 2005). Zudem wird exzessiv Sport betrieben, um endlich das gewünschte Erscheinungsbild zu erreichen. Dieses übertriebene Training hat nichts mehr mit Freude am Body Building zu tun. Personen mit MD fokussieren sich so stark auf einen konstanten, dauerhaft meist nicht gesundheitsförderlichen Trainingsplan und eine strikte Diät, dass andere wichtige Aspekte des Lebens hintenangestellt werden müssen. Oft gehen Beziehungen zu Bruch oder der Job wird vernachlässigt. Wenn an einem Tag kein Sport getrieben werden kann, führt das zu extremen Angstzuständen oder Wut. Es kommt zu ständigen Vergleichen mit anderen Personen und Blicken in den Spiegel. In vielen Fällen werden Anabolika eingenommen, in der Hoffnung, damit endlich den eigenen Ansprüchen zu genügen (Pope et al., 1997). Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass MD mit vermehrten Suizidgedanken, aggressivem Verhalten und Substanzmissbrauch einhergeht (Bjornsson et al., 2022).

«Exercise becomes dangerous when it takes away from other things that people might want to enjoy, like being with their friends or family. It becomes a disorder when this problematic behavior really reduces their quality of life.» 

Professor Jason Nagata in Dawson, 2021

Wer ist von der Störung betroffen?

MD tritt schätzungsweise bei 1,4-2,2 Prozent der Bevölkerung auf (Mitchison et al., 2021). Im Kontext von Body Building wird sie deutlich häufiger diagnostiziert (Guerra-Torres & Arango-Vélez, 2015). Während Frauen von der generellen BDD tendenziell häufiger betroffen sind als Männer (Bjornsson et al., 2022), scheint MD deutlich öfter bei Männern aufzutreten (Grieve, 2007). Eine plausible Erklärung hierfür ist, dass der gesellschaftliche Druck, gross und muskulös zu sein für Männer höher ist als für Frauen (Pope et al., 1997). Es ist schwierig zu sagen, ob die Störung heute häufiger auftritt als früher oder einfach öfter erkannt und diagnostiziert wird (Pope et al., 1997).

Mögliche Ursachen

In der Entwicklung einer MD können sowohl biologische als auch soziale und individuelle Faktoren eine Rolle spielen. Laut einigen Studien gibt es eine genetische Disposition, die Störung zu entwickeln (Olivardia, 2001).

Individuelle Risikofaktoren, die in Zusammenhang mit MD stehen, sind unter anderem ein geringes Selbstbewusstsein, ein hohes Level an Perfektionismus, die Internalisierung von muskulösen Idealen und das Betreiben von Kraftsport (Olivardia, 2001). In einer Studie von Olivardia und Kollegen (2004) war geringes Selbstbewusstsein assoziiert mit einer stärkeren Ausprägung von MD. Zudem wurde beobachtet, dass besonders die Abhängigkeit des Selbstbewusstseins von der körperlichen Erscheinung mit vermehrtem Kraftsporttraining einherging (Crocker, 2002). Der Risikofaktor Perfektionismus ist charakterisiert durch das Verfolgen von unrealistischen Zielen. In diesem Sinne ist es plausibel, dass Perfektionist*innen dazu prädestiniert sind, sich unrealistisch hohe Ziele bezüglich ihrer Muskelmasse zu setzen. Henson (2003) zeigte in einer Studie, dass die Ausprägung von Perfektionismus das Level an MD der Studienteilnehmer*innen vorhersagte. Des Weiteren wurde gefunden, dass die Internalisierung von traditionell maskulinen Normen bei Männern den wahrgenommenen sozialen Druck, muskulös zu sein, erhöhen kann (Bégin et al., 2019) und mit einer höheren Ausprägung von MD-Symptomen einhergeht (Blashill et al., 2020). Ein weiterer Faktor, der mit MD verbunden wird, ist das Betreiben von Kraftsport oder Sportarten, welche viel Kraft erfordern (Pope et al., 1993; Cerea et al., 2018). Es ist schwierig zu bestimmen, in welche Richtung der Effekt wirkt. Es ist plausibel, dass der Fitnesskontext selbst die Entwicklung von MD begünstigt, weil man dort regelmässig besonders sportlichen und muskulösen Körpern ausgesetzt ist. Alternativ kann es sein, dass Individuen, welche Symptome von MD zeigen, wahrscheinlicher extensiven Kraftsport betreiben. Eine dritte Erklärung ist, dass Personen im Kraftsport Charaktereigenschaften wie Perfektionismus teilen, welche die Entwicklung von MD wahrscheinlicher machen. Vermutlich spielen alle Erklärungsansätze eine Rolle. Generell kann man sagen, dass das Ausüben von Kraftsport allein nicht direkt zu der Entwicklung einer MD führt. Es kann aber aufgrund verschiedener Mechanismen und in Kombination mit anderen Faktoren die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Störung begünstigen (Olivardia, 2001).

In Bezug auf soziale Faktoren gibt es Hinweise darauf, dass Familie und Gleichaltrige sowie die Medien relevant für die Vermittlung eines körperlichen Idealbildes sind (Grieve, 2007) und indirekt die Entwicklung einer MD beeinflussen können (Olivaria, 2001). Im Hinblick auf die zunehmende Verlagerung unserer Leben in die digitale Welt liegt es nahe, dass das Internet hier einen wachsenden Einfluss hat. Soziale Medien wie Facebook, Instagram und TikTok sind in der Hinsicht besonders relevant, weil sie mithilfe von Algorithmen die persönlichen Interessen der Nutzer*innen ermitteln und gezielt passende Inhalte vorschlagen (Pariser, 2011). Infolgedessen wird einer Person, die selbst Sport treibt, vermehrt Fitnesscontent angezeigt.

Während Fitnessinhalte prinzipiell motivierend sein können, gibt es Hinweise darauf, dass sie auch negative Auswirkungen haben (Easton et al., 2018). Beispielsweise gibt es Studien, die zeigen, dass häufig unrealistische Körperstandards vermittelt werden (Harrison & Cantor, 1997). Eine Theorie ist deshalb, dass die Darstellung von scheinbar perfekten und muskulösen Körpern in den Medien zu einem Vergleich des eigenen Körpers mit einem nicht zu erreichenden Ideal und demnach zu Unzufriedenheit führen kann (Pope et al., 1997). Gerade bei Männern ist dies aufgrund des gesellschaftlichen Ideals von Grösse und Stärke der Fall. In einer Studie von Leit und Kollegen aus dem Jahr 2002 wurde dies bestätigt: Einer Gruppe von männlichen Studenten wurde entweder Werbung mit muskulösen Männern oder mit neutralen Inhalten gezeigt. Anschliessend wurden die Teilnehmer zu ihrem Körperbild befragt. Das Ergebnis zeigte, dass die Studenten, welche vorher muskulöse Männer gesehen hatten, eine deutlich höhere Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung ihres Körpers und ihrem Wunschkörper aufwiesen. Das lässt darauf schliessen, dass das Betrachten muskulöser Ideale in den Sozialen Medien einen negativen Einfluss auf das eigene Körperbild hat und zur Aufrechterhaltung von MD-Symptomen beitragen kann (Schoenenberg, 2020).

Wie kann Personen mit MD geholfen werden?

Weil viele der oben genannten Faktoren dafür sorgen, dass die Symptome von MD aufrechterhalten werden oder sich verstärken, ist der Verlauf der Erkrankung typischerweise chronisch und verbessert sich nicht von allein. Obwohl die Störung seit vielen Jahren bekannt ist, wurde bislang nur wenig Forschung zu Behandlungsmöglichkeiten durchgeführt (Bjornsson et al., 2022) und die aktuellen Empfehlungen beruhen hauptsächlich auf Fallstudien (Olivardia, 2007). Higgins und Wysong (2018) merken an, dass vermeintlich schnelle Interventionen wie chirurgische Eingriffe keine dauerhafte Lösung darstellen, weil die Ursache des Problems dadurch nicht behoben wird. Zu den aktuell empfohlenen Optionen zählen unter anderem die pharmakologische Behandlung mit SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer; Phillipou & Castle, 2015) und kognitiv-behaviorale Psychotherapie. In der Therapie wird unter anderem versucht, perfektionistische Denkmuster oder Schwarz-Weiss-Denken („Wenn ich nicht perfekt aussehe, bin ich hässlich und ein*e Versager*in.“) zu ändern und die emotionale Selbstregulation zu verbessern (Cunningham et al., 2017).

Zwangsstörungen

Zwangsstörungen sind gekennzeichnet durch sogenannte Obsessionen und Kompulsionen. Obsession wird als Besessenheit definiert, die sich in zwanghaft wiederkehrenden, unerwünschten Gedanken oder Bedürfnissen äussert. Kompulsion beschreibt ein nach strengen Regeln ausgeführtes Verhalten oder auch eine geistige Handlung auf Basis dieser Besessenheit. Während der Inhalt der obsessiven Gedanken und Zwänge sehr unterschiedlich sein kann, gibt es einige häufig auftretende Motive wie Sauberkeit oder Symmetrie (American Psychiatric Association, 2013).

Fazit

Die oben erläuterte Unterform der BDD, Muscle Dysmorphia, ist eine psychologische Störung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigt. Sie äussert sich in einer Abweichung der Körperwahrnehmung von der Realität und in rigiden Versuchen, muskulöser zu werden oder den eigenen Körper zu verstecken. Männer sind häufiger von MD betroffen als Frauen, da besonders das männliche Schönheitsideal Muskelmasse und Stärke einschliesst. In der Entwicklung einer MD wirken verschiedene biologische, individuelle und soziale Einflüsse zusammen, wobei Ursache und Effekt oft schwierig zu bestimmen sind und viele Faktoren in beide Richtungen wirken. Zur Behandlung der Störung werden pharmakologische Therapien sowie Psychotherapien empfohlen, wobei die Forschung in diesem Bereich nicht umfangreich ist.


Zum Weiterlesen

https://www.healthline.com/health/muscle-dysmorphia

Literatur

American Psychiatric Association. (2013). Obsessive-compulsive and related disorders. In Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5. Ausg.). https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425787

Bégin, C., Turcotte, O., & Rodrigue, C. (2019). Psychosocial factors underlying symptoms of muscle dysmorphia in a non-clinical sample of men. Psychiatry Research272, 319-325. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.12.120

Bjornsson, A. S., Didie, E. R., & Phillips, K. A. (2022). Body dysmorphic disorder. Dialogues in clinical neuroscience. https://doi.org/10.31887/DCNS.2010.12.2/abjornsson

Blashill, A. J., Grunewald, W., Fang, A., Davidson, E., & Wilhelm, S. (2020). Conformity to masculine norms and symptom severity among men diagnosed with muscle dysmorphia vs. body dysmorphic disorder. PloS one15(8), e0237651. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0237651

Cerea, S., Bottesi, G., Pacelli, Q. F., Paoli, A., & Ghisi, M. (2018). Muscle dysmorphia and its associated psychological features in three groups of recreational athletes. Scientific reports8(1), 1-8. https://doi.org/10.1038/s41598-018-27176-9

Crocker, J. (2002). The costs of seeking self–esteem. Journal of social issues58(3), 597-615. https://doi.org/10.1111/1540-4560.00279

Cunningham, M. L., Griffiths, S., Mitchison, D., Mond, J. M., Castle, D., & Murray, S. B. (2017). Muscle dysmorphia: An overview of clinical features and treatment options. Journal of Cognitive Psychotherapy31(4), 255-271. https://doi.org/10.1891/0889-8391.31.4.255

Dawson, B. (2021, August 22). Eating disorders are stereotyped as only impacting women and girls. But young men are also obsessing about dieting and appearance leading to muscle dysmorphia. Insider. https://www.insider.com/muscle-dysmorphia-makes-me-feel-way-a-man-should-feel-2021-8

Easton, S., Morton, K., Tappy, Z., Francis, D., & Dennison, L. (2018). Young people’s experiences of viewing the fitspiration social media trend: Qualitative study. Journal of medical Internet research20(6), e9156. https://doi.org/10.2196/jmir.9156

Festinger, L. (1957). Social comparison theory. Selective Exposure Theory16. http://www.bahaistudies.net/asma/selective_exposure-wiki.pdf#page=18

Grieve, F. G. (2007). A conceptual model of factors contributing to the development of muscle dysmorphia. Eating disorders15(1), 63-80. https://doi.org/10.1080/10640260601044535

Guerra-Torres, J. H., & Arango-Vélez, E. F. (2015). Muscle dysmorphia among competitive bodybuilders. Revista Politécnica11(20), 39-48. https://revistas.elpoli.edu.co/index.php/pol/article/view/487

Harrison, K., & Cantor, J. (1997). The relationship between media consumption and eating disorders. Journal of communication47(1), 40-67.  

https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1997.tb02692.x

Henson, C. (2003). Potential antecedents of muscle dysmorphia. Masters Theses & Specialist Projects. Paper 598. https://digitalcommons.wku.edu/theses/598

Higgins, S., & Wysong, A. (2018). Cosmetic surgery and body dysmorphic disorder–an update. International journal of women’s dermatology4(1), 43-48. https://doi.org/10.1016/j.ijwd.2017.09.007

Leit, R. A., Gray, J. J., & Pope Jr, H. G. (2002). The media’s representation of the ideal male body: A cause for muscle dysmorphia?. International Journal of Eating Disorders31(3), 334-338. https://doi.org/10.1002/eat.10019

Mitchison, D., Mond, J., Griffiths, S., Hay, P., Nagata, J. M., Bussey, K., … & Murray, S. B. (2021). Prevalence of muscle dysmorphia in adolescents: findings from the EveryBODY study. Psychological Medicine, 1-8. https://doi.org/10.1017/S0033291720005206

Olivardia, R. (2001). Mirror, mirror on the wall, who’s the largest of them all? The features and phenomenology of muscle dysmorphia. Harvard review of psychiatry9(5), 254-259. https://doi.org/10.1080/hrp.9.5.254.25

Olivardia, R. (2007). Muscle Dysmorphia: Characteristics, Assessment, and Treatment. In J. K. Thompson & G. Cafri (Eds.), The muscular ideal: Psychological, social, and medical perspectives (pp. 123–139). https://doi.org/10.1037/11581-006

Olivardia, R., Pope Jr, H. G., Borowiecki III, J. J., & Cohane, G. H. (2004). Biceps and body image: the relationship between muscularity and self-esteem, depression, and eating disorder symptoms. Psychology of men & masculinity5(2), 112. https://doi.org/10.1037/1524-9220.5.2.112

Pariser, E. (2011). The filter bubble: What the Internet is hiding from you. Penguin UK.

Phillipou, A., & Castle, D. (2015). Body dysmorphic disorder in men. Australian Family Physician44(11), 798-801. https://search.informit.org/doi/10.3316/informit.585209858722018

Phillips, K. A. (2005). The broken mirror: Understanding and treating body dysmorphic disorder. Oxford University Press, USA.

Pope Jr, H. G., Gruber, A. J., Choi, P., Olivardia, R., & Phillips, K. A. (1997). Muscle dysmorphia: An underrecognized form of body dysmorphic disorder. Psychosomatics38(6), 548-557. https://doi.org/10.1016/S0033-3182(97)71400-2

Pope Jr, H. G., Katz, D. L., & Hudson, J. I. (1993). Anorexia nervosa and “reverse anorexia” among 108 male bodybuilders. Comprehensive psychiatry34(6), 406-409. https://doi.org/10.1016/0010-440X(93)90066-D

Schoenenberg, K., & Martin, A. (2020). Bedeutung von Instagram und Fitspiration-Bildern für die muskeldysmorphe Symptomatik. Psychotherapeut65(2), 93-100. https://doi.org/10.1007/s00278-020-00403-3

Wienke, K. (2014). Welchen Einfluss hat Social Media auf einen möglichen Erfolg von Fitnessstudios: eine Bestandskundenanalyse von Fitnessstudios (Doctoral dissertation, Hochschule Mittweida).

Winter is coming

Saisonal abhängige affektive Störungen

Saisonal abhängige affektive Störungen gehen mit mehreren Besonderheiten einher. Beispielsweise sind die Symptome nicht mit der einer depressiven Störung kongruent und die Behandlung findet meist ohne Medikamenteneinnahme statt. Ein kompakter Überblick.

Von Sebastian Junghans
Lektoriert von Berit Barthelmes und Norzin Bhusetshang
Illustriert von Janice Lienhard

Auf dem Fussweg vom Bahnhof Oerlikon zum Psychologischen Institut in Zürich gibt es nicht viel zu sehen, bis auf eine Menge Grau. Man verlässt die betonlastige Bahnhofsunterführung, kreuzt eilig die Tramtrassen, nur um dann wieder in einem zum Institut führenden grauen Tunnel zu verschwinden. Der Zürcher Winter, geprägt vom wolkenbedeckten Himmel und unangenehmen Temperaturen, verstärkt die Wahrnehmung dieses Grau(en)s zusätzlich. Umso mehr geniesst man die Momente, in denen einige Sonnenstrahlen den Weg durch die Wolkendecke finden und das Grau kurzweilig zu vertreiben mögen. Es ist faszinierend, wie etwas Licht einen so hastigen Ort kurz innehalten lässt und den Passanten sichtlich Freude bereitet. Doch woran liegt diese saisonal abhängige Sehnsucht nach der Sonne und nach Licht?

Saisonale Gegebenheiten

Menschen sind in ihrer Stimmung und in ihrem Verhalten von saisonalen Gegebenheiten abhängig (Wehr & Rosenthal, 1989 in Magnusson & Boivin, 2003). Vielleicht merkt es manch eine oder einer bei sich selbst: Im Winter fällt das Aufstehen etwas schwerer, die Stimmung ist gedrückt und man würde am liebsten den ganzen Tag zuhause verbringen. Während solche Empfindungen unter Stimmungsschwankungen einzuordnen wären, gibt es Menschen, die stärker von saisonalen Gegebenheiten beeinflusst werden und vor allem im Winter an einer depressiven Symptomatik leiden.

1984 definierten Rosenthal und Kollegen seasonal affective disorders,oder zu Deutsch saisonal abhängige affektive Störungen, als ein Krankheitsbild, das sich durch jährliche zur gleichen Zeit auftretende Depressionen auszeichnet. Die Kriterien zur Diagnose einer saisonal abhängigen affektiven Störung nach DSM-5 wie auch nach ICD-10 sind das regelmässige, zeitlich zusammenhängende Auftreten einer depressiven Episode und einer Jahreszeit (bspw. Winter) und einer Remission im zeitlichen Zusammenhang mit einer Jahreszeit (bspw. Frühling). Eine vollständige Remission entspricht dabei dem Verschwinden der depressiven Symptomatik. Die Diagnose kann nur gestellt werden, wenn eine saisonal gebundene depressive Episode in den letzten zwei Jahren aufgetreten ist und in diesem Zeitraum keine nicht saisonal gebundenen depressiven Episoden vorgekommen sind. Zudem gibt es die Bedingung, dass die Patient*innen in ihrer Lebensgeschichte häufiger saisonal abhängige depressive Episoden als nicht saisonal abhängige depressive Episoden erlebt haben (Gründer, o. D.).

Neuere Untersuchung

Eine neuere Studie aus dem Jahr 2009 von Brancaleoni und Kollegen verglich Studierende aus Italien und Norwegen, um erneut die Hypothese der Prävalenz des positiven Zusammenhangs der Winterdepression mit dem Breitengrad zu testen. Die Resultate sprachen für eine Verwerfung der Hypothese, weil die Unterschiede zwischen den Gruppen gering waren. Zur Überprüfung wäre eine Replikationsstudie mit italienischen Studierenden, die in Norwegen studieren, sinnvoll. Der Vergleich mit ihren Landsleuten in der Heimat könnte mögliche Unterschiede aufdecken.

Verlauf und Symptome

Die meisten Betroffenen beginnen im Herbst oder frühen Winter Symptome zu entwickeln. Dazu gehören Symptome, die auch bei Depressionen auftreten, wie gedrückte Stimmung, Interessensverlust, Konzentrationsschwierigkeiten, Energielosigkeit und Müdigkeit. Zudem zeigen Betroffene sogenannte atypische Symptome. Darunter fallen Hypersomnie, vermehrter Appetit, vor allem auf kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Süssigkeiten, Gewichtszunahme, erhöhte Reizbarkeit und ein Schweregefühl, bei dem die Extremitäten als «schwer wie Blei» empfunden werden. Im Frühling oder Sommer remittieren diese Symptome und treten erst wieder im nächsten Herbst oder Winter auf.

Therapie

Saisonal abhängige affektive Störungen werden üblicherweise mit einer Lichttherapie behandelt (Magnusson & Boivin, 2003). Die Lichttherapie führt bei rund 80 Prozent der Patient*innen zur Remission. Bei der Therapie setzen sich Patient*innen vor eine spezielle Lampe, welche mit einer Lichtstärke von 2’500 bis 10‘000 Lux strahlt. Dies entspricht einer 5- bis 20-mal grösseren Lichtmenge als bei einer normalen Raumbeleuchtung. Patient*innen setzen sich 60-80 cm vom Lichttherapiegerät entfernt hin, das sich auf Augenhöhe befinden sollte. Bei Geräten mit 10’000 Lux wird empfohlen, sich 30 Minuten vor das Gerät zu setzen, wobei diese Dauer mit sinkender Luxzahl steigt. Dabei ist es nicht nötig direkt in das Gerät zu schauen, ein Blick alle Minute genügt, die restliche Zeit kann mit Lesen, Schreiben oder Arbeiten verbracht werden (Konstantinidis et al., 2003).

Die antidepressive Wirkung der Lichttherapie setzt nach 3 bis 4 Tagen ein – einiges schneller als bei der Einnahme von Antidepressiva. Dennoch kann es angebracht sein, Patient*innen medikamentös zu behandeln, wenn die Lichttherapie nicht wirkt.

Nach oben?

In der breiten Bevölkerung herrscht die Annahme, dass Winterdepression vor allem Bewohner*innen nördlicher Länder, wie Finnland, Norwegen oder Kanada, betrifft. Dies beruht wiederum auf der Annahme, dass die Winterdepression auf mangelndes Licht zurückzuführen sei. Festzuhalten ist: Je nördlicher die Koordinate, desto kürzer wird die Dauer zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Winter. Die Dauer betrug beispielsweise am 21. Dezember letzten Jahres in Helsinki 5 Stunden und 48 Minuten (Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Zeiten Helsinki, Dezember 2021, o. D.), während sie in Zürich 8 Stunden und 26 Minuten betrug (Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Zeiten Zürich, Dezember 2021, o. D.).

Zur Überprüfung der Hypothese, dass die Prävalenz einer Winterdepression mit nördlicheren Breitengraden steigt, wurden viele Studien durchgeführt, welche allerdings unterschiedliche Resultate hervorbrachten. Die Literatur gibt Anlass dazu, die Hypothese neu zu formulieren. In den Studien (z. B. Magnusson & Axelsson, 1993) war die Prävalenz für verschiedene Gruppen unterschiedlich. Zwischen 1870 und 1914 emigrierten rund 20‘000 Isländer*innen nach Nordamerika. Magnusson & Axelsson (1993) fanden dabei einen Ort in Kanada an dem 600 Nachfahren dieser Emigrant*innen lebten. Davon nahmen 250 an ihrer Befragung teil. Die Prävalenz für Winterdepressionen war in dieser Population signifikant geringer als bei Stichproben aus südlich gelegeneren Orten, wie New York, Maryland oder New Hampshire. Komplett verworfen werden sollte die Hypothese allerdings nicht: In einer isländischen Stichprobe wurden höhere Prävalenzen festgestellt als in der kanadisch-isländischen Stichprobe. Dies spricht für einen Einfluss des Breitengrades – allerdings nur zwischen sich ähnlichen Stichproben. Die Stichprobe aus Florida hatte die niedrigste Prävalenz aller untersuchter Orte. Magnusson und Axelsson (1993) interpretieren ihre Resultate so, dass der Breitengrad einen Einfluss auf die Prävalenz von saisonal abhängigen affektiven Störungen hat und dies innerhalb genetisch ähnlicher Populationen.

«The finding that the prevalence of combined SAD and S-SAD [subsyndromal seasonal affective disorder] was significantly lower in the Interlake district than in Iceland lends support to the hypotheses that prevalence rates of SAD and S-SAD are influenced by latitude within genetically similar populations.»

Magnusson & Axelsson, 1193, S. 951

Bei Verwandten ersten Grades von Betroffenen wurde ein erhöhtes Vorkommen von saisonal abhängigen affektiven Störungen gefunden (Enoch & Goldman, 2001). Dies spricht zusätzlich für die These, dass die Wahrscheinlichkeit eine saisonal abhängige affektive Störung zu bekommen, genetisch beeinflusst wird.

Frauen leiden häufiger an saisonal abhängigen affektiven Störungen als Männer. Die Erkrankung häuft sich nach der Pubertät (Swedo et al., 1995) und nimmt mit höherem Alter wieder ab (Eagles, 2001). In einer grossen deutschsprachigen Stichprobe (N = 610) lag das Durchschnittalter der Patient*innen bei rund 40 Jahren. Die Diagnosestellung fand durchschnittlich erst 11 Jahre nach der ersten depressiven Episode statt (Winkler et al., 2002).


Zum Weiterlesen

Magnusson, A. & Axelsson, J. (1993). The prevalence of seasonal affective disorder is low among descendants of Icelandic emigrants in Canada. Archives of General Psychiatry, 50(12), 947. https://doi.org/10.1001/archpsyc.1993.01820240031004

Magnusson, A. & Boivin, D. (2003). Seasonal affective disorder: An overview. Chronobiology International, 20(2), 189–207. https://doi.org/10.1081/cbi-120019310

Literatur

Eagles, J. M. (2001). Sociodemographic aspects. In T. Partonen & A. Magnusson (Eds.) Seasonal affective disorder, practice and research (pp. 33-46). Oxford: Oxford University Press.

Enoch, M. A., Goldman, D. (2001). Genetic influences. In T. Partonen & A. Magnusson (Eds.) Seasonal affective disorder, practice and research (pp. 261-266). Oxford: Oxford University Press.

Konstantinidis, A., Heiden, A., Kasper, S., Pjrek, E., Stastny, J., Thierry, N., Wimmer, R. Winkler, D. (2003). Diagnose, Ätiologie und Therapie der saisonal abhängigen Depression (SAD). Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie, 4(4), 26-30.

Brancaleoni, G., Nikitenkova, E., Grassi, L. & Hansen, V. (2009). Seasonal affective disorder and latitude of living. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 18(4), 336-343. https://doi.org/10.1017/s1121189x00000312

Gründer, G. (o. D.). Saisonal abhängige affektive Störung – Dorsch – Lexikon der Psychologie. dorsch.hogrefe.com. Abgerufen am 27. Januar 2022, von https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/saisonal-abhaengige-affektive-stoerung

Magnusson, A. & Axelsson, J. (1993). The prevalence of seasonal affective disorder is low among descendants of Icelandic emigrants in Canada. Archives of General Psychiatry, 50(12), 947. https://doi.org/10.1001/archpsyc.1993.01820240031004

Magnusson, A. & Boivin, D. (2003). Seasonal affective disorder: An overview. Chronobiology International, 20(2), 189-207. https://doi.org/10.1081/cbi-120019310

Rosenthal, N. E., Sack, D. A., Gillin, J. C., Lewy, A. J., Goodwin, F. K., Davenport, Y., Mueller, P. S., Newsome, D. A. & Wehr, T. A. (1984). Seasonal affective disorder. Archives of General Psychiatry, 41(1), 72-80. https://doi.org/10.1001/archpsyc.1984.01790120076010

Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Zeiten Helsinki, Dezember 2021. (o. D.). sunrise-and-sunset.com. Abgerufen am 26. Januar 2022, von https://www.sunrise-and-sunset.com/de/sun/finnland/helsinki/2021/dezember

Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Zeiten Zürich, Dezember 2021. (o. D.). sunrise-and-sunset.com. Abgerufen am 26. Januar 2022, von https://www.sunrise-and-sunset.com/de/sun/schweiz/zurich/2021/dezember

Swedo, S. E., Pleeter, J. D., Richter, D. M., Hoffmann, C. L., Allen, A. J., Hamburger, S. D., Turner, E. H., Yamada, E. M. & Rosenthal, N. E. (1995). Rates of seasonal affective disorder in children and adolescents. American Journal of Psychiatry, 152(7), 1016-1019. https://doi.org/10.1176/ajp.152.7.1016

Winkler, D., Willeit, M., Praschak-Rieder, N., Lucht, M. J., Hilger, E., Konstantinidis, A., Stastny, J., Thierry, N., Pjrek, E., Neumeister, A., Möller, H. J. & Kasper, S. (2002). Changes of clinical pattern in seasonal affective disorder (SAD) over time in a German-speaking sample. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 252(2), 54-62. https://doi.org/10.1007/s004060200012

Was sehen Sie?

Zur Interpretation von Tintenklecksen

Vor über hundert Jahren strebte der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach nach einem besseren Verständnis der inneren Vorgänge seiner psychotischen Patient*innen. Mit der als Rorschachtest bekannten Methode schien ihm das zu gelingen. Ein Mann und sein umstrittener Test: Ein Überblick.

Von Isabelle Bartholomä
Lektoriert von Natalie Birnbaum und Marina Reist
Illustriert von Shaumya Sankar

«Ein Elefant»

«Wo?»
«Na dort. Diese grosse Wolke ist der Kopf. Da, die Stosszähne. Und die kleine, lange daneben ist der Rüssel»

«Wie du meinst. Ich sehe da eher einen Menschen, der eine Angel auswirft»

Ein ähnliches Gespräch haben wohl die meisten von uns schon einmal geführt, den Blick nach oben zum Himmel gerichtet. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, wenn man die Wolken betrachtet und darin Formen, Symbole, Tiere oder Szenen zu erkennen glaubt. Es gibt nur verschiedene Perspektiven und subjektive Interpretationen. Manche werden sich auch schon einmal gefragt haben, ob das, was man in den Wolken sieht, etwas mit uns als Person, unserer Biografie und Persönlichkeit zu tun haben könnte. Dass dies so ist, ist die Annahme, welche projektiven Tests wie dem Rorschachtest zugrunde liegt.

Der Mann

Geboren wurde der spätere Psychiater Hermann Rorschach im Jahre 1884 in Zürich-Wiedikon (Müller-Wieland, 1957). Zwei Jahre später zogen seine Eltern, der Zeichenlehrer Ulrich Rorschach und seine Frau Philippine, mit ihm nach Schaffhausen, wo er mit seinen jüngeren Geschwistern aufwuchs. Nach dem Tod der Mutter 1897 verstarb 1903 auch der Vater an einer langwierigen, schweren Erkrankung. Laut Rorschachs Schwester Anna war diese Krankheit wohl der erste Anstoss für ihren Bruder, sich der Medizin und der Psychiatrie im Speziellen zu widmen. Er war inzwischen im letzten Jahr seiner gymnasialen Ausbildung. In der Scaphusia, einer Mittelschulverbindung in Schaffhausen, lautete sein Spitzname passenderweise «Klex». Nach der Maturitätsprüfung und einem ersten Semester in Neuchâtel immatrikulierte sich Rorschach an der Universität Zürich und verbrachte ausserdem jeweils ein Semester in Bern und Berlin. Im Jahr 1911 startete er die ersten Versuche mit klecksografischen Zufallsformen an Schüler*innen zur Erfassung der Phantasiekräfte. Anschliessend wandte er sich der Psychoanalyse zu und publizierte mehrere Artikel. 1917 brachte ihn die Dissertation «Phantasieprüfung mit formlosen Klecksen an Schulkindern» von Szymon Hens dazu, sich erneut mit psychodiagnostischen Studien zu befassen. Zwei Jahre später verfasste Rorschach sein Werk «Psychodiagnostik», also den Rorschachtest, welches 1921 von Ernst Bircher veröffentlicht wurde. 1922 starb Rorschach an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Seinem Werk wurde zu seinen Lebzeiten noch keine grosse Beachtung geschenkt (Müller-Wieland, 1957).

Der Test

Die Testunterlagen für den Rorschachtest bestehen aus zehn Tafeln mit ein- oder mehrfarbigen, symmetrischen Tintenklecksen (Germann, 2019). Diese werden der Testperson eine nach der anderen mit der Frage, was die Person sieht, gezeigt. Die Vorgehensweise, Interpretationen von Zufallsbildern auszuwerten, war keinesfalls neu. So nutzte beispielsweise Alfred Binet 1895 bereits eine Reihe von Klecksen zur Erfassung des visuellen Vorstellungsvermögens und der Phantasie. Rorschach hingegen interessierte sich insbesondere für die formalen Qualitäten der Wahrnehmung. Er erfasste unter anderem, wie leicht oder schwer die Bilder wahrgenommen und gedeutet wurden und ob die Wahrnehmung nur durch die Form oder auch durch empfundene Bewegungen oder Farben bestimmt war. Seine Befunde basierten auf der Unterscheidung zwischen «Farb-, Form- und Bewegungsantworten» und zwischen «introversiven» und «extraversiven», also nach innen oder nach aussen gerichteten Persönlichkeiten. Diese Persönlichkeiten zeigten sich im «Erlebenstyp» einer Person – der Art, wie sie typischerweise ihre Umwelt und optische Reize wahrnimmt. Dieser wird aus dem Verhältnis von Farb- zu Bewegungsantworten berechnet. Nach Rorschachs frühem Tod etablierte sich der Test in den 1930ern in den USA, wo er neben dem Thematischen Apperzeptionstest zu den wichtigsten projektiven Tests zählte. Zunehmend wurde ihm der Stellenwert als eine umfassende Persönlichkeitsdiagnostik zuteil, der zugesprochen wurde, vom kulturellen und sozialen Hintergrund der Person unabhängige Psychogramme zu produzieren. Schlussendlich schrieb man dem Test zu, die Person in dem zu erfassen, was sie erlebte, fühlte und dachte, und sie in einem Psychogram holistisch, den ganzen Menschen repräsentierend, abzubilden. Das Psychogram bestand aus verrechneten Werten, die durch Protokollierung und Kodierung aus den Antworten der Testperson ermittelt wurden. Es gab laut Rorschach keine feste Anleitung, wie die Werte letztlich zum verbal ausformulierten Psychogramm führten. Ausserdem solle man dabei stets den Gesamtbefund im Blick haben, was die Bedeutung der Erfahrung und Intuition der Auswertenden unterstreicht. Der Psychologe William Stern kritisierte 1922 die Beliebigkeit der Interpretation und Rorschachs Anspruch, mit einem Wahrnehmungstest die charakterlichen Merkmale einer Person erfassen zu wollen (Germann, 2019). Mit dieser Einschätzung sollte er nicht allein bleiben.

«In the twenty-odd years of its existence, the Rorschach method of personality diagnosis has firmly established its usefulness»

Rickers-Ovsiankina, 1943, S. 41

Ambivalenz unter Forschenden

Die Idee eines Verfahrens, durch das man mittels einer einzelnen Wahrnehmungsaufgabe relevante Charakteristika oder sogar den gesamten Menschen abbilden konnte, schien bei vielen Forschenden Anklang zu finden. Entsprechend folgte eine Welle an Studien und Artikeln zum Rorschachtest. Es wurden neue Auswertungs- und Verrechnungssysteme entwickelt und Möglichkeiten gesucht, den Rorschachtest für diverse Fragestellungen einzusetzen (Kurtz, 1948). Es häuften sich bestätigende Befunde aus empirischen Arbeiten (Rickers-Ovsiankina, 1943). Unzählige Publikationen hätten den empirischen Zusammenhang zwischen Perzeptionsmustern und Persönlichkeitsmerkmalen demonstriert, wodurch kaum Platz für Zweifel bliebe, argumentiert Rickers-Ovsiankina (1943). Teilweise wurde jedoch auch Kritik an der Methodik von Studien zum Rorschachtest geäussert. Kurtz (1948) beschreibt, dass der Rorschachtest als Prädiktor für Arbeitserfolg proklamiert wurde, weshalb Rorschach-Vertreter*innen anhand 42 sehr erfolgreicher und 38 nicht zufriedenstellender Führungskräfte ein Verrechnungssystem entwickelten. Als das System anschliessend an derselben Gruppe von Führungspersonen ausprobiert wurde, diskriminierte es wenig überraschend gut zwischen den guten und den schlechten Führungspersonen. Erst nach zwei Konferenzen mit mehreren Rorschach-Expert*innen, anderen Psycholog*innen und Vertretenden von Versicherungsfirmen wurde entschieden, dass das System an einer weiteren Gruppe von Führungskräften validiert werden sollte. Bei dieser zweiten Gruppe stellte sich das System als «completely useless» (Kurtz, 1948, S. 41) heraus. Kurtz stellt fest, dass manche Vertreter*innen den Rorschachtest als eine Religion oder ein Allheilmittel betrachten und ihn deshalb nicht als psychologischen Test verstehen, dessen Validität bestätigt statt angenommen werden muss. Des Weiteren stünden die Resultate der meisten anderen objektiven Validierungsstudien des Tests im Widerspruch zu den Meinungen der Verfechter*innen der Rorschach-Methode (Kurtz, 1948).

Buchempfehlung

Im Auge des Betrachters: Hermann Rorschach und sein bahnbrechender Test. Von Damion Searls, 2017.

Der Amerikaner Damion Searls veröffentlichte mit diesem Buch die erste Biografie von Hermann Rorschach, dem als Person bisweilen wenig Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte und dem Umfeld, in welchem Rorschach aufwuchs und wirkte. Im zweiten Teil befasst sich Searls damit, wie der Test in die USA gelangte und weiterentwickelt wurde, sowie mit wissenschaftlichen Debatten, beispielsweise bezüglich Exners Auswertungssystems. Zuletzt versucht der Autor einzuordnen, welche Bedeutung dem Test zukommt und was das Besondere daran ist. In ihrer Rezension wünscht sich Rall (2018) mehr «wissenschaftliche Präzision und psychiatriehistorischen Sachverstand». Trotzdem bietet das Buch einen spannenden Einblick in das Thema. Es richtet sich an ein breites Publikum und kann ohne psychologische Vorkenntnisse gelesen werden.

Auswertungssysteme

Als Versuch zur Vereinheitlichung und Objektivierung der Auswertung des Rorschachtests wurden verschiedene Systeme entwickelt. Malamud und Malamud (1946) gehen zum Beispiel davon aus, dass eine Auswertung mittels eines Multiple Choice Systems, vorgeschlagen im Jahr 1945 von Harrower-Erickson und Steiner zur Eignungsdiagnostik für militärische Zwecke, einen wichtigen methodologischen Fortschritt in Bezug auf projektive Tests darstellt. Im Angesicht der negativen Befundlage zur Validität des Verfahrens versuchten sich die Autor*innen daran, diese zu erklären, um das System zu verbessern. Nach einer Itemanalyse mit über 700 Versuchspersonen stellten sie fest, dass die Personen im Multiple Choice Szenario nicht unbedingt dieselben Antworten, oder auch nur Typen von Antworten, geben wie bei der freien Beantwortung der Frage (Malamud & Malamud, 1946).

Ein wichtiges Auswertungssystem, welches die Umstrittenheit des Rorschachtests zu beenden schien, indem es das Verfahren auf eine solide empirische Basis stellte, wurde im Jahr 1974 von Exner vorgeschlagen (Wood, Nezworski & Stejskal, 1996). Sein System – The Rorschach: A Comprehensive System, kurz TRACS – erweiterte und überarbeitete er anschliessend mehrfach. In diesem zweistufigen Verfahren werden zunächst mehrere Scores produziert, indem die einzelnen Antworten auf die zehn Tintenkleckse durch spezifische Codes, wie zum Beispiel «B» für eine Bewegungs- oder «F» für eine Formantwort, quantifiziert werden (Germann, 2019; Meyer et al., 2002). Im Anschluss daran wird durch die Aggregation der Scores über alle Antworten hinweg eine strukturelle Zusammenfassung erstellt, die zusätzlich Quotienten und Indices aus den verschiedenen Scores enthält. Wood und Kollegen (1996) kritisierten insbesondere die Interraterreliabilität, also das Ausmass an Übereinstimmung der Einschätzungen zwischen verschiedenen Auswertenden, und die Validität des Systems. Acklin und Kollegen (2000) erklären, dass diese Kritik daher wähnt, dass keine standardisierte Methodologie zur Ermittlung der Reliabilität des TRACS existiert. Aus den Resultaten ihrer Studie mit 786 Personen mit und ohne Erkrankungen schliessen sie, dass gut ausgebildete und erfahrene Auswertende mit dem TRACS überwiegend konsistente Ergebnisse produzieren. Sie räumen jedoch auch ein, dass manche aggregierten Variablen inakzeptable Reliabilitäten aufweisen. Gründe dafür sind unter anderem die geringe Häufigkeit mancher Antworten und Fehler, Vorurteile oder Inkonsistenz seitens der Auswertenden (Acklin et al., 2000). Auch Meyer und Kollegen (2002) betonen, dass die Reliabilität, mit welcher das TRACS eingesetzt werden kann, von der Fähigkeit des Durchführenden abhängt.

Klinische Diagnosen

Ein weiteres Anwendungsfeld des Rorschachtests stellen klinische Diagnosen dar. Wood und Kollegen (2000) beziehen sich in ihrem Review zunächst auf den klassischen Artikel von Garfield (1947), der sehr hohe Validitätskoeffizienten für den Rorschachtest in Bezug auf klinische Diagnosen berichtet. Die Autor*innen kritisieren jedoch die methodologischen Schwächen des Artikels, nämlich dass der Ausführende des Rorschachtests die Hypothese der Studie kannte – dementsprechend also nicht blind war – und dass jene Personen, welche die Diagnose zum Vergleich auf herkömmliche Art und Weise stellten, bereits über das Resultat des Rorschachtests informiert waren. Diese schwerwiegende Kritik stellt die Ergebnisse von Garfields Studie infrage, gilt jedoch laut Wood und Kollegen (2000) auch für viele aktuellere Publikationen. Eine kritische Evaluation der empirischen Literatur lässt sie zum Schluss gelangen, dass lediglich die Diagnosen Schizophrenie und Borderline Persönlichkeitsstörung einen Zusammenhang mit dem Rorschachtest aufweisen. Die Nützlichkeit wird jedoch auch bei diesen beiden Diagnosen infrage gestellt, da die Untersuchung mit dem Instrument relativ aufwendig ist und im Vergleich zu etablierten Methoden keine zusätzlichen Informationen liefert. Alles in allem sind die Behauptungen zur Validität der Methode häufig von ungerechtfertigtem Enthusiasmus und teils Übertreibung geprägt (Wood et al., 2000).

«Research on this topic has been underway for nearly 80 years, yet the results mainly have been disappointing. […] Clinical psychology probably should look elsewhere for new discoveries and better diagnostic techniques»

Wood et al., 2000, S. 419

Rorschachtest heute

Trotz der nach wie vor umstrittenen Validität und Nützlichkeit des Rorschachtests, wird immer noch Forschung damit und dazu betrieben. Hier seien exemplarisch zwei neuere Studien erwähnt. Esposito und Kollegen (2017) nutzten den Rorschachtest, um Persönlichkeitsunterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migräne zu finden. Kimoto und Kollegen (2017) fanden Unterschiede in den Antworten im Rorschachtest zwischen Patient*innen mit Alzheimer Demenz und Lewy-Body-Demenz, der zweithäufigsten neurodegenerativen Demenzform. Sie verwendeten zwar das TRACS, interpretierten die Ergebnisse allerdings nicht hinsichtlich der Persönlichkeit der Versuchspersonen, sondern schlussfolgerten, dass die Patient*innen die Tintenkleckse visuell unterschiedlich wahrnehmen. Die Studie stellt also einen Hinweis dafür dar, dass der Test zur Differenzierung der beiden Demenz-Diagnosen verwendet werden könnte (Kimoto et al., 2017). Möglicherweise birgt der Rorschachtest noch Potential, welches zukünftige Forschung aufdecken kann. Nach über hundert Jahren der Existenz dieses Testes muss man sich aber auch eingestehen, dass womöglich keine bahnbrechenden Ergebnisse mehr erzielt werden und der Rorschachtest lediglich, ähnlich wie der gemeinsame Blick in die Wolken, einen guten Start in ein (therapeutisches) Gespräch darstellt.


Zum Weiterlesen

Searls, D. (2017). The inkblots: Hermann Rorschach, his iconic test & the power of seeing. Simon & Schuster.

Literatur

Acklin, M. W., McDowell, C. J., II, Verschell, M. S., & Chan, D. (2000). Interobserver agreement, intraobserver reliability, and the Rorschach Comprehensive System. Journal of Personality Assessment, 74(1), 15-47. https://doi.org/10.1207/S15327752JPA740103

Esposito M., Messina A., Monda V., Bitetti I., Salerno F., Precenzano F., Pisano S., Salvati T., Gritti A., Marotta R., Lavano S. M., Lavano F., Maltese A., Parisi L., Salerno M., Tripi G., Gallai B., Roccella M., Bove D., … Carotenuto M. (2017). The Rorschach test evaluation in chronic childhood migraine: A preliminary multicenter case–control study. Frontiers in Neurology, 8, 680. https://doi.org/10.3389/fneur.2017.00680

Germann, U. (2019). Vom Klecks zum Psychogramm: Der Rorschach-Formdeutversuch als Aufführungs- und Aufzeichnungsverfahren. In M. Ankele, C. Kaiser, & S. Ledebur (Eds.), Aufführen – Aufzeichnen – Anordnen, pp. 123-145. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20151-7_8

Kimoto A., Iseki, E., Ota, K., Murayama, N., Sato, K., & Ogura, N. (2017). Differences in responses to the Rorschach test between patients with dementia with Lewy bodies and Alzheimer’s disease – from the perspective of visuoperceptual impairment. Psychiatry Research, 257, 456-261. http://dx.doi.org/10.1016/j.psychres.2017.08.038

Kurtz, A. K. (1948). A research test of the Rorschach test. Personnel Psychology, 1(1), 41-51. https://doi.org/10.1111/j.1744-6570.1948.tb01292.x

Malamud, R. F., & Malamud, D. I. (1946). The Multiple Choice Rorschach: A critical examination of its scoring system. The Journal of Psychology, 21(2), 237-242. https://doi.org/10.1080/00223980.1946.9917284

Meyer, G. J., Hilsenroth, M. J., Baxter, D., Exner, J. E., Jr, Fowler, J. C., Piers C. C., & Resnick, J. (2002) An examination of interrater reliability for scoring the Rorschach Comprehensive System in eight data sets. Journal of Personality Assessment, 78(2), 219-274. https://doi.org/10.1207/S15327752JPA7802_03

Müller-Wieland, M. (1957). Hermann Rorschach. Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte, 34, 344-352. http://doi.org/10.5169/seals-841340

Rall, V. (2018). Searls, Damion: The Inkblots. Hermann Rorschach, His Iconic Test, and the Power of Seeing. New York, Crown Publishing, 2017. 416 p. Ill. $ 28.–. ISBN 978-0-8041- 3654-9 (e-book: 978-0-8041-3655-6). Gesnerus, 75(1), 149-151. https://doi.org/10.1163/22977953-07501022

Rickers-Ovsiankina, M. (1943). Some theoretical considerations regarding the Rorschach method. Rorschach Research Exchange, 7(2), 41-53. https://doi.org/10.1080/08934037.1943.10381335

Wood, J. M., Lilienfeld, S. O., Garb, H. N., & Nezworski, M. T. (2000). The Rorschach test in clinical diagnosis: A critical review, with a backward look at Garfield (1947). Journal of Clinical Psychology, 56(3), 395-430. https://doi.org/10.1002/(SICI)1097-4679(200003)56:3<395::AID-JCLP15>3.0.CO;2-O

Wood, J. M., Nezwirsju, M. T., & Stejskal, W. J. (1996). Thinking critically about the Comprehensive System for the Rorschach: A reply to Exner. Psychological Science, 7(1), 14-17. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.1996.tb00660.x&nbsp;

Climate Anxiety

Wenn der Klimanotstand auf die Psyche schlägt

Der Artikel stellt das neue Phänomen «Climate Anxiety» vor. Verschiedene Perspektiven und Definitionen aus den Bereichen der Psychologie, Soziologie und Philosophie werden betrachtet. Ausserdem wird ein Blick auf die Klimagerechtigkeit und Rassismus geworfen.

Von Caroline Meinshausen
Lektoriert von Laura Trinkler und Hannah Meyerhoff
Illustriert von Melina Camin

Die Klimakrise ist brandaktuell. Sie zeigt sich in der Eisschmelze, Hochwasser, extremen Temperaturen und anderen heftigen Wetterereignissen (Europäische Komission, o. D.). Wer in seiner Region nicht direkt betroffen ist, bekommt meist durch die Medien mit, was der Klimawandel auf der Welt anrichtet. Das menschgemachte Phänomen hat laufend horrende Auswirkungen. Ein Blick in die Zukunft verheisst eine Vielzahl düsterer Prognosen: Artensterben, Schwinden der Gletscher, Meeresspiegelanstieg, extreme Hitze und aus alldem folgend enorme gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Schäden (Europäische Komission, o. D.).

Wie geht es uns mit diesem Wissen und den zahlreichen schlechten Nachrichten aus aller Welt – wie geht es uns damit? Ist das nicht zum Verzweifeln? Bis zur Verzweiflung geht es wohl bei den meisten Menschen (noch) nicht. Aber die drohende Zerstörung des Planeten, wie wir ihn kennen, kann belastend sein (Panu, 2020).

Seit Kurzem lässt sich dieses Phänomen durch einen Begriff beschreiben: Climate Anxiety. Im Google n-gram Viewer, der die Häufigkeit von Wörtern in digitalisierten Buchbeständen anzeigt, ist ersichtlich, wie der Begriff in den 1970ern aufkam und aktuell wieder an Popularität gewinnt.

«Climate Anxiety» im Google nGram Viewer: Mit dieser Häufigkeit wurde das Wort im grossen Buchbestand (Englisch) von 1950-2019 verwendet (nach dem Vorgehen von Lin et al., 2012).

Warum wurde das Wort Climate Anxiety schon in den 1970ern gehäuft verwendet?

Der Psychiater und Psychoanalytiker Harold Searles veröffentlichte 1960 ein Buch mit dem Titel The nonhuman environment in normal development and in schizophrenia. In diesem Werk stellte er dar, wie wichtig es ist, der nicht-menschlichen Umwelt eines Menschen Beachtung zu schenken. Searles (1960) untersuchte zum Beispiel die Bezogenheit eines Kleinkindes auf seine Umwelt und erweiterte die Perspektive um die nicht-menschlichen Dinge: Für die Entwicklung des Kindes sind zum Beispiel nicht nur die Mutter und andere Menschen relevant, sondern auch die ganze Umgebung. Auch bei der Betrachtung von schizophrenen Wahnvorstellungen entdeckte Searles (1960), dass die Umgebung der Person relevant ist, um Wahninhalte und innere Konflikte besser zu verstehen (Coleman Nelson, 1961). Dieser Hinweis auf die enge und vielfältige Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt führte zu ersten öko-psychologischen Überlegungen (Coleman Nelson, 1961).

Doch was genau ist Climate Anxiety? Es handelt sich um einen neuen Begriff, für den viele verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten vorliegen (Panu, 2020). Diese können helfen, die zahlreichen Auswirkungen des Klimanotstandes auf die menschliche Psyche umfassender zu begreifen. Vorweggesagt: Das Phänomen ist so weitgreifend wie die Klimakrise selbst (Panu, 2020). In einer Studie von Ogunbode (2021) konnten in 25 westlichen und nicht-westlichen Ländern symptomatische Belastungen der psychischen Gesundheit nachgewiesen werden, welche durch Formen von Climate Anxiety ausgelöst wurden.

Was ist Anxiety?

Im Deutschen lässt sich Anxiety als ein Zustand von Sorge, Angst und Anspannung beschreiben (Panu, 2020). Hierbei ist wichtig zu betonen, dass Anxiety für sich genommen eine natürliche und gesunde Reaktion auf ein (potenziell) belastendes Ereignis ist. Eine Pathologisierung der Climate Anxiety muss unbedingt vermieden werden. Es kann sonst zu grundsätzlichen Missverständnissen um die Tragweite des auslösenden Ereignisses kommen und die Realität der Lage würde zu Unrecht in Zweifel gezogen werden. In Einzelfällen kann Climate Anxiety zu einer klinischen Angststörung werden, bei der das Ausmass der Angst und Anspannung nicht mehr im Verhältnis zum Auslöser steht. Dies kommt aber weitaus seltener vor. Es ist wichtig, das reale emotionale Erleben der Menschen angesichts der Klimakrise zu validieren – daher ist Climate Anxiety ein wichtiger Begriff, besonders weil er nicht pathologisch zu verstehen ist (Panu, 2020). Es gibt ausserdem Evidenz, dass Climate Anxiety nicht von einer stärker gefährdeten Gruppe mit erhöhter Anfälligkeit erlebt wird, sondern von Menschen allgemein (Hyry, 2019).

Psychologischer und soziologischer Blick

Angst entsteht meist durch einen konkreten Auslöser (Panu, 2020). Anxiety hingegen wird oft von starker Ungewissheit ausgelöst, die auch bei der Klimakrise sehr präsent ist. Furcht und Sorge zeigen sich als Reaktionen auf diese Ungewissheit. Climate Anxiety bezieht sich also auf das Erleben von Furcht und Besorgnis in Bezug auf verschiedene Aspekte (Panu, 2020). Einerseits kann die Zerstörung unserer (Um)Welt, wie wir sie kennen, zu grosser Furcht führen (Clayton et al., 2017). Andererseits bezieht sich diese Besorgnis auch auf unser Verhältnis zu beziehungsweise unseren Umgang mit der Umwelt (Albrecht, 2018). Die Abgrenzung von Furcht und Sorge zu Angst ist in diesem Fall schwierig zu vollziehen (Panu, 2020). Climate Anxiety bezeichnet einen umfassenden umweltbezogenen Stress. Ohnmacht und Hilflosigkeit sind ebenfalls wichtige Bestandteile der Climate Anxiety. Diese werden insbesondere durch den Umstand ausgelöst, dass die Klimakrise für kaum jemanden ein zufriedenstellendes Mass an Kontrollmöglichkeiten zulässt. Der permanente Strom von Nachrichten in den Medien trägt zum Gefühl der Überwältigung und Überforderung bei (Panu, 2020).

«[…] ‪climate change constitutes a profound challenge ‪to established ways of life in Western nations and constitutes the emergence ‪of an ongoing and expanding cultural trauma.»

Brulle, 2019, S. 899

Soziologisch gesehen, entsteht durch den Klimawandel auch eine Veränderung der sozialen Ordnung, was Angst und Stress auslösen kann (Panu, 2020). In einer Zeit, in der Traditionen und Normen sich zunehmend lockern, die Freiheit der Individuen sich erweitert und gesellschaftliche Veränderungen stattfinden, ist der*die Einzelne zunehmend mit Ungewissheit konfrontiert. Technische Neuerungen torpedieren diese Entwicklung. Das Fehlen sozialer Normen für den Umgang mit dem Klimawandel ist eine weitere Quelle von Unsicherheit oder gar Frustration (Panu, 2020).

Noch negativere Auswirkungen als fehlende Normen kann ein fehlender Austausch haben (Panu, 2020). Es entsteht ein sozial konstruiertes Schweigen, in dem Besorgnisse und Gefühle gegenüber der Klimakrise nicht geäussert werden können (Panu, 2020). Die verschiedenen Meinungen und Positionen erscheinen so widersprüchlich und unvereinbar, dass der Diskurs abgebrochen wird (Norgaard, 2011). Dies kann Climate Anxiety weiter verstärken (Panu, 2020). Nicht allein ökologische Veränderungen üben also Druck auf die menschliche Psyche aus, auch der soziale Umgang oder Nicht-Umgang mit diesen Veränderungen hat einen starken Einfluss (Panu, 2020).

Aus psychodynamischer Sicht ist hier zusätzlich der Teufelskreis von Furcht und Verleugnung interessant, der seinerseits zu einer intraindividuellen Verstärkung der Anspannung führen kann (Panu, 2020). «Environmental Melancholia» bezeichnet einen Zustand der unbewussten Trauer angesichts der Folgen des Klimawandels (Lertzman, 2015). Ob umweltbezogene Besorgnisse adressiert und bearbeitet werden können, wird auch in der Zukunft von grosser Bedeutung für die mentale Gesundheit sein (Panu, 2020). Climate Anxiety kann sogar Einfluss auf Überlegungen für oder gegen eine Familiengründung nehmen (Nairn, 2019), was den Bedarf an Aufmerksamkeit für dieses Thema und seine Reflexion unterstreicht.

Existenzielle Sichtweise

Es erscheint nicht abwegig, Climate Anxiety mit den grundlegendsten Sorgen und Ängsten zu verbinden, die wir in Bezug auf die elementaren Gegebenheiten des Lebens hegen. Der Tod ist ein zentrales Thema medialer Untergangsprophezeiungen sowie wissenschaftlicher Vorhersagen, wie etwa zum Thema der Temperaturentwicklungen (Adams, 2014). Neben der Ungewissheit in Bezug auf konkrete Entwicklungen und Herausforderungen in unserer nahen Zukunft tritt hier eine «ontologische Unsicherheit» auf. Diese Form der Unsicherheit besteht darin, dass die Strukturen, in denen wir leben, nicht von unbegrenzter Dauer und sogar konkret bedroht sind. Eine tatsächliche oder imminente Störung unserer Lebenswelt, deren Konsumverhalten mit ursächlich für die Klimakrise ist, kann starke Gefühle von Trauer und auch Schuld hervorrufen (Adams, 2014).

Moralische Emotionen und «Practical Anxiety»

Furcht und Besorgnis als natürliche Reaktionen auf eine Bedrohung können auch positive Aspekte enthalten (Kurth, 2018). «Practical Anxiety» regt Informationsbeschaffung und Problemlöseverhalten an (Kurth, 2018). Es kommt zum Beispiel zu einem Überdenken des eigenen Konsumverhaltens und Lebensstils bei Einzelpersonen wie auch in Gemeinschaften (Kurth, 2018). Als moralische Emotion zeigt Climate Anxiety einerseits an, dass etwas geschieht, das nicht recht ist (Panu, 2020). Andererseits bekräftigt sie auch die Bedeutsamkeit, sich um dieses Geschehen Sorgen zu machen. Dieses Potenzial scheint bei der Frage relevant zu sein, wie künftig mit dem Klimanotstand und seinen psychischen Folgen umgegangen werden kann. Sich um die Umwelt zu sorgen, ist ein erster Schritt für die Umwelt zu sorgen. Das kann bedeuten, Missverhältnisse zu adressieren und nicht stiller Beobachter oder Leugner der drohenden Veränderungen zu sein. Es braucht also Mittel und Wege, um die positiven und konstruktiven Seiten von Climate Anxiety für den Kampf gegen die Klimakrise dienstbar zu machen. Die lähmenden Aspekte der negativen Gefühle dagegen müssen begrenzt werden (Panu, 2020).

Climate Anxiety – ein weisses Phänomen?

Die Störung der Lebenswelt und sozialen Ordnung, die der Klimawandel bedeutet, ist per se aversiv (Panu, 2020). Sie geht mit der Infragestellung eines bisherigen Lebensstils, gesellschaftlicher Normen und Prioritäten einher und es werden existenzielle Bedürfnisse bedroht (Panu, 2020). Dr. Sarah Jaquette Ray, Autorin von A field guide to climate anxiety, weist darauf hin, dass Climate Anxiety ein sehr «weisses» Phänomen ist (Ray, 2021). Weisse Menschen sprechen und agitieren sehr viel über Klimaphänomene, wobei sie im Vergleich zu nicht-weissen Gemeinschaften erheblich weniger von den Folgen betroffen sind. Diese nicht-weissen Gemeinschaften weisen eine Resilienz auf, die den nicht-weissen fehlt – daher scheint Climate Anxiety ein weisses Phänomen zu sein (Ray, 2021).

Es muss aber beachtet werden, wie diese Resilienz entstanden ist: Unterdrückung, Marginalisierung sowie das Absprechen ihrer Existenzberechtigung haben nicht-weisse Gemeinschaften in der Vergangenheit und bis heute gezwungen, Resilienz zu entwickeln (Ray, 2021). Die Klimakrise ist nicht die erste oder grösste existenzielle Bedrohung unserer Zeit und ihre Darstellung als solche leugnet die Erfahrung nicht-weisser Gemeinschaften. Rassismus und Ausbeutung bedrohen nicht-weisse Gemeinschaften existenziell. Climate Anxiety kann daher auch als Anhaften weisser Gemeinschaften an ihren Privilegien interpretiert werden, die bisher nicht auf diese tiefgreifende Weise bedroht wurden. Diese Einsichten sind entscheidend für die Ausgestaltung unserer Reaktionen auf die Klimakrise. Die konstruktiven Aspekte von Climate Anxiety müssen zugunsten von Klimagerechtigkeit eingesetzt werden. Die Gefahr eines ökologischen Rassismus muss bewusst gemacht und aktiv abgewendet werden. Wir können die Geschichte nicht ausser Acht lassen, um die Zukunft zu retten, schreibt Ray (2021).

«We need to channel grief toward collective liberation.»

Ray, 2021, S. 2

Fazit

Climate Anxiety ist ein vielgestaltiges und wichtiges Phänomen, das als natürliche Reaktion auf die massiven, kaum kontrollierbaren Bedrohungen unserer Umwelt durch die Klimakrise auftritt (Panu, 2020). Als Motivatoren für eigenes und kollektives klimapositives Handeln können die negativen Gefühle von Besorgnis, Furcht und Angst aber konstruktiv umgewandelt werden (Panu, 2020). Beim Betrachten der existenziellen Dimension von Climate Anxiety ist zu beachten, dass diese vor allem für weisse, privilegierte Gemeinschaften gilt, die die mögliche Zerstörung ihrer Lebenswelt historisch noch nicht erfahren haben (Ray, 2021). Insbesondere dadurch sind sie also auch in der Verantwortung, an alle Reaktionen auf den Klimanotstand im Sinne der Klimagerechtigkeit zu denken. Umweltbezogene Trauer resultierend aus Klimawandel wie aus Rassismus, muss in Richtung kollektiver Befreiung gelenkt werden (Ray, 2021).


Zum Weiterlesen

National Institute of Mental Health. (2018). Anxiety disorders. https://www.nimh.nih.gov/health/topics/anxiety-disorders/

Ray, S. J. (2020). A field guide to climate anxiety. University of California Press.

Brulle, R. J., & Norgaard, K. M. (2019). Avoiding cultural trauma: Climate change and social inertia. Journal of Environmental Politics, 28(5), 886–908. https://doi.org/10.1080/09644016.2018.1562138

Literatur

Adams, M. (2014). Approaching nature,‘sustainability’ and ecological crises from a critical social psychological perspective. Social and Personality Psychology Compass, 8(6), 251–262. https://doi.org/10.1111/spc3.12104

Brulle, R. J., & Norgaard, K. M. (2019). Avoiding cultural trauma: Climate change and social inertia. Journal of Environmental Politics, 28(5), 886–908. https://doi.org/10.1080/09644016.2018.1562138

Coleman Nelson, M. (1961). The Nonhuman Environment in Normal Development and in Schizophrenia by Harold F. Searles (Book Review). Psychoanalysis and the Psychoanalytic Review, 48(3), 121–123.

Clayton, S., Manning, C., Krygsman, K., & Speiser, M. (2017). Mental health and our changing climate: Impacts, implications, and guidance. Washington, DC: American Psychological Association and ecoAmerica.

Europäische Komission. (o. D.). Folgen des Klimawandels. https://ec.europa.eu/clima/change/consequences_de

Hyry, J. (2019, June 24). Kansalaiskysely Ilmastonmuutoksesta ja Tunteista [National Survey on Climate Change and Emotions]. Sitra The Finnish Innovation Fund Website.https://media.sitra.fi/2019/08/21153439/ilmastotunteet-2019-kyselytutkimuksen-tulokset.pdf

Kurth, C. (2018). The anxious mind: An investigation into the varieties and virtues of anxiety. MIT Press.

Lin, Y., Michel, J. B., Aiden, E. L., Orwant, J., Brockman, W., & Petrov, S. (2012). Syntactic annotations for the google books ngram corpus. Proceedings of the ACL 2012 System Demonstration, 169–174.

Lertzman, R. A. (2015). Environmental melancholia: Psychoanalytic dimensions of engagement. Routledge.

Nairn, K. (2019). Learning from young people engaged in climate activism: The potential of collectivizing despairand hope. Sage Journals, 27, 435–450. https://doi.org/10.1177%2F1103308818817603

National Institute of Mental Health. (2018). Anxiety disorders. https://www.nimh.nih.gov/health/topics/anxiety-disorders/

Norgaard, K. M. (2011). Living in denial: Climate change, emotions, and everyday life. MIT Press.

Ogunbode, C.A., Pallesen, S., Böhm, G., Doran, R.,  Bhullar, N., Aquino, S., Marot, T., Schermer, J. A., Wlodarczyk, A., Lu, S., Jiang, F., Salmela-Aro, K., Hanss, D., Acquadro Maran, D., Ardi, R., Chegeni, R., Tahir, H., Ghanbarian, E., Park, J., Tsubakita, T.,  Tan, C.-S., van den Broek, K. L., Chika Chukwuorji, J. Ojewumi, K., Reyes, M. E. S., Lins, S., Enea, V., Volkodav, T., Sollar, T., Navarro-Carrillo, G., Torres-Marín, J., Mbungu, W., Onyutha, C., & Lomas, M. J. (2021). Negative emotions about climate change are related to insomnia symptoms and mental health: Cross-sectional evidence from 25 countries. Current Psychology, 1–10. https://doi.org/10.1007/s12144-021-01385-4

Panu, P. (2020). Anxiety and the ecological crisis: An analysis of eco-anxiety and climate anxiety. Sustainability, 12(19), 7836–7856. https://doi.org/10.3390/su12197836

Psychoterratica. Glenn Albrecht’s Web Page. (2018, June 18). Global Dread. https://glennaalbrecht.wordpress.com/2018/06/18/naming-unnamed-emotions-and-feelings/

Ray, S. J. (2020). A field guide to climate anxiety. University of California Press.

Ray, S. J. (2021, March 21). Climate anxiety is an overwhelmingly white phenomenon. Scientific American. https://www.scientificamerican.com/article/the-unbearable-whiteness-of-climate-anxiety

Kerngesund und trotzdem krank

Die Problematik und Ätiologie funktioneller somatischer Syndrome

Lässt sich für körperliche Symptome keine medizinische Ursache finden, kann dies die Betroffenen stark belasten und die Behandler*innen herausfordern. Teilweise wird dann von funktionellen somatischen Syndromen gesprochen. Doch was heisst das? Trotz Diagnosestellung bleibt die Frage: «Wenn nicht medizinisch, was dann?». 

Von Julia J. Schmid 
Lektoriert von Anja Blaser und Berit Barthelmes 
Illustriert von Gianna Zorzini

Schmerzen sowie andere unspezifische körperliche Symptome werden von allen Menschen ab und zu erlebt und können unterschiedlich stark belasten (Nater et al., 2016). Meist sind diese Beschwerden vorübergehend und führen nicht zu einer dauerhaften Beeinträchtigung des Alltags. Allerdings werden auch schwerwiegendere Symptome wie anhaltende Erschöpfungszustände berichtet, die in Verunsicherung und Angst münden können (Nater et al., 2016). Oft sind die Betroffenen überzeugt, dass diese Ausdruck einer organischen Krankheit sind und suchen daher Hilfe bei somatisch ausgebildeten Ärzt*innen in der Hoffnung, den Grund für die Beschwerden zu erfahren (Dinkel & Lahmann, 2016; Fritzsche, 2020). Schätzungsweise erhalten jedoch bis zu zwei Drittel aller Patient*innen trotz eingehender Diagnostik nie eine biomedizinische Erklärung für ihre Symptome (Nater, 2011). Solche somatischen Beschwerden, die sich mit dem aktuellen Stand der Medizin nicht begründen lassen, werden in der Primärversorgung als «medizinisch nicht erklärbar» oder als «funktionell» bezeichnet (Kroenke & Mangelsdorff, 1989). 

Fast jedes Symptom kann auch ohne Krankheit auftreten, aber einige wie Müdigkeit sind eher funktionell als andere (Mayou & Farmer, 2002). Erstaunlicherweise sinkt mit der Anzahl der Symptome die Wahrscheinlichkeit, dass eine somatische Krankheit vorliegt (Mayou & Farmer, 2002). Je nach Konstellation der funktionellen somatischen Symptome lassen sich eine Reihe von Syndromen definieren (Nater, 2011). Zu den häufigsten funktionellen somatischen Syndromen (FSS) gehören das Reizdarmsyndrom, das Fibromyalgiesyndrom und das chronische Erschöpfungssyndrom (Nater, 2011). Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere in der Literatur beschriebene Syndrome wie Spannungskopfschmerzen, atypische Gesichtsschmerzen und das prämenstruelle Syndrom (Nater, 2011).  

«Surprisingly, the more somatic symptoms a person has, the less likely it is that these symptoms reflect the presence of disease and the more likely there is associated depression and anxiety.» 

Mayou & Farmer, 2002, S. 266 

Eine ernstzunehmende Erkrankung 

Die Prävalenz der FSS liegt in der Normalbevölkerung bei etwa zehn (Fischer et al., 2013) und in klinischen Stichproben bei bis zu über 50 Prozent (Henningsen et al., 2007). Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). FSS führen im selben Masse wie medizinisch erklärbare Beschwerden zu psychischen Beeinträchtigungen, einem reduzierten sozialen Funktionsniveau (u. a. reduzierte Teilnahme am Arbeitsleben) und der Verschreibung psychotroper Medikamente (Joustra et al., 2015; Kisely & Simon, 2006; Lahmann et al., 2015). Die Lebensqualität ist durchschnittlich sogar stärker beeinträchtigt als bei Patient*innen mit ähnlichen Beschwerdebildern, die auf eine organische Ursache zurückzuführen sind (Henningsen et al., 2007). Zudem liegen hohe Komorbiditätsraten mit psychischen Störungen, vor allem Angststörungen und depressiven Störungen, vor (Nater et al., 2016). Bei Patient*innen mit schweren Verläufen muss darüber hinaus das erhöhte Suizidrisiko beachtet werden (Wiborg et al., 2013).  

Andere Fachrichtung, andere Diagnose 

Je nach Kontext werden medizinisch nicht erklärbare körperliche Beschwerden anders bezeichnet und kategorisiert (Nater et al., 2016). Während in spezialisierten Institutionen von FSS gesprochen wird, ist im psychiatrischen und psychotherapeutischen Rahmen die Verwendung der Diagnosekategorie «Somatoforme Störungen» des DSM-IV bzw. «Somatische Belastungsstörung» des DSM-5 üblicher (Nater et al., 2016). Die Begriffe beschreiben die gleichen Krankheitsentitäten aus unterschiedlichen Sichtweisen (Mayou & Farmer, 2002; Lahmann et al., 2010). Diese Vielzahl an möglichen Bezeichnungen kann einerseits als Konsequenz der diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen sowie der noch teilweise unbekannten Ätiologie gedeutet werden (Häuser & Lempa, 2004). Anderseits werden die Diagnostik und die Therapie durch die unterschiedlichen Terminologien und diagnostischen Kriterien der beteiligten Disziplinen weiter erschwert (Häuser et al., 2004). So erhalten nur wenige Patient*innen, die die Kriterien für ein FSS erfüllen, eine entsprechende Diagnose (Kingma et al., 2013). 

Hinweise auf FSS gemäss Fritzsche (2020) 

  • Symptome folgen nicht anatomischen oder physiologischen Mustern 
  • Diffuse Schilderung der Symptome 
  • Patient*in wirkt klagend, fordernd und anklammernd 
  • Durch Nachfragen weitere funktionelle Symptome feststellbar 
  • Häufiger Arztwechsel 
  • Vorliegen aktueller Belastungen oder Stress 
  • Vorliegen mehrerer assoziierter Faktoren (u. a. weibliches Geschlecht, psychische Störungen in der Vorgeschichte, frühere Krankheitserfahrungen in der Familie (Harvey & Wessely, 2013) 

Unterdiagnostiziert 

Bei den FSS handelt es sich grundsätzlich um Ausschlussdiagnosen, die erst in Betracht gezogen werden, wenn die Suche nach einer körperlichen Ursache erschöpft ist (Harvey & Wessely, 2013; Nater et al., 2016). Die Symptomatik der FSS ist sehr komplex und kann sich über die Zeit ändern, beispielsweise von Kopf- zu Rückenschmerzen (Henningsen et al., 2007). Die Störungen können schubartig auftreten und häufig bestehen Symptome verschiedener Organsysteme gleichzeitig (Berg, 2005; Henningsen et al., 2007). Oft findet sich zusätzlich eine psychische Symptomatik (Henningsen et al., 2007). Unter anderem aufgrund dieser Komplexität und Variabilität werden die FSS erst spät oder auch gar nicht diagnostiziert. Bis zur richtigen Diagnose und anschliessend adäquaten Versorgung dauert es im Durchschnitt sieben Jahre (Henningsen et al., 2007). Die Gründe für die Unterdiagnostizierung liegen aber nicht nur bei den Symptomen, sondern auch den Ärzt*innen und Patient*innen. 

Schwierige Patient*innen? 

Typischerweise (aber nicht ausschliesslich) gehen die Patient*innen von einer somatischen Ursache ihrer Beschwerden aus (Lahmann et al., 2010). Oft haben sie kein Bewusstsein für die Zusammenhänge mit aktuellen oder früheren psychischen und sozialen Belastungen (Fritzsche, 2020). Das Versteifen auf eine organische Ursache kann auch im Wunsch begründet sein, als Patient*in ernstgenommen zu werden (Lahmann et al., 2010). Nehmen die Behandler*innen diese somatische Sichtweise auf, so werden häufig nicht indizierte, teilweise sogar risikoreiche Untersuchungen und Therapieversuche durchgeführt, was letztlich zu langwierigen Krankheitsverläufen und einer starken psychischen Belastung führt (Lahmann et al., 2010; Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). Die Enttäuschung aufgrund gehäufter fehlgeschlagener Therapieversuche kann zu Unzufriedenheit mit den aktuellen Behandler*innen und damit zu Therapieabbrüchen und Arztwechseln führen (Lahmann et al., 2010). Somit bedingen FSS eine überproportionale, dysfunktionale und kostenintensive Inanspruchnahme des Gesundheitswesens (Lahmann et al., 2010). Patient*innen mit FSS werden häufiger untersucht, stärker invasiv behandelt und verursachen mehr Kosten als die durchschnittlichen Patient*innen einer Hausarztpraxis (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). 

«Funktionelle Körperbeschwerden stellen hohe Anforderungen an die Beziehung zwischen Arzt und Patient, denn das Unerklärte will dennoch erklärt und vor allem gebessert werden.»

Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003, S. 219 

«Sie haben nichts!» 

Auf Seiten der Ärzt*innen kann neben mangelnder Kenntnis der Störungsbilder das Selbstverständnis der Medizin, in erster Linie lebensbedrohliche Erkrankungen auszuschliessen, die Diagnosestellung erschweren (Dinkel & Lahmann, 2016). Aber auch die Vermutung, dass FSS vorliegen, stellt die Ärzt*innen vor eine Herausforderung (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). Für ein Gespräch, um zugrundeliegende psychosoziale Probleme zu erkennen, fehlt meist die Zeit sowie die Ausbildung (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). Zudem können Bemühungen um eine psychosoziale Sichtweise von den Patient*innen als Stigmatisierung oder Bedrohung ihrer Identität wahrgenommen werden (Burbaum et al., 2010). Für manche Patient*innen entsteht der Eindruck von den Ärzt*innen nicht ernstgenommen zu werden oder aufgegeben worden zu sein (Harvey & Wessely, 2013; Mayou & Farmer, 2002). Werden hingegen weitere Untersuchungen durchgeführt und Medikamente verschrieben, verdienen die Behandler*innen einerseits Geld und anderseits können die akuten Beschwerden gelindert werden (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). Zwar fühlen sich die Patient*innen dadurch ernstgenommen, jedoch werden die wahren Hintergründe ihres Leidens weiter verschleiert. Eine Häufung von Untersuchungen, die ergeben, dass keine medizinisch erklärbare Krankheit vorliegt, können die Patient*innen zur Überzeugung ärztlicher Unfähigkeit führen und ihre Angst verstärken (Zimmermann & Kaduszkiewicz, 2003). Eine durch Missverständnisse und gegenseitiges Misstrauen gekennzeichnete Arzt-Patient-Beziehung kann die Folge sein (Nater et al., 2016). 

Therapeutische Grundhaltung bei FSS gemäss Fritzsche (2020) 

  • Ernstnehmen der körperlichen Beschwerden 
  • Verständnis für Hilflosigkeit, Enttäuschung und Ärger aufbringen 
  • Unwahrscheinlichkeit einer ernsten organischen Erkrankung benennen und dennoch somatische Ebene im Blick behalten 
  • Keine vorschnelle Verknüpfung von berichteten oder vermuteten psychischen Belastungen mit den körperlichen Beschwerden 
  • Lange Krankschreibungen, unnötige Überweisungen und Eingriffe vermeiden 

Vernichtende Kritik? 

Wie bereits angedeutet, ist das Phänomen medizinisch nicht erklärbarer körperlicher Beschwerden nicht unumstritten (Nater et al., 2016). So wird von manchen Forscher*innen und Praktiker*innen der Standpunkt vertreten, dass es eine Frage der Ausführlichkeit der medizinischen Abklärung oder des medizinischen Fortschrittes sei, ob Beschwerden erklärt werden können (Nater et al., 2016). Klare Ausschlusskriterien und definitorische Grenzen scheinen zu fehlen (Lahmann et al., 2010).  

Werden die Symptombilder der FSS verglichen, wird deutlich, dass manche Symptome wie Müdigkeit, Schmerzen, kognitive Beeinträchtigungen und gastrointestinale Beschwerden bei fast allen Syndromen vorkommen und die Somatisierung bei allen FSS eine entscheidende Rolle spielt (Barsky & Borus, 1999; Henningsen et al., 2004). Gleichzeitig erfüllen einige Patient*innen die Kriterien für mehrere FSS (Henningsen et al., 2004). In diesem Kontext wird diskutiert, ob überhaupt von distinkten FSS ausgegangen werden kann oder ob es sich stattdessen um eine einzelne Störung handelt, die eine bestimmte Schnittmenge an Kernsymptomen aufweist (Häuser & Lempa, 2004; Wessely et al., 1999). Möglicherweise erhält die Symptomkonstellation je nach klinischem Setting und medizinischer Spezialisierung einen anderen Namen (Häuser & Lempa, 2004; Petzke, 2010). Trotz der beschriebenen Überlappung spricht die aktuelle Forschung dafür, dass die meisten funktionellen somatischen Syndrome valide und spezifisch genug sind, um als unabhängige Symptombilder anerkannt zu werden (Nater et al., 2016). Die gemeinsamen Symptome deuten aber zumindest auf eine teils gemeinsame Ätiologie und Pathogenese hin (Nater, 2011). 

Wenn nicht medizinisch, dann psychisch? 

Hauptkritikpunkt an der FSS-Diagnose ist, dass durch ihre Definition, als medizinisch nicht erklärbare Symptome, der Dualismus zwischen physischen und psychischen Beschwerden gefördert wird (Scamvougeras & Howard, 2020). So werde die Annahme verstärkt, dass wenn keine organische Ursache feststellbar ist, die Symptome psychischen Ursprungs sein müssen. Dabei werde einerseits nicht berücksichtigt, dass im weitesten Sinne auch psychische Prozesse physischen zugrunde liegen (Scamvougeras & Howard, 2020) und anderseits, dass aktuell im Sinne des biopsychosozialen Modells von einer multifaktoriellen Genese der FSS ausgegangen wird (Fritzsche, 2020). Psychologische, biologische und soziokulturelle Faktoren sowie deren Wechselwirkung spielen bei der Prädisposition, Auslösung und Chronifizierung eine Rolle (Fritzsche, 2020). Hierbei ist anzumerken, dass bis heute die Ätiologie der FSS nicht vollständig geklärt ist (Fischer et al., 2014) und nicht bei allen Syndromen die gleiche Evidenz bezüglich der Faktoren vorliegt (Nater et al., 2016). 

Stressabhängige Störung? 

Patient*innen mit FSS berichten vergleichsweise oft von Stressoren vor, während oder nach dem Ausbruch der Symptomatik (Nater et al., 2016). Bei den meisten Patient*innen kann ein Zusammenhang zwischen dem Erleben von Stress und ihren Beschwerden festgestellt werden (van Gils et al., 2014). (Kindheits-)Traumata gehören zu den stärksten Stressoren, wurden bei einer beträchtlichen Anzahl von FSS-Patient*innen festgestellt (Afari et al., 2014; Fuller-Thomson et al., 2011) und gehen mit einem knapp dreifachen FSS-Risiko einher (Afari et al., 2014). Darüber hinaus scheinen die FSS-Patient*innen verstärkt unter chronischen Belastungen wie Mobbing, Arbeitsbelastung, Immigration oder negativen Lebensereignissen zu leiden und es zeigt sich eine Häufung der Beschwerden bei Personen mit einem tiefen sozioökonomischen Status (Nater et al., 2016). Stressfaktoren scheinen also eine überzufällig grosse Rolle im Leben von Patient*innen mit FSS zu spielen (Nater et al., 2016). 

Dies spiegelt sich auch in den Befunden zu den verschiedenen Stresssystemen wider (Nater et al., 2016). So scheint bei den Betroffenen eine Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, des autonomen Nervensystems und des Immunsystems vorzuliegen, was wiederum die Anfälligkeit für Erschöpfung, Schmerzen und kognitive sowie emotionale Beeinträchtigungen erhöhen kann (Fischer et al., 2014; Mutsuura et al., 2009; Nater et al., 2016).  

Ein Erklärungsansatz für diese Auffälligkeiten setzt an den von den Patient*innen häufig berichteten traumatischen Erfahrungen in der Kindheit an (Nater et al., 2016). Möglicherweise können, basierend auf einer bestimmten Disposition, Umweltstressoren in einer kritischen und vulnerablen Phase der Entwicklung der Regulation psychobiologische Stresssysteme in dem Masse auslenken, sodass diese bei späterer Konfrontation mit Stressoren nicht mehr in der Lage sind, adäquat zu reagieren (Fischer et al., 2014; Nater et al., 2016). Die Reaktivität der biologischen und psychologischen Stressreaktionssysteme ist dadurch dauerhaft negativ verändert (Nater & Skoluda, 2013; Suárez-Hitz et al., 2012). Dies kann direkt oder vermittelt über pathophysiologische Prozesse wie Hypokortikolismus zu den typischen Beschwerden von FSS führen (Nater et al., 2016). 

«A pragmatic doctor therefore asks not whether symptoms are “physical” or “mental” but whether they are fixed or are reversible by appropriate intervention.» 

Mayou & Farmer, 2002, S. 266 

Doch medizinisch erklärbar? 

Neben den beschriebenen Auffälligkeiten der Stresssysteme wird auf physiologischer Ebene auch von einer genetischen Basis ausgegangen (Nater et al., 2016). Zudem wird eine veränderte zentralnervöse Verarbeitung nozizeptiver Impulse vermutet (Henningsen et al., 2004), wobei eine erhöhte lokale oder generalisierte Schmerzempfindlichkeit vorliegt (Petzke, 2010). Darüber hinaus können einige FSS wie das Reizdarmsyndrom und das chronische Erschöpfungssyndrom mit Infektionen in Verbindung gebracht werden (Hickie et al., 2006; Moss-Morris et al., 2006). 

Erlernte Beschwerden? 

Zusätzlich zu den genannten physiologischen Faktoren können verschiedene Lernprozesse bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von FSS eine Rolle spielen (Fritzsche, 2020). Beispielsweise können Kinder durch Modelllernen das Krankheitsverhalten der Eltern übernehmen. Zudem kann durch vermehrte Aufmerksamkeit und Zuneigung sowie die Entlastung von Anforderungen und Verpflichtungen das Einnehmen der Krankenrolle positiv bzw. negativ verstärkt werden (Fritzsche, 2020). Assoziative Lernprozesse spielen insbesondere bei FSS eine Rolle, deren Symptome an bestimmte Umweltkontexte gebunden sind (Nater et al., 2016). Dies zeigt sich beispielsweise durch kontextabhängig erhöhte Sensitivität auf bestimmte Schmerzreize (Nater et al., 2016). 

Biopsychosozialer Teufelskreis 

Bei der Aufrechterhaltung der Störung spielt die somatosensorische Verstärkung eine entscheidende Rolle (Nater et al., 2016). Dabei wird durch Fokussierung der Aufmerksamkeit auf zufällige, krankheitsbezogene oder durch Stress ausgelöste Körpermissempfindungen die Wahrnehmung ihrer Intensität und Frequenz verstärkt. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, sie als Krankheitssignale zu bewerten (Nater et al., 2016). Dies resultiert in einer Aufmerksamkeitsfokussierung, was ein erhöhtes psychophysiologisches Anspannungsniveau und das Empfinden von Angst zur Folge hat, die wiederum die dysfunktional attribuierte Körperwahrnehmung verstärken (Lahmann et al., 2010). Viele Betroffene verfügen zudem über ein zu eng definiertes Verständnis von Gesundheit als völlige Abwesenheit von Körpermissempfindungen (Dinkel & Lahmann, 2016). Darüber hinaus schätzen sich die Betroffenen oftmals als körperlich schwach und wenig belastbar ein (Nater et al., 2016). Durch ein abnormes Krankheitsverhalten wie erhöhte Krankheitssorgen, hohes Inanspruchnahmeverhalten, Missbrauch von Medikamenten, Absuchen des Körpers nach Krankheitszeichen und ausgeprägtem Schonverhalten (z. B. Vermeidung körperlicher Aktivität) werden die Beschwerden aufrechterhalten (Nater et al., 2016; Schaefert et al., 2014). Beispielsweise werden durch übermässiges Schonverhalten die Belastbarkeit des Körpers reduziert und die Beschwerden verstärkt (Mayou & Farmer, 2002). 

FSS stellen sowohl die Betroffenen als auch die Behandler*innen vor grosse Herausforderungen. Nach dem Ausschluss medizinischer Ursachen stellt sich die Frage: «Wenn nicht medizinisch, was dann?». Ein Blick auf die aktuellen Erkenntnisse zur Ätiologie offenbart jedoch, dass dem Störungsbild biopsychosoziale Faktoren zugrunde liegen. Die Betroffenen scheinen kerngesund und sind trotzdem krank. 


Zum Weiterlesen

Fritzsche, K. (2020). Funktionelle Körperbeschwerden. In K. Fritzsche & M. Wirsching (Eds.). Basiswissen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (pp. 119–133). Springer. 

Nater, U., Fischer, S., & Mewes, R. (2016). Funktionelle Syndrome und Beschwerden. In U. Ehlert (Ed.). Verhaltensmedizin (pp. 277–290). Springer. 

Literatur

Afari, N., Ahumada, S. M., Wright, L. J., Mostoufi, S., Golnari, G., Reis, V., & Cuneo, J. G. (2014). Psychological trauma and functional somatic syndromes: A systematic review and meta-analysis. Psychosomatic Medicine76(1), 2–11. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000010 

Barsky, A. J., & Borus, J. F. (1999). Functional somatic syndromes. Annals of internal medicine130(11), 910–921. https://doi.org/10.7326/0003-4819-130-11-199906010-00016 

Berg, P. A. (2005). Neuroimmunologische Aspekte funktioneller somatischer Syndrome. DMW-Deutsche Medizinische Wochenschrift130(3), 107–113. https://doi.org/10.1055/s-2005-837383 

Burbaum, C., Stresing, A. M., Fritzsche, K., Auer, P., Wirsching, M., & Lucius-Hoene, G. (2010). Medically unexplained symptoms as a threat to patients‘ identity? A conversation analysis of patients‘ reactions to psychosomatic attributions. Patient education and counseling79(2), 207–217. https://doi.org/10.1016/j.pec.2009.09.043 

Dinkel, A., & Lahmann, C. (2016). Funktionelle Symptome und somatoforme Störungen in der Notaufnahme. Notfall+ Rettungsmedizin19(3), 185–191. https://doi.org/10.1007/s10049-016-0136-y 

Fischer, S., Gaab, J., Ehlert, U., & Nater, U. M. (2013). Prevalence, overlap, and predictors of functional somatic syndromes in a student sample. International Journal of Behavioral Medicine20(2), 184–193. https://doi.org/10.1007/s12529-012-9266-x 

Fischer, S., Lemmer, G., Gollwitzer, M., & Nater, U. M. (2014). Stress and resilience in functional somatic syndromes–a structural equation modeling approach. PloS one9(11), e111214. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0111214 

Fritzsche, K. (2020). Funktionelle Körperbeschwerden. In K. Fritzsche & M. Wirsching (Eds.). Basiswissen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (pp. 119–133). Springer. 

Fuller-Thomson, E., Sulman, J., Brennenstuhl, S., & Merchant, M. (2011). Functional somatic syndromes and childhood physical abuse in women: Data from a representative community-based sample. Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma20(4), 445–469. https://doi.org/10.1080/10926771.2011.566035 

Harvey, S. B., & Wessely, S. (2013). How should functional somatic syndromes be diagnosed? International Journal of Behavioral Medicine20(2), 239–241. https://doi.org/10.1007/s12529-013-9300-7 

Häuser, W., & Lempa, M. (2004). Funktionelle somatische Schmerzsyndrome. Der Schmerz, 18(1), 97. 10.1007/s00482-003-0281-3 

Häuser, W., Türp, J. C., Lempa, M., Wesselmann, U., & Derra, C. (2004). Funktionelle somatische Schmerzsyndrome—Nomenklatur. Der Schmerz18(2), 98–103. https://doi.org/10.1007/s00482-003-0283-1 

Henningsen, P., Derra, C., Türp, J. C., & Häuser, W. (2004). Funktionelle somatische Schmerzsyndrome. Der Schmerz18(2), 136–140. https://doi.org/10.1007/s00482-003-0299-6 

Henningsen, P., Zipfel, S., & Herzog, W. (2007). Management of functional somatic syndromes. The Lancet369(9565), 946–955. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(07)60159-7 

Hickie, I., Davenport, T., Wakefield, D., Vollmer-Conna, U., Cameron, B., Vernon, S. D., Reeves, W. C., Lloyd, A., & Dubbo Infection Outcomes Study Group (2006). Post-infective and chronic fatigue syndromes precipitated by viral and non-viral pathogens: prospective cohort study. BMJ (Clinical research ed.)333(7568), 575. https://doi.org/10.1136/bmj.38933.585764.AE 

Joustra, M. L., Janssens, K. A. M., Bültmann, U., & Rosmalen, J. G. M. (2015). Functional limitations in functional somatic syndromes and well-defined medical diseases Results from the general population cohort Lifelines. Journal of Psychosomatic Research79(2), 94–99. https://doi.org/10.1016/j.jpsychores.2015.05.004 

Kingma, E. M., de Jonge, P., Ormel, J., & Rosmalen, J. G. M. (2013). Predictors of a functional somatic syndrome diagnosis in patients with persistent functional somatic symptoms. International Journal of Behavioral Medicine20(2), 206–212. https://doi.org/10.1007/s12529-012-9251-4 

Kisely, S., & Simon, G. (2006). An international study comparing the effect of medically explained and unexplained somatic symptoms on psychosocial outcome. Journal of psychosomatic research60(2), 125–130. https://doi.org/10.1016/j.jpsychores.2005.06.064 

Kroenke, K., & Mangelsdorff, A. D. (1989). Common symptoms in ambulatory care: incidence, evaluation, therapy, and outcome. The American journal of medicine86(3), 262–266. https://doi.org/10.1016/0002-9343(89)90293-3 

Lahmann, C., Henningsen, P., Brandt, T., Strupp, M., Jahn, K., Dieterich, M., Eckhardt-Henn, A., Feuerecker, R., Dinkel, A., & Schmid, G. (2015). Psychiatric comorbidity and psychosocial impairment among patients with vertigo and dizziness. Journal of neurology, neurosurgery, and psychiatry86(3), 302–308. https://doi.org/10.1136/jnnp-2014-307601 

Lahmann, C., Henningsen, P., & Dinkel, A. (2010). Somatoforme und funktionelle Störungen. Der Nervenarzt81(11), 1383–1396. https://doi.org/10.1007/s00115-010-3056-y 

Mayou, R., & Farmer, A. (2002). ABC of psychological medicine: Functional somatic symptoms and syndromes. BMJ: British Medical Journal325(7358), 265–268. https://doi.org/10.1136/bmj.325.7358.265 

Moss-Morris, R., & Spence, M. (2006). To “lump” or to “split” the functional somatic syndromes: can infectious and emotional risk factors differentiate between the onset of chronic fatigue syndrome and irritable bowel syndrome? Psychosomatic Medicine68(3), 463–469. https://doi.org/10.1097/01.psy.0000221384.07521.05 

Mutsuura, H., Kanbara, K., Fukunaga, M., Yamamoto, K., Ban, I., Kitamura, K., & Nakai, Y. (2009). Depression and anxiety correlate differently with salivary free cortisol in the morning in patients with functional somatic syndrome. Applied Psychophysiology and Biofeedback34(4), 291–298. https://doi.org/10.1007/s10484-009-9110-5 

Nater, U. M. (2011). Funktionelle somatische Beschwerden. In U. Ehlert & von R. Känel (Eds.). Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie (pp. 219–229). Springer. 

Nater, U., Fischer, S., & Mewes, R. (2016). Funktionelle Syndrome und Beschwerden. In U. Ehlert (Ed.). Verhaltensmedizin (pp. 277–290). Springer. 

Nater, U. M., & Skoluda, N. (2013). Consequences of developmental stress in humans: adversity experienced during childhood and adolescence. In Adaptive and maladaptive aspects of developmental stress (pp. 147–171). Springer. 

Petzke, F. (2010). Zentrale Schmerzverarbeitung bei funktionellen somatischen Syndromen. Der Schmerz24(2), 146–155. https://doi.org/10.1007/s00482-010-0903-5 

Scamvougeras, A., & Howard, A. (2020). Somatic symptom disorder, medically unexplained symptoms, somatoform disorders, functional neurological disorder: How DSM-5 got it wrong. The Canadian Journal of Psychiatry / La Revue Canadienne de Psychiatrie65(5), 301–305. https://doi.org/10.1177/0706743720912858 

Schaefert, R., Henningsen, P., Häuser, W., Herrmann, M., Ronel, J., Matzat, J., … & Hausteiner-Wiehle, C. (2014). Nichtspezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden. Psychotherapeut59(2), 155–174. https://doi.org/10.1007/s00278-014-1030-z 

Suárez-Hitz, K. A., Otto, B., Bidlingmaier, M., Schwizer, W., Fried, M., & Ehlert, U. (2012). Altered psychobiological responsiveness in women with irritable bowel syndrome. Psychosomatic medicine74(2), 221–231. https://doi.org/10.1097/PSY.0b013e318244fb82 

van Gils, A., Burton, C., Bos, E. H., Janssens, K. A. M., Schoevers, R. A., & Rosmalen, J. G. M. (2014). Individual variation in temporal relationships between stress and functional somatic symptoms. Journal of Psychosomatic Research77(1), 34–39. https://doi.org/10.1016/j.jpsychores.2014.04.006 

van Gils, A., Janssens, K. A. M., & Rosmalen, J. G. M. (2014). Family disruption increases functional somatic symptoms in late adolescence: The TRAILS Study. Health Psychology33(11), 1354–1361. https://doi.org/10.1037/hea0000073 

Wessely, S., Nimnuan, C., & Sharpe, M. (1999). Functional somatic syndromes: one or many?. Lancet (London, England)354(9182), 936–939. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(98)08320-2 

Wiborg, J. F., Gieseler, D., Fabisch, A. B., Voigt, K., Lautenbach, A., & Löwe, B. (2013). Suicidality in primary care patients with somatoform disorders. Psychosomatic medicine75(9), 800–806. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000013 

Zimmermann, T., & Kaduszkiewicz, H. (2003). Funktionelle Körperbeschwerden in der Hausarztpraxis. ZFA-Zeitschrift für Allgemeinmedizin79(5), 219–222. https://doi.org/10.1055/s-2003-40711 

Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie

Fürsorgerische Unterbringung und Co. – darf man das?  

Unter welchen Umständen darf ein Mensch gegen seinen Willen in eine Psychiatrie eingewiesen werden? Öffentliche Sicherheit, ärztliche Behandlungspflicht und Patientenautonomie stehen im Entscheidungsprozess für oder gegen Zwangsmassnahmen oftmals in Konflikt. Fest steht, dass Zwangsmassnahmen für alle Beteiligten einschneidend sind und als letztes Mittel gewählt werden sollten. Aber wie kann Zwang reduziert werden?  

Von Vera Meier
Lektoriert von Jan Nussbaumer und Michelle Donzallaz
Illustriert von Sara Aeschlimann

Nach versuchtem Suizid, in wahnhaftem Zustand oder unter starker Drogenintoxikation zwangsmässig eingewiesen. Im Anschluss in ein Isolierzimmer gebracht und danach über längere Zeit gegen den eigenen Willen psychiatrisch behandelt. Solche Massnahmen greifen in die physische und psychische Integrität des betroffenen Menschen ein (Meier-Allmendinger, 2009). Für Patienten|innen stellen Zwangsmassnahmen eine prägende, negative Erfahrung dar, die oft mit Gefühlen wie Demütigung, Kränkung, Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung verbunden ist (Armgart et al., 2013; Braunmiller, 2013; Frajo-Apor, Stippler, & Meise, 2011; Meier-Allmendinger, 2009; Steinert, Birk, Flammer, & Bergk, 2013). Auch für Entscheidungsträger|innen und Behandlungspersonen stellen Zwangsmassnahmen, die bis heute noch weitgehend einer Evidenzbasierung bezüglich ihres Nutzens bedürfen, oftmals eine professionelle und emotionale Belastung dar (Langer, 2015; Meier-Allmendinger, 2009; Moran, Cocoman, Matthews, & Staniuliene, 2009).   

Europaweit existieren grosse Unterschiede in der Häufigkeit von Zwangsmassnahmen. Dies liegt hauptsächlich an unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen und Behandlungstraditionen (Dressing & Salize, 2004; Martin & Steinert, 2007). Die Schweiz weist seit längerer Zeit im europäischen Vergleich eine relativ hohe Zahl an Zwangseinweisungen auf (Riecher-Rössler & Rössler, 1993). Im Jahr 2014 gab es schweizweit 11’000 fürsorgerische Unterbringungen (Schuler, Tuch, Buscher, Camenzind, & Schuler, 2016). Der Anteil von Patienten|innen, die per fürsorgerische Unterbringung in eine Psychiatrie eingewiesen werden, sank zwischen 2002 und 2014 kontinuierlich von über 20 auf rund 12 Prozent (Schuler et al., 2016). Das bedeutet, dass mindestens jede|r Zehnte gegen den eigenen Willen in die Klinik gebracht wird. Gerade aufgrund dieser hohen Fallzahlen scheinen Zwangsmassnahmen ein omnipräsentes, emotionales und in der Öffentlichkeit stark umstrittenes Thema zu sein. Aber wovon sprechen wir genau?  

Das weite Spektrum von Zwangsmassnahmen 

Eine Zwangsmassnahme ist eine Massnahme, die durchgeführt wird, obwohl die davon betroffene Person kundtut oder zu einem früheren Zeitpunkt kundgetan hat, dass sie damit nicht einverstanden ist (Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Zwang kann in der medizinischen Praxis verschiedene Formen annehmen. In der Psychiatrie wird zwischen formellen und informellen Zwangsmassnahmen unterschieden: Zu den formellen Formen von Zwang zählt zunächst die rsorgerische Unterbringung. Damit wird die Einweisung in eine geeignete Institution, in der eine Person gegen ihren Willen behandelt und betreut wird, bezeichnet. Weiter werden Freiheitseinschränkende Massnahmen (auch Bewegungseinschränkende Massnahmen) als formelle Zwangsformen verstanden. Dazu zählen Isolation, Fixation oder Festhalten sowie die Verabreichung von Medikamenten unter körperlichem Zwang. Abschliessend zählt auch die eigentliche Zwangsbehandlung zu den formellen Zwangsformen. Sie wird, im Gegensatz zu den freiheitseinschränkenden Massnahmen, unabhängig von einer akuten Notfallsituation und meist über einen längeren Zeitraum, zur Behandlung einer psychischen Krankheit durchgeführt. Sie umfasst unter anderem Medikation, Ernährung, Körperpflege oder diverse längerfristige Psychotherapien gegen den Willen von Patienten|innen. Zu den informellen Formen von Zwang gehören Überredung, Überzeugung, Manipulation, Täuschung und Druckausübung. Dabei können Strafandrohungen zum Zuge kommen, falls ärztliche Anweisungen nicht befolgt werden (Olszewski & Jäger, 2015; Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Was aber sind die Risikofaktoren für das Erleben einer Zwangseinweisung? 

Risikofaktoren für eine Zwangseinweisung 

Es gibt verschiedene Faktoren und Umstände, welche die Wahrscheinlichkeit, einmal fürsorgerisch in einer Psychiatrie untergebracht zu werden, erhöhen. In dieser Hinsicht hat die Forschung verschiedene soziodemographische und psychiatrische Risikofaktoren identifizieren können. So werden Personen mit einer schlechteren Schulbildung, Arbeitslose, Männer im Gegensatz zu Frauen und Personen die an einer Psychose leiden häufiger unter Zwang eingewiesen (Christen & Christen, 2005; Steinert, 2007). Von allen Patienten|innen, die in der Schweiz per fürsorgerischer Unterbringung (FU) in die stationäre Psychiatrie eingewiesen werden, weist rund ein Drittel eine Schizophrenie oder eine andere wahnhafte Erkrankung auf (Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 2015). Ein weiterer bedeutender Risikofaktor für Zwangseinweisungen in der Schweiz ist der Herkunftskanton der Patienten|innen. Vorreiter scheint dabei Zürich zu sein (Christen & Christen, 2005): Im Kanton Zürich wird rund ein Viertel der psychiatrischen Patienten|innen per FU in die Psychiatrie eingewiesen. Diese vergleichsweise hohe Zahl mag mitunter darauf zurückzuführen sein, dass in Zürich eine FU-Einweisung von jedem zugelassenen Arzt und jeder zugelassenen Ärztin angeordnet werden kann – dabei werden lediglich ein Drittel der Patienten|innen von Psychiatern|innen eingewiesen. Zu zwei Dritteln erfolgt die FU auf Anordnung von Ärzten|innen ohne psychiatrische Ausbildung (Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 2015; King, 2016).  

Die Entscheidung für oder gegen Zwang – ein tripolares Spannungsfeld 

Das Handlungsfeld, in dem solche Anordnungen erfolgen, wird oftmals als enorm spannungsreich beschrieben. Dieses Spannungsfeld, in dem Entscheidungen rund um Zwangsmassnahmen getroffen werden, wird von verschiedenen Autoren|innen unterschiedlich beschrieben. Zusammengefasst kann ein tripolares Spannungsfeld skizziert werden, um die Dilemmata, in denen sich Entscheidungsträger|innen und behandelnde Personen befinden, aufzuzeigen. Einen ersten Pol des Spannungsverhältnisses stellt das öffentliche Sicherheitsinteresse dar. Zwangseinweisungen werden nicht selten angeordnet, um den Schutz Dritter zu gewährleisten. Als zweiter Pol ist das Recht der kranken Personen auf Behandlung ihrer Erkrankung (auch bei fehlender Urteilsfähigkeit über die Behandlungsbedürftigkeit) zu nennen. Damit einhergehend ist an diesem Pol auch die ärztliche Behandlungs- oder Fürsorgepflicht im Sinne des medizinethischen Prinzips der Schadensvermeidung und der Wahrung des Patientenwohls zu erwähnen. Am dritten Pol des Spannungsverhältnisses steht das Recht auf Autonomie der Patienten|innen (Beauchamp & Childress, 2008; Dressing & Salize, 2004; Meier-Allmendinger, 2009). Die Abwägung, welcher dieser Pole in einem Entscheidungsprozess am stärksten zu gewichten ist, stellt die zentrale Herausforderung dar (Meier-Allmendinger, 2009). Dem medizinethischen Prinzip der Patientenautonomie wurde in den letzten Jahrzehnten auch auf Gesetzesebene zunehmend Beachtung geschenkt (Pro Mente Sana, 2014; Salathé, 2017). Hoff (2015) merkt jedoch an, dass die Wahrung Patientenautonomie kein ausreichendes Argument gegen eine Zwangsmassnahme sei. Es bedarf gemäss Hoff einer Adaptation auf die konkrete Situation der betroffenen Person, wobei das Ziel eine «assistierte Autonomie» sein sollte; die kranke Person soll also in der Ausübung ihrer Autonomie von medizinischen Fachpersonen unterstützt werden (Hoff, 2015). Maio (2015) betont dahingehend, dass die Durchführung von Zwangsmassnahmen, und somit ein Hinwegsetzen über die Patientenautonomie, ausschliesslich dann legitim ist, wenn die Verweigerung des|r Patienten|in ein Produkt der eigenen Krankheit ist. Entspricht die Abwehr aber tatsächlich der persönlichen Lebensauffassung des|r Patienten|in, ist jegliche Form von Zwang laut Maio ungerechtfertigt. Zwangsmassnahmen, die gegen den ausdrücklichen Willen einer Person durchgeführt werden, sollten stets das letzte Mittel in der psychiatrischen Praxis sein. In jedem Fall bedürfen solche Massnahmen einer klaren gesetzlichen Rechtfertigung (Meier-Allmendinger, 2009). 

«Das einzige Kriterium zur Legitimierung von Zwangsmassnahmen ist die Frage, ob die verweigernde Haltung des Patienten seiner ureigenen Lebensauffassung entspricht oder aber nur ein Produkt seiner Krankheit ist.» 

Maio, 2015, S. 3  

Gesetzliche Grundlagen 

Die Grundrechte, die durch die Schweizerische Bundesverfassung (BV) und durch die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) garantiert werden, bilden die zentrale gesetzliche Rahmenbedingung, unter der die Durchführung von Zwangsmassnahmen in der Schweiz betrachtet werden muss. Insbesondere sind die Garantie der Menschenwürde (Art. 7 BV), das Recht auf Leben und persönliche Freiheit (Art. 10 BV) sowie das Recht auf Hilfe in Notlagen (Art. 12 BV) relevant (Moser, 2017).  

Einschränkungen in diesen Grundrechten sind mitunter nur dann zulässig, wenn eine andere gesetzliche Grundlage vorhanden ist, die eine solche Einschränkung rechtfertigt (Art. 36 BV). Entsprechende gesetzliche Grundlagen können in Hinblick auf Zwangsmassnahmen die folgenden Gesetzestexte aus dem Zivilgesetzbuch (ZGB) sein: Fürsorgerische Unterbringung (Art. 426 – 432 ZGB), Einschränkung der Bewegungsfreiheit (Art. 438 ZGB) oder Zwangsbehandlung (Art. 434 ZGB). 

«Die geltenden Gesetze (…) setzen die in der Gesellschaft als gültig angesehenen ethischen Prinzipien in Rechtsvorschriften um, die aber notwendigerweise einen teilweise erheblichen Ermessensspielraum im Einzelfall offenlassen.» 

Steinert, 2007, S. 186 

An dieser Stelle soll speziell auf die Fürsorgerische Unterbringung (Art. 426 ZGB) eingegangen werden. Hierfür muss grundsätzlich eine psychische Störung und im Rahmen derselben eine Selbst- oder Fremdgefährdung sowie eine fehlende Einsichts- oder Einwilligungsfähigkeit feststellbar sein (Olszewski & Jäger, 2015). Im entsprechenden Gesetzestext heisst es einleitend: 

  1. Eine Person, die an einer psychischen Störung oder an geistiger Behinderung leidet oder schwer verwahrlost ist, darf in einer geeigneten Einrichtung untergebracht werden, wenn die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann. 
  1. Die Belastung und der Schutz von Angehörigen und Dritten sind zu berücksichtigen. 
  1. Die betroffene Person wird entlassen, sobald die Voraussetzungen für die Unterbringung nicht mehr erfüllt sind. 
  1. Die betroffene oder eine ihr nahestehende Person kann jederzeit um Entlassung ersuchen. Über dieses Gesuch ist ohne Verzug zu entscheiden. 

Diese gesetzlichen Bestimmungen beziehen sich nur auf die Voraussetzungen für einen Aufenthalt in einer geeigneten Institution. Sie genügen nicht der Rechtfertigung einer Zwangsbehandlung im engeren Sinne (Medikation, Ernährung, Körperpflege oder diverse längerfristige Psychotherapien) (Meier-Allmendinger, 2009). Die Regelung einer Zwangsbehandlung selbst obliegt kantonalen Gesetzen (Meier-Allmendinger, 2009; Moser, 2017).  

Eine ärztlich veranlasste FU ist auf maximal sechs Wochen beschränkt. Ganz anders ist der zeitliche Horizont im Rahmen einer Anordnung durch eine Erwachsenenschutzbehörde: In einem solchen Fall ist eine FU grundsätzlich unbefristet. Auch in diesem Fall muss aber spätestens nach sechs Monaten und anschliessend so oft wie nötig und mindestens einmal jährlich geprüft werden, ob die Voraussetzungen für die entsprechende Unterbringung noch erfüllt sind (Tag, 2015).  

Bei jeder Zwangsmassnahme haben die einweisenden Behörden oder Ärzte|innen im Rahmen der geltenden rechtlichen Grundsätze einen Ermessensspielraum (Meier-Allmendinger, 2009; Tag, 2015). Die Entscheidung zum Vorgehen sollte neben dem Befolgen der gesetzlichen Vorgaben unbedingt auch nach den Kriterien der Vermeidbarkeit, der Voraussagbarkeit sowie der Verhältnismässigkeit getroffen werden (Meier-Allmendinger, 2009). Auch wenn beispielsweise Selbst- oder Fremdgefährdung gut voraussagbar erscheinen, bleibt die Frage nach der Verhältnismässigkeit in vielen Fällen bestehen. Als verhältnismässig gilt eine FU gemäss Art. 426 ZGB nur dann, wenn durch sie das angestrebte Ziel (meist die Wiedererlangung der Selbständigkeit und der Eigenverantwortung von Patienten|innen) erreicht werden kann. Oft finden sich die entscheidungsbefugten Personen dabei in einer ethischen Konfliktsituation wieder (Martin et al., 2007; Meier-Allmendinger, 2009). Die Gesetzestexte allein genügen als Handlungsanweisung im Umgang mit Zwangsmassnahmen scheinbar nicht.  

Ethische Richtlinien  

Eine hilfreiche Leitlinie zur Entscheidungsfindung bei der Umsetzung von Zwangsmassnahmen ist die Richtlinie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) «Zwangsmassnahmen in der Medizin» (Olszewski & Jäger, 2015; Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Als Grundsätze für den Umgang mit Zwangsmassnahmen werden die Respektierung der Selbstbestimmung betroffener Patienten|innen, die Eignung des Umfeldes sowie eine effiziente, klare und offene Kommunikation im Team und mit der betroffenen Person genannt (Hoff, 2015). Inhaltlich werden unter anderem die folgenden Fragen ausführlich beantwortet: Unter welchen ethischen Voraussetzungen sind Zwangsmassnahmen als unumgänglich und vertretbar zu erachten? Wie muss die Kommunikation über eine Zwangsmassnahme mit der betroffenen Person oder ihren Vertrauenspersonen gestaltet werden? Was ist zu tun, damit angeordnete Zwangsmassnahmen so wenig traumatisierende Folgen wie möglich verursachen (Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017)?  

Massnahmen zur Reduktion von Zwangsmassnahmen 

Laut schweizerischem Gesetz soll eine FU nur in ultima ratio, also als letztes Mittel, erfolgen (Art. 426, ZGB). In jedem Fall soll, wie bereits erwähnt, nach dem Prinzip der Vermeidbarkeit gehandelt werden (Meier-Allmendinger, 2009). Verschiedene Autoren|innen beschreiben Strategien zur Vermeidung von (fortdauernden) Zwangsmassnahmen, die von psychiatrischen Einrichtungen umgesetzt werden können. Dazu gehören Trainingsmassnahmen für Mitarbeitende in den Psychiatrien, wie Aggressionsmanagement, Deeskalationskurse und Abwehrtechniken. Zudem sollten psychiatrieinterne Fortbildungskurse zu psychischen Krankheiten und die Bildung von Fokusgruppen, in denen die Haltung gegenüber Zwangsmassnahmen gemeinsam reflektiert wird, angeboten werden. Auch für Patienten|innen können Schulungen zum Management eigener Aggressionen sinnvoll sein (Olszewski & Jäger, 2015). Es ist weiter angezeigt, Abteilungen mit Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. Eine Konzentration schwer kranker Patienten|innen auf engem Raum ist ungünstig (Pro Mente Sana, 2014). Zudem können Tätigkeiten, welche die Interaktion und Kommunikation fördern, hilfreich sein. Dies kann in Form einer aktiven Beteiligung an der eigenen Behandlung oder durch Gespräche mit Vertrauenspersonen erfolgen (Heumann et al., 2017). Auch die Nachbesprechung von Zwangsmassnahmen mit den Betroffenen und|oder den Angehörigen sowie die gemeinsame Erarbeitung von Krisenplänen können dazu beitragen, dass weitere Zwangsmassnahmen verhindert werden können (Olszewski & Jäger, 2015; Pro Mente Sana, 2014).  

Viele der genannten Massnahmen werden bereits umgesetzt und von Patienten|innen als hilfreich erachtet. Die Weiterentwicklung und Erforschung von zwangsreduzierenden Massnahmen sollte künftig einen höheren Stellenwert erhalten. Dabei muss die Sicht der Patienten|innen, die sich oft nicht mit der Perspektive der Ärzte|innen zu decken scheint, unbedingt stärker miteinbezogen werden (Heumann et al., 2017). 

Ein Fallbeispiel 

Ein 22-jähriger, leicht verwahrloster Mann wird von der Polizei unter Zwang in die örtliche Psychiatrie gebracht. Die Begründung vorerst: Er sei in der Öffentlichkeit verbal ausfällig geworden und habe Passanten|innen angegriffen. Bei akuter Fremdgefährdung wird er nun vor, dem Hintergrund eines Verdachts auf eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, gegen seinen Willen in der psychiatrischen Klinik untergebracht. Als dem Patienten im Eintrittsgespräche seine rechtliche Situation erklärt wird beginnt er das medizinische Personal bedrohlich anzuschreien und zerschlägt einen Stuhl an der Wand. In dieser akuten Gefährdungssituation wird der junge Mann von den anwesenden Pflegekräften unter starker Gegenwehr in ein Isolierzimmer gebracht. Nachdem er die angebotene orale Medikation vehement abgelehnt hat, erhält er dort auf ärztliche Anordnung ein antipsychotisches Medikament intramuskulär injiziert. An den folgenden Tagen auf der Station ereignen sich ohne ersichtlichen Grund weitere aggressive Übergriffe gegen das Pflegepersonal und Mitpatienten|innen. Weil sich der Patient bezüglich seiner Erkrankung uneinsichtig zeigt und seinen Zustand als «absolut normal» versteht, wird bei wiederholter Fremdgefährdung eine Zwangsbehandlung beantragt und richterlich bestätigt (Olszewski & Jäger, 2015).  


Zum Weiterlesen und -schauen

Meier-Allmendinger, D. (2009). Die ärztliche Einweisung – eine Zwangsmaßnahme in  

der Medizin. Therapeutische Umschau66(8), 595–599.  

Olszewski, K., & Jäger, M. (2015). Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. InFo  

Neurologie & Psychiatrie17(7–8), 55–62.  

Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften. (2017).  

Zwangsmassnahmen in der Medizin. Medizinisch-ethische Richtlinien der SAMW. Bern, Schweiz. 

Braunmiller, H. (2013). Vom Notruf bis zur Notaufnahme: So läuft eine Zwangseinweisung ab. Switzerland: SRF Puls. 

Literatur

Armgart, C., Schaub, M., Hoffmann, K., Illes, F., Emons, B., Jendreyschak, J., … Haußleiter, I. S. (2013). Negative Emotionen und Verständnis – Zwangsmaßnahmen aus Patientensicht. Psychiatrische Praxis40(5), 278–284.  

Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2008). Principles of Biomedical Ethics (6th ed.). Oxford: Oxford University Press. 

Braunmiller, H. (2013). Vom Notruf bis zur Notaufnahme: So läuft eine Zwangseinweisung ab. Switzerland: SRF Puls. 

Christen, L., & Christen, S. (2005). Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken der Schweiz. Neuchâtel. 

Dressing, H., & Salize, H. J. (2004). Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung psychisch Kranker in den Mitgliedsländern der Europäischen Union. Psychiatrische Praxis31(1), 34–39.  

Frajo-Apor, B., Stippler, M., & Meise, U. (2011). „Etwas Erniedrigenderes kann dir eigentlich in der Psychiatrie nicht passieren “. Psychiatrische Praxis38(6), 293–299.  

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich. (2015). Gesundheitsversorgung 2015. Zürich. 

Heumann, K., Bock, T., Lincoln, T. M., & Heumann, K. (2017). Bitte macht ( irgend ) was ! Eine bundesweite Online-Befragung Psychiatrieerfahrener zum Einsatz milderer Maßnahmen zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen. Psychiatrische Praxis44(2), 85–92.  

Hoff, P. (2015). Zwangsmassnahmen in der Medizin: Eckwerte der neuen medizin-ethischen Richtlinien der SAMW. In Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (Ed.), Klinische Ethikstrukturen in der Schweiz: Update und Herausforderungen (pp. 1–22). Bern: SAMW. 

King, J. (2016). «Eine Zwangseinweisung kann alles zerstören». Retrieved December 31, 2017, from https://www.beobachter.ch/erwachsenenschutz/psychiatrie-eine-zwangseinweisung-kann-alles-zerstoren 

Langer, U. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbar. In G. Hänggi (Ed.), Strukturelle und therapeutisch-inhaltliche Möglichkeiten, Zwang zu reduzieren (pp. 5–6). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Maio, G. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbar. In G. Hänggi (Ed.), Gewalt als Fürsorge? Ethische Grundreflexionen zum Zwang in der Psychiatrie (pp. 3–5). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Martin, V., Kuster, W., Baur, M., Bohnet, U., Hermelink, G., Knopp, M., … Steinert, T. (2007). Die Inzidenz von Zwangsmaßnahmen als Qualitätsindikator in psychiatrischen Kliniken. Probleme der Datenerfassung und − verarbeitung und erste Ergebnisse. Psychiatrische Praxis34(1), 26–33.  

Martin, V., & Steinert, T. (2007). Ein Vergleich von schweizer und deutschen Kliniken in Bezug auf die Anwendung von Fixierung und Isolierung. Psychiatrische Praxis34(Supplement 2), 212–217.  

Meier-Allmendinger, D. (2009). Die ärztliche Einweisung – eine Zwangsmaßnahme in der Medizin. Therapeutische Umschau66(8), 595–599.  

Moran, A., Cocoman, A., Matthews, A., & Staniuliene, V. (2009). Restraint and seclusion : a distressing treatment option ? Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing16(7), 599–605.  

Moser, T. (2017). Zwangsmassnahmen – aktuelle Praxis und PräventionSwiss Nurse Leaders, Regionalgruppe ZH/GL vom. Zürich: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich. Retrieved from http://www.swissnurseleaders.ch/fileadmin/user_upload/C.4_Regionen/C.4.3_Zuerich_Glarus/Konferenzen_2017-2018/20170405_Konferenz/Zwangsmassnahmen_Moser_2017-04.pdf 

Olszewski, K., & Jäger, M. (2015). Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. InFo Neurologie & Psychiatrie17(7–8), 55–62.  

Pro Mente Sana. (2014). Autonomie stärken – Zwang eindämmen! Zürich. 

Riecher-Rössler, A., & Rössler, W. (1993). Compulsory admission of psychiatric patients – an international comparison. Acta Psychiatrica Scandinavica87(4), 231–236.  

Salathé, M. (2017). Zwangsmassnahmen in der Medizin. Retrieved December 31, 2017, from https://www.samw.ch/de/Ethik/Vulnerable-Patientengruppen/Zwangsmassnahmen-in-der-Medizin.html 

Schuler, D., Tuch, A., Buscher, N., Camenzind, P., & Schuler, D. (2016). Psychische Gesundheit in der Schweiz – Monitoring 2016. Neuchâtel, Switzerland. 

Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften. (2017). Zwangsmassnahmen in der Medizin. Medizinisch-ethische Richtlinien der SAMW. Bern, Switzerland. 

Steinert, T. (2007). Ethische Einstellungen zu Zwangsunterbringung und − behandlung schizophrener Patienten. Psychiatrische Praxis34(Supplement 2), 186–190.  

Steinert, T., Birk, M., Flammer, E., & Bergk, J. (2013). Subjective Distress After Seclusion or Mechanical Restraint: One-Year Follow-Up of a Randomized Controlled Study. Psychiatric Services;64(10), 1012–1017. 

Tag, B. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbartle. In G. Hänggi (Ed.), Zwangsmassnahmen aus juristischer Sicht (pp. 6–8). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Tinnitus – Das Leben mit dem Pfeifhasen

Wenn es in den Ohren pfeift, sirrt, brummt und rauscht 

Ungefährlich aber irreparabel – so präsentiert sich der Tinnitus, in diesem Artikel metaphorisch mit dem Pfeifhasen gleichgesetzt. Auch wenn bis heute noch keine Heilung möglich ist, so gibt es trotzdem einige Ansätze zum alltäglichen Umgang und zur Behandlung der teils belastenden Ohrgeräusche. 

Von Nina Rutishauser
Lektoriert von Stefanie Philipp und Marie Reinecke
Illustriert von Kerry Willimann

Seit drei Jahren halte ich einen Pfeifhasen als Haustier, der mich im Alltag auf Schritt und Tritt begleitet – sein Name ist Tinnitus. Besonders präsent ist er, wenn es still ist und keine Umgebungsgeräusche ihn übertönen oder wenn der Blutdruck in die Höhe schnellt. Mit meinem lästigen Gefährten bin ich nicht allein. Millionen Menschen weltweit sind von chronischen Ohrgeräuschen betroffen. Die Prävalenzzahlen weisen aufgrund des fehlenden Konsensus bezüglich der Definition von Tinnitus beträchtliche Schwankungen auf (Baguley, McFerran, & Hall, 2013). Über Studien hinweg, welche die gleiche Definition benutzten, werden Prävalenzen von etwa 12 bis 30 Prozent berichtet (McCormack, Edmondson-Jones, Somerset, & Hall, 2016). Wobei zehn Prozent etwa 70 Millionen Betroffenen in der Europäischen Union entspricht (Meyer, Langguth, Kleinjung, & Møller, 2014). Männer und Ältere sind häufiger betroffen als Frauen und Jüngere (Lockwood, Salvi, & Burkard, 2002). Doch woher stammen die rätselhaften Ohrgeräusche? Im Folgenden soll ein Überblick zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Tinnitus gegeben werden.  

Ein Symptom, keine Krankheit 

Das Phänomen eines kurzen Ohrensausens mit Gehörverlust, das so schnell verschwindet, wie es aufgetreten ist, erleben viele Menschen. Diesem kurzzeitigen Tinnitus steht derjenige gegenüber, der sich hartnäckig hält. Es scheint bislang jedoch noch keine einheitlichen Kriterien zu geben, welche den pathologischen Tinnitus von diesen «natürlichen» Ohrgeräuschen abgrenzen (Henry, Dennis, & Schlechter, 2005).  

Klinisch kann zwischen akutem (< drei Monate), subakutem (> drei Monate) und chronischem (> 1 Jahr) Tinnitus unterschieden werden. Weiter wird in Bezug auf die Wahrnehmung und die Ursache zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus unterschieden, was für die Diagnostik und die Behandlung besonders bedeutsam ist (Göbel & Büttner, 2004; Lockwood, Salvi, & Burkard, 2002). Objektive Ohrgeräusche stammen von einer internen, körperlichen Quelle und können von der Untersuchungsperson mit dem Stethoskop ebenfalls wahrgenommen werden (Göbel & Büttner, 2004). Subjektive Ohrgeräusche – das, was wir im Alltag typischerweise unter dem Begriff «Tinnitus» verstehen – haben keine akustischen Stimuli und sind somit nur von der betroffenen Person selbst hörbar (Lockwood et al., 2002). Die in der Fachliteratur genannten Ursachen sind vielfältig, aber eine davon wird einheitlich diskutiert: Der Gehörverlust, bedingt etwa durch Lärmbelastung oder Altern, im Zusammenhang mit der Beschädigung der Haarzellen in der Cochlea (Eggermont & Roberts, 2004). Es ist mittlerweile anerkannt, dass der Tinnitus nicht, wie früher angenommen, im Ohr selber generiert wird. Die Cochlea, die sich im Innenohr befindet, ist zwar beteiligt, aber der eigentliche Drahtzieher ist das Gehirn (Meyer et al., 2014).  

Prof. Martin Meyer, Neuropsychologe an der Universität Zürich, erläuterte den konkreten Vorgang gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung (Kolly, 2017) wie folgt: «Die Frequenzanteile, welche die geschädigten Haarzellen aufnehmen und an bestimmte Nervenzellen im auditorischen Kortex, im Hörzentrum des Gehirns, leiten sollten, kommen nicht mehr an.» Unser Gehirn reagiert daraufhin im auditorischen Kortex mit Enthemmung (Baguley et al., 2013) und regt die betroffenen Hörzellen an, um die fehlenden Frequenzen zu kompensieren. In der Folge entsteht das Pfeifen, Sirren, Brummen und Rauschen im Ohr, das von gut der Hälfte der Betroffenen auf beiden Ohren wahrgenommen wird (Baguley et al., 2013). Vergleichbar mit dem Phantomschmerz, der typischerweise nach einer Amputation im nicht mehr vorhandenen Körperteil empfunden wird, handelt es sich beim Tinnitus also um Phantomgeräusche (Jastreboff, 2011). Tinnitus wird deswegen auch als «[missglückter] Reparaturversuch des Hirns» bezeichnet (Nickl, 2016, S. 10).  

Als weitere Auslöser sind Kiefer- und Halswirbelsäule-Problematiken, Substanzen wie Drogen oder Medikamente, Morbus Menière (eine Erkrankung des Innenohrs) sowie psychologische Faktoren (z.B. Stress) bekannt (Göbel & Büttner, 2004).  

Der Pfeifhase macht es sich gemütlich – was nun? 

Die Prävalenz von Tinnitus ist höher als die Anzahl an Patienten|innen, welche sich tatsächlich in Behandlung begeben (Henry et al., 2005). Dies liegt unter anderem daran, dass viele lernen, mit der vom Gehirn produzierten «Geräuschkulisse» umzugehen. Bei rund 20 Prozent der Betroffenen führt chronischer Tinnitus zu erhöhtem Leidensdruck und zur Behandlungsnotwendigkeit (Jastreboff, 2011; Milerova et al., 2013). Wird eine behandelbare Pathologie ausgeschlossen, erweisen sich medizinische Ansätze selten als effektiv (Andersson, 2002). Einige alternative Behandlungsansätze zur Linderung des Leidens und Erhöhung der Lebensqualität gibt es dennoch.  

«Management of idiopathic tinnitus is a challenge and effective treatment options are still limited.» 

Meyer et al., 2014, S. 1 

MaskierungIm Rahmen einer «Geräuschtherapie» werden Masker, die wie kleine Hörgeräte aussehen, eingesetzt, die Geräusche (auch weisses Rauschen genannt) zur Verschleierung des Tinnitus generieren (Göbel & Büttner, 2004). Bei Gehörverlust kann auch ein Hörgerät oder gar ein «Kombinationsapparat», der die Phantomgeräusche verschleiert und gleichzeitig das Hören verbessert, in Erwägung gezogen werden. Eine randomisiert-kontrollierte Studie zeigte für beide Geräte vergleichbare Verminderungen in der Wahrnehmung des Tinnitus (Henry, Frederick, Sell, Griest, & Abrams, 2015). Für Betroffene, die keine konstante Maskierung benötigen, können aber auch Kopfhörer mit Musik oder einem Hörbuch vollends ausreichen.  

Tinnitus Retraining Therapy (TRT)Die TRT kombiniert eine ausführliche Psychoedukation und Geräuschtherapie. Um Tinnitus kreisen oft Ängste, die auf inkorrekten Annahmen basieren. Nebst dem Einsatz von Maskern soll den Patienten|innen folglich vermittelt werden, dass es sich bei Tinnitus um eine ungefährliche Phantomwahrnehmung handelt, nicht um einen bedrohlichen Stressor (Jastreboff, 2011). In einer kontrollierten klinischen Studie ergab sich für TRT einen signifikant grösseren Effekt als für die Maskierung allein, insbesondere bei Personen, die zu Beginn der Therapie unter einer schweren Symptomatik litten (Henry et al., 2006).  

Neurofeedback. Mittels operanter Konditionierung sollen Personen die «Fehlfunktion, die sich ihr Gehirn antrainiert hat, wieder gezielt verlernen» (Nickl, 2016, S. 11). Neurofeedback ermöglicht eine gezielte Aufmerksamkeitslenkung, Entspannung und eine Visualisierung der Gehirnaktivität, auf welche die Patienten|innen aktiv Einfluss nehmen sollen (Gosepath, Nafe, Ziegler, & Mann, 2001). Bisher haben nur wenige Studien die Effektivität des Neurofeedbacktrainings bei Tinnitus untersucht, dennoch sind die Resultate vielversprechend (Güntensperger, Thüring, Meyer, Neff, & Kleinjung, 2017). Zum Beispiel erzielten Gosepath und Kollegen (2001) mittels Neurofeedback bei ihren Patienten|innen eine Reduktion der Tinnitusbelastung. Weiler, Brill, Tachiki und Schneider (2002) konnten in ihrer explorativen Studie somatische und psychische Begleitsymptome des Tinnitus vermindern. Ziel ist es, in absehbarer Zeit eine individualisierte Therapie anzubieten (Nickl, 2016). 

Medikamente. Trotz intensiver Forschung im Bereich der Pharmakologie gibt es zur Behandlung von Tinnitus bislang noch keine effektiven Medikamente. Zur Behandlung von Schlafstörungen oder komorbiden Depressionen, die mit dem Tinnitus einhergehen, können Benzodiazepine und Antidepressiva in Betracht gezogen werden, denn ein verbessertes psychisches Befinden kann die Wahrnehmung des Tinnitus positiv beeinflussen (Henry et al., 2005; Baguley et al., 2013).  

Die Psyche als Mitspieler und Leidtragender 

Das Erleben eines chronischen Tinnitus kann zu psychischer Belastung und verminderter Lebensqualität führen (Bartels, Middel, van der Laan, Staal, & Albers, 2008). In 12 von 13 klinischen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen Tinnitus, Depression und Angst gefunden (Ziai, Moshtaghi, Mahboubi, & Djalilian, 2017). Über die Kausalität können aber keine Aussagen gemacht werden, denn Depressionen, Angst- und somatoforme Störungen können in diesem Fall sowohl Sekundär- als auch prädisponierende Vorerkrankungen sein (Hiller & Göbel, 2001). 

Interessant ist, dass sich das Ausmass der psychischen Belastung nicht am Schweregrad des Tinnitus festmachen lässt (Jastreboff, 2011). Die subjektive Belastung scheint demnach insbesondere von individuellen Faktoren abhängig zu sein. Nebst der Lautstärke und der Geräuschqualität des Tinnitus sowie Symptomen wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen können kognitive Faktoren (dysfunktionales Bewerten und Katastrophisieren), affektive Faktoren (Bedeutungszumessung und Angstneigung) und operante Faktoren (negative Verstärkung) für die erlebte Belastung eine Rolle spielen (Kröner-Herwig, 2011).  

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist ein geeignetes Mittel, um den psychischen Leidensdruck zu behandeln. In der KVT wird dem störenden Ohrgeräusch begegnet wie etwa bei Schmerz oder Angst, und es kommen Techniken wie Entspannungsübungen und kognitive Umstrukturierung zum Einsatz (Andersson, 2002). Zudem wird auch gegen die Vermeidung von lautstarken Situationen (zum Beispiel Sportveranstaltungen), vorgegangen, da dieses aversive Verhalten die Aufrechterhaltung der Beeinträchtigung fördert (Kröner-Herwig, 2011).  

Die Effektstärken für KVT-Interventionsgruppen in klinischen Längsschnittstudien weisen auf einen längerfristig positiven Einfluss auf die Tinnitus-Symptomatik hin. Kleinere, aber ebenfalls signifikante Effekte zeigen sich in Bezug auf das Befinden der Patienten|innen (Hesser, Weise, Zetterqvist, Westin, & Andersson, 2011). Eine Verbesserung lässt sich zudem auch in der Akzeptanz des Tinnitus finden (Moschen et al., 2015), was für die Koexistenz mit dem Pfeifhasen von Bedeutung ist.  

Wo der Pfeifhase im Rampenlicht stehen darf und wo nicht 

Für Betroffene ist es in erster Linie wichtig zu wissen, dass sie mit ihrem Pfeifhasen nicht alleine gelassen werden. Eine empathische Behandlungsperson und eine eingehende Psychoedukation sowie konkrete Copingstrategien für den Alltag [siehe Kästchen] können die halbe, wenn nicht sogar die ganze Miete sein. Für Personen, die unter dem konstanten «Kopfkonzert» leiden, können die heute verfügbaren Behandlungsmethoden, inklusive Psychotherapie, durchaus zur Linderung des Leidensdrucks beitragen. Voraussetzung ist, dass Behandlungspersonen (insbesondere Hausärzte|innen) über diese Möglichkeiten Auskunft geben können.  

«Adäquate Anlaufstellen für Tinnitusbetroffene fehlen auch heute weitgehend.» 

Kolly, 2017 

Einige der erläuterten Ansätze stecken noch in den Kinderschuhen, aber wissenschaftliche Fortschritte sind dank intensiver Forschung dennoch zu verzeichnen. Ein Bereich, in dem der Pfeifhase aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen darf, ist der Alltag. Das oberste Gebot für jede an Tinnitus leidende Person lautet: Adaptation. Mein Arzt meinte damals: «Ach, Frau Rutishauser, Sie sind ja noch jung. Sie werden sich daran gewöhnen.» Ernst genommen fühlte ich mich durch diese Aussage zwar nicht, aber sie bewahrheitete sich. Zu Beginn nimmt der Pfeifhase überhand. Er säht Angst und Hoffnungslosigkeit, beeinflusst den Schlaf und die Konzentration. Verzweifelte Arztbesuche folgen. Nicht selten erntet der Tinnitus Bagatellisierung. Obwohl es in meinen Ohren nach wie vor unaufhörlich pfeift, habe ich mit der Zeit gelernt, mit dem Pfeifhasen Seite an Seite zu leben. Schenkt man ihm keine Beachtung, so löst er sich zwar nicht in Luft auf, aber er verzieht sich immerhin zwischendurch schmollend in seinen Bau. 

Tipps zur Haltung von Pfeifhasen 

  1. Keine Beachtung schenken und sich von Gesprächen, Umgebungsgeräuschen oder gar den eigenen Gedanken ablenken lassen. 
  1. Intensive Online-Recherchen und den Tinnitus als Dauerthema unterlassen, denn auch auf diesem Weg drängt er sich ins Bewusstsein (als ich zum Beispiel diesen Artikel schrieb, empfand ich meinen Tinnitus als lauter). 
  1. Kopfhörer aufsetzen (Musik, Podcasts, Hörbücher – jedoch weiteren Haarzellenschädigungen mit geringster noch übertönender Lautstärke vorbeugen!)  
  1. Den Konsum blutdruckerhöhender Substanzen wie Alkohol, Nikotin und Koffein möglichst gering halten. 
  1. Alltagsstress mit Sport und/oder Entspannungstechniken entgegenwirken. 
  1. Kein Vermeidungsverhalten – dem Alltagslärm unbeirrt begegnen und bei lautstarken Veranstaltungen gute Ohrstöpsel benutzen. 
  1. Ist der Pfeifhase zu laut, schlafraubend oder Angst auslösend, so lohnt es sich, die Nervensäge zur ärztlichen Abklärung zu bringen und sich Gehör zu verschaffen! 

Zum Weiterlesen

Baguley, D., McFerran, D., & Hall, D. (2013). Tinnitus. Lancet, 382, 1600–1607.  

Kolly, M. (2017, August 4). Wie Zürich mit einem Tinnitus klingt. Neue Zürcher Zeitung. Retrieved February 1, 2018 from https://www.nzz.ch/wissenschaft/medizin/medizin-wie-zuerich-mit-einem-tinnitus-klingt-ld.1305914&nbsp;

Literatur

Andersson, G. (2002). Psychological aspects of tinnitus and the application of cognitive-behavioral therapy. Clinical Psychology Review22, 977–990. 

Baguley, D., McFerran, D., & Hall, D. (2013). Tinnitus. Lancet, 382, 1600–1607. 

Bartels, H., Middel, B. L., van der Laan, B. F. A. M., Staal, M. J., & Albers, F. W. J. (2008). The Additive Effect of Co-Occuring Anxiety and Depression on Health Status, Quality of Life and Coping Strategies in Help-Seeking Tinnitus Sufferers. Ear & Hearing, 29(6), 947–956. 

Eggermont, J. J. & Roberts, L. E. (2004). The neuroscience of tinnitus. TRENDS in Neurosciences, 27(11), 676–682. 

Gosepath, K., Nafe, B., Ziegler, E., & Mann, W. J. (2001). Neurofeedback in der Therapie des tinnitus. HNO49, 29–35. 

Göbel, G. & Büttner, U (2004). Grundlagen zu Tinnitus: Diagnostik und Therapie. Psychoneuro30(6), 322–329. 

Güntensperger, D., Thüring, C., Meyer, M., Neff, P., & Kleinjung, T. (2017). Neurofeedback for Tinnitus Treatment – Review and Current Concepts. Frontiers of Aging Neuroscience, 9, 1–12. 

Hiller, W. & Göbel, G. (2001). Komorbidität psychischer Störungen. In Goebel, G. (Ed.), Ohrgeräusche. Psychosomatische Aspekte des komplexen, chronischen Tinnitus (pp. 47–67). München, Deutschland: Urban & Vogel.  

Henry, J. A., Dennis, K. C., & Schlechter, M. A. (2005). General Review of Tinnitus: Prevalence, Mechanisms, Effects, and Management. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 48, 1204–1235. 

Henry, J. A., Frederick, M., Sell, S., Griest, S., & Abrams, H. (2015). Validation of a novel combination hearing aid and tinnitus therapy device. Ear and Hearing, 36(1), 42–52. 

Henry, J. A., Schechter, M. A., Zaugg, T. L., Griest, S., Jastreboff, P. J., Vernon, J. A., Kaelin, C., Meikle, M. B., Lyons, K. S., & Stewart, B. J. (2006). Outcomes of Clinical Trial: Tinnitus Masking versus Tinnitus Retraining Therapy. Journal of the American Academy of Audiology, 17, 104–132. 

Hesser, H., Weise, C., Zetterqvist Westin, V., & Andersson, G. (2011). A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials of cognitive-behavioral therapy for tinnitus distress. Clinical Psychology Review, 31, 545–553. 

Jastreboff, P.J. (2011). Tinnitus Retraining Therapy. In A.R. Møller et al. (Eds.), Textbook of Tinnitus. Deutschland: Springer Science + business Media. 

Kolly, M. (2017, August 4). Wie Zürich mit einem Tinnitus klingt. Neue Zürcher Zeitung. Abgerufen von „https://www.nzz.ch/wissenschaft/medizin/medizin-wie-zuerich-mit-einem-tinnitus-klingt-ld.1305914“&nbsp;

Kröner-Herwig, B. (2011). Chronischer Tinnitus. In Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.), Verhaltenstherapiemanual. Deutschland: Springer-Verlag Berlin Heidelberg.   

Lockwood, A. H., Salvi, R. J., & Burkard, R. F. (2002). Tinnitus. The New England Journal of Medicine, 347(12), 904–910. 

McCormack, A., Edmondson-Jones, M., Somerset, S., & Hall, D. (2016). A systematic review of the reporting of tinnitus prevalence and severity. Hearing Research, 337, 70–79. 

Meyer, M., Langguth, B., Kleinjung, T., & Møller, A.R. (2014). Plasticity of neural systems in tinnitus. Neural plasticity2014, 1–2. 

Milerova, J. Anders, M., Dvorak, T., Sand, P. G., Königer, S., & Langguth, B. (2013). The influence of psychological factors on tinnitus severity. General Hospital Psychiatry, 35, 412–416. 

Moschen, R., Riedl, D., Schmidt, A., Kumnig, M., Bliem, H. R., & Rumpold, G. (2015). The development of acceptance of chronic tinnitus in the course of a cognitive-behavioral group therapy. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie61(3), 238–246. 

Nickl, R. (2016). Weniger Lärm im Kopf. UZH Magazin, 4/16. Abegrufen von http://www.kommunikation.uzh.ch/de/publishing/magazin/archiv/magazin-16-4.html %5BJanuar 2017] 

Weiler, W. J., Brill, K., Tachiki, K. H., & Schneider, D. (2002). Neurofeedback and Quantitative Electroencephalography. International Tinnitus Journal8(2), 87–93. 

Ziai, K., Moshtaghi, O., Mahboubi, H., & Djalilian, H. R. (2017). Tinnitus Patients Suffering from Anxiety and Depression: A Review. International Tinnitus Journal, 21(1), 68–73. 

Verschwommenes Selbst

Veränderte Bewusstseinszustände durch den Konsum psychedelischer Drogen  

Das Selbst besteht aus den Gedanken und Einstellungen einer Person über sich selbst und macht sie zu einem autonomen Wesen. Der Konsum psychedelischer Drogen kann dazu führen, dass die eigene Identität zerfällt und die Ich-Umwelt-Grenze verschwimmt. 

Von Aline Pfirter
Lektoriert von Laura Trinkler und Vera Meier
Illustriert von Andrea Bruggmann

Durch die Einnahme verschiedener psychedelischer Drogen wie LSD (Lysergsäurediethylamid), DMT (Dimethyltryptamin) oder Magic Mushrooms (Psylocibin) kann das Bewusstsein eines Menschen grundlegend verändert oder erweitert werden (Dobkin de Rios, 1977). Substanzen, die solche Veränderungen bewirken, werden auch als Psychedelika oder Halluzinogene bezeichnet. Durch den Konsum dieser Drogen können die Wirklichkeitswahrnehmung und die Ich-Wahrnehmung einer Person stark verzerrt werden (Sauer & Weilemann, 2000). Um verdeutlichen zu können, wie genau das Bewusstsein verändert wird und wie sich dies auf das Selbstgefühl einer betroffenen Person auswirken kann, sollen zuerst die Begriffe «Bewusstsein» und «Selbst» erklärt werden.  

Das Bewusstsein  

Der Begriff «Bewusstsein» ist zurückzuführen auf den Mathematiker und Logiker, Christian Wolff (1679-1754), der mit folgender Aussage die Diskussion um eine Definition entfachte: «Ich habe Bewusstsein, also bin ich». Demzufolge behauptet er, dass das «Ich» für eine Person nur dann existiert, wenn sie sich dessen bewusst ist (Vaitl, 2012). Trotz reger Bewusstseinsforschung und zahlreichen Publikationen zu diesem Thema konnte bis heute keine einheitliche, befriedigende Definition für diesen Begriff gefunden werden. Dennoch gibt es einige Annäherungen. Das Bewusstsein kann beispielsweise als das Wissen einer Person über ihr Sein und ihren Zustand verstanden werden. Eine Person, die ein Bewusstsein hat, weiss Bescheid über seine oder ihre eigene Orientierung in Bezug auf die physikalische Welt und das Ich (Hobson, 2010). Ein problematischer Aspekt für eine allgemein gültige Definition ist, dass Bewusstseinszustände sowie deren Veränderungen auf subjektiven Eindrücken beruhen (Vaitl, 2012). Dennoch wurden einige Versuche unternommen, veränderte Bewusstseinszustände zu definieren. Dabei wurde beispielsweise das subjektiv erlebte Wachbewusstsein als Norm festgelegt, von dem sich veränderte Bewusstseinszustände deutlich unterscheiden (Hobson, 2010).  

Eine Unterscheidung zwischen gewöhnlichen und veränderten Bewusstseinszuständen schlägt auch Scharfetter (nach Hürlimann, 2013) vor. Er spricht dabei von «Alltagsbewusstsein» und «Ausser-Alltagsbewusstsein», wobei Letzteres sich zusätzlich in ein «Über-Bewusstsein» und ein «Unter-Bewusstsein» abgrenzen lässt. Nachfolgend wird vornehmlich auf das Über-Bewusstsein eingegangen, das überweltliche Erfahrungen beinhaltet. Dabei wird eine höhere Wirklichkeit, beziehungsweise ein absolutes Bewusstsein erfahren, welches das persönliche Bewusstsein überschreitet. Inhaltlich gibt es die zwei Bereiche «Selbst-Erleben» und «Umgebungserfahrungen». Veränderungen in diesen Bereichen können dabei für eine Person positiver oder negativer Art sein (Scharfetter, nach Hürlimann, 2013). 

Das Selbst  

In der Forschungsliteratur wird «Selbst» oft als Synonym zu «Identität» verstanden. Im weiteren Verlauf dieses Artikels wird ausschliesslich der Begriff «Selbst», wie er in der psychologischen Forschung definiert wird verwendet. Im weitesten Sinne bezieht sich dieser psychologische Selbst-Begriff auf die Gesamtheit des Wissens, das eine Person zu sich persönlich und ihrem Stand in der sozialen Welt hat. Indes wird auch von Wissens- und Gedächtnisrepräsentationen sowie deren Bewertung gesprochen (Mössle & Loepthien, 2014). Zu diesem Selbstempfinden gelangt eine Person mit Hilfe verschiedener innerer sowie äusserer Vorgänge: Beobachtung und Reflexion des eigenen Verhaltens sowie Reaktionen der äusseren Umwelt (Morf & Koole, 2014). Das Selbst stellt das Zentrum der Persönlichkeit dar (Mössle & Loepthien, 2014). Es dient einer Person zur Abgrenzung von ihrer Umwelt. Erst dadurch kann sie sich als autonom denkendes und handelndes Wesen wahrnehmen. Dabei kann zwischen dem materiellen Selbst (Körper) und dem geistigen Selbst (Psyche, Interessen etc.) unterschieden werden, die in enger Wechselwirkung zusammenspielen (Stürmer, 2009).  

Zum Selbst-Begriff gibt es je nach Fachbereich und Quelle ganz unterschiedliche Definitionen und Konzepte (im Buddhismus beispielsweise wird das Selbst eher als eine Art «Seele», die unabhängig von geistigen und körperlichen Prozessen ist, verstanden, was unserer wissenschaftlichen Vorstellung dieses Konzeptes widerspricht), die im Rahmen dieses Artikels nicht alle erläutert werden können. Zusammenfassend kann das Selbst, im Kontext der psychologischen Forschung, definiert werden als die Vorstellung, die eine Person von sich selbst hat. Es ist Teil des Ich und beeinflusst das Denken und Handeln (Morf & Koole, 2014).  

Das Selbst macht eine Person aus und das Bewusstsein ist nötig, sich als Selbst zu erkennen. Deshalb ist kaum vorstellbar, wie sich die Erfahrung anfühlt, sich vom materiellen oder geistigen Selbst zu distanzieren oder ganz loszulösen. Manche Personen erleben dies als eine positive, transzendentale und fast schon sakrale Erfahrung. Für Andere hingegen kann diese Reise aus dem Selbst zum Horror werden. Im Folgenden sollen zwei Phänomene, die durch die Einnahme bestimmter Psychedelika, wie beispielsweise LSD, auftreten können, erklärt werden.   

Ich-Auflösung 

«Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ich aufzuhalten, schienen vergeblich.» 

Hofmann, 2010, S. 32 

Bei einer sogenannten «Ich-Auflösung» (engl. Ego-Death) verlieren Konsumierende jeden Bezug zu ihrem Ich. Das eigene Selbstkonzept erscheint plötzlich sinnlos, nicht mehr greifbar und kann bekannten Assoziationen oder Denkkonstruktionen nicht mehr zugeordnet werden. Dies ist fatal, da jene normalerweise zur Standortbestimmung und Orientierung dienen. Bei einer Ich-Auflösung beeinflussen Sinnesreize aus der Umwelt die Selbstwahrnehmung, was zum Empfinden einer Verschmelzung der Aussenwelt mit der eigenen Innenwelt führen kann (Diesch, 2015). Die Subjekt-Objekt-Trennung löst sich auf. Für eine Person, die sich in diesem Zustand befindet, würde eine gedankliche Differenzierung von Subjekt und Objekt keinen Sinn ergeben. Dieses Erleben kann grosse Angst auslösen, da das bisherige Selbstverständnis der eigenen Identität potentiell zerstört wird (Cousto, 2014). Aus spiritueller Sicht könnte dies für eine betroffene Person zur Bewusstheit darüber führen, dass alles mit allem verknüpft ist und sie selbst «ein Teil Gottes» ist. Im Schamanismus beispielsweise, wird dieser Zustand sogar angestrebt (Luke, 2017). Zur Beschreibung von aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen und den damit einhergehenden Erlebnissen unterscheidet Dittrich (1990) drei Dimensionen: «Die ozeanische Selbstentgrenzung», die «angstvolle Ich-Auflösung» und die «visionäre Umstrukturierung». Alle Zustände beschreiben einen ähnlichen Geisteszustand, verbunden mit negativen oder positiven Gefühlen (Vaitl, 2012). Die ozeanische Selbstentgrenzung beschreibt die angenehmen, beglückenden Aspekte der Erfahrung des «Einsseins mit der Welt». Das normale Zeitgefühl verschwindet. Entweder rast die Zeit, sie steht still oder ein Zustand der «Zeitlosigkeit» tritt ein. Die angstvolle Ich-Auflösung hingegen wird allgemein als «Horrortrip» oder als eine Form von Paranoia (psychische Störungen, die durch einen systematisierten Wahn gekennzeichnet sind) bezeichnet. Diese Erlebnisse erzeugen Angst. Das Gefühl eines zersplitterten, haltlosen Ich tritt auf (Dittrich, 1990). Als visionäre Umstrukturierung schlussendlich ist eine Umwandlung im Bereich der Wirklichkeitswahrnehmung gemeint. Diese tritt vor allem durch optische Halluzinationen auf (Dittrich, 1990). Im folgenden Zitat von Albert Hofmann (2010, S. 32) wird das Phänomen der angstvollen Ich-Auflösung verdeutlicht: 

«Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ich aufzuhalten, schienen vergeblich. Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und von meiner Seele Besitz ergriffen. […]. Die Substanz, mit der ich hatte experimentieren wollen, hatte mich besiegt. Sie war der Dämon, der höhnisch über meinen Willen triumphierte. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume mit anderer Zeit. Mein Körper erschien mir gefühllos, leblos, fremd. Lag ich im Sterben? War das der Übergang? Zeitweise glaubte ich außerhalb meines Körpers zu sein und erkannte dann klar, wie ein außenstehender Beobachter, die ganze Tragik meiner Lage.»  

Es konnte bereits gezeigt werden, dass eine positive Korrelation zwischen der Stärke der erlebten Ich-Auflösung und der Dosis der konsumierten Substanz besteht. Solche Erfahrungen werden gewöhnlich nur erlebt, wenn entsprechende Drogen in sehr hohen Mengen konsumiert werden (Nour, Evans, Nutt & Carhart-Harris, 2016).  

Ausserkörper-Erfahrung 

Eine andere bewusstseinsverändernde Erfahrung ist die sogenannte «Ausserkörper-Erfahrung» (engl. Out-of-Body-Experience), die auch einen Kern-Aspekt von Nahtod-Erfahrungen darstellt (Luke, 2017). Während einer solchen Erfahrung hat die betroffene Person den Eindruck, sich ausserhalb ihres physischen Körpers zu befinden.  

«Manche Personen erlebten sich als völlig losgelöst von ihrem Körper, sie schwebten über dem Körper, beobachteten ihn von einem anderen Teil des Zimmers aus.» 

Grof, 2018, S. 208 

Während dieser Erfahrung wird oft von einem veränderten Körpergefühl berichtet. Der Körper fühlt sich ungewöhnlich, seltsam an. Die aufkommende Stimmung ist aber zumeist positiv, es kann bis zur Ekstase kommen (Dobkin de Rios, 1977). Anders als bei der Ich-Auflösung bleibt das Ich-Bewusstsein bei ausserkörperlichen Erfahrungen erhalten. Trotzdem kommt es auch zu imaginären, nur scheinbar realen Wahrnehmungen (Schröter, 2005). Betroffene Personen berichten, ausserhalb ihres Körpers an einen bestimmten Ort in der physischen Aussenwelt angekommen zu sein. Diesen Ort können sie oftmals sogar beschreiben (Grof, 1981).  

«’I’ now turned into a sheaf of little papers […]. But the ‘I’ taking in this seeming catastrophe had no desire to chase after the slips and pile my old self back together.» 

Pollan, 2018, S. 263 

Motive hinter dem Konsum  

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Personen den Drang verspüren, ihr Bewusstsein zu verändern. Hobson (2010) nennt drei Motive: 

  1. Das normale Bewusstsein hat einige negative Aspekte und kann von psychischem Leiden begleitet werden. Deshalb besteht der Drang, sich von diesem unangenehmen Zustand zu lösen.   
  1. Das normale Bewusstsein bringt auch ausserordentlich beglückende Erlebnisse mit sich, die Personen erweitern oder steigern möchten.  
  1. Das «Unglaubliche» zu erleben stellt für manche Personen eine erstrebenswerte religiöse Erfahrung dar. 

Positive Auswirkungen von bewusstseinsverändernden Erfahrungen 

Drogeninduzierte Bewusstseinsveränderungen, wie die Ich-Auflösung oder Ausserkörper-Erfahrung, können positive psychologische Effekte mit sich bringen. Sie können als alternative Form der Sinnsuche und Daseinsbewältigung fungieren (Vaitl, 2012). Personen, die bereits solche Erlebnisse hatten, berichten beispielsweise vom Gefühl einer gesteigerten Integrität ihrer Persönlichkeit. Das Selbstwertgefühl wird gestärkt. Auch unerwünschte Charakterzüge können erkannt und verändert werden (Grof, 1981). Todkranken Menschen kann es teils ihre Angst vor dem Tod mildern oder sogar ganz nehmen, da sie ein kosmisches Einheitsgefühl erleben (Pollan, 2018). Zudem können solche Erfahrungen als Ansatzpunkt für eine Neustrukturierung und «Gesundung» der Persönlichkeit dienen (Hofmann, 2010). Die veränderte Sichtweise verhilft Konsumierenden zu neuen Einsichten über sich und die Welt. Es wird erkannt, dass vorhandene Denkmuster nicht die einzige Wahrheit darstellen und veränderbar sind. Konsumierenden werden plötzlich neue Perspektiven aufgezeigt (Hürlimann, 2013).  

LSD ist eine der psychedelischen Drogen, die solche Phänomene hervorrufen können.  

Für Hofmann (2010, S. 198) besteht die positive psychologische Wirkung dieser spezifischen Substanz darin, «die Ich-Du-Schranke, die bewusstseinsmässige Trennung von der Aussenwelt vorübergehend zu lockern oder gar aufzuheben. Das begünstigt die Lösung aus einem ichhaft-fixierten Problemkreis und das Finden einer bergenden Wirklichkeit». Aufgrund solcher positiven psychologischen Wirkungen wurden Psychedelika, wie zum Beispiel LSD, teilweise auch schon in Psychotherapien verwendet (Grof, 2000). Neben diesen positiven Wirkungen sollten aber auch die Gefahren und Risiken des Konsums psychedelischer Drogen, wie sie beispielsweise im Zitat von Hofmann (2010, S. 32) verdeutlicht wurden, nicht in Vergessenheit geraten.  «Set» (Umgebung) und «Setting» (mentale Verfassung des*r Konsument*innen) bestimmen oftmals darüber, ob ein psychedelischer Trip positiv oder negativ erlebt wird. Entscheidend ist dabei hauptsächlich, ob die Konsumierenden sich am Konsumort wohl und innerlich ausgeglichen fühlen oder nicht.    

Ein kurzer Überblick über die Geschichte des LSD 

Der Chemiker Albert Hofmann kam im Frühjahr 1943 bei Forschungsarbeiten für die Firma Sandoz als erster Mensch in Berührung mit LSD und dessen bewusstseinsverändernden Eigenschaften. Die Entdeckung dieses starken Halluzinogens war eine Sensation. Forschende aus verschiedenen Disziplinen befassten sich mit der Substanz, unzählige Selbstversuche wurden durchgeführt, Künstler*innen hofften auf neue kreative Erfahrungen und so manche Psychiater*innen waren von einer positiven therapeutischen Wirkung des LSD überzeugt (Hofmann, 2010). Anfang der 1960er Jahre nahm die Substanz eine wichtige Rolle im Rahmen der Hippiebewegung ein. Aufgrund gehäufter Horrortrips wurden jegliche Forschungsarbeiten rund um LSD eingestellt, die Produktion verboten und der missbräuchliche Konsum bestraft. Nach langen bürokratischen Verfahren und unzähligen Anträgen können Psychiater*innen in der Schweiz heute erneut Psychedelika in der Psychotherapie einsetzen.  


Zum Weiterlesen

Grof, S. (2018). Topographie des Unbewussten: LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hofmann, A. (2010). LSD – mein Sorgenkind (2 Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta. 

Vaitl, D. (2012). Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Stuttgart: Schattauer. 

Literatur 

Cousto, H. (2014). Drogeninduzierte und andere außergewöhnliche Bewusstseinszustände. In H. Cousto (Ed.), 30 Jahre Nachtschattenverlag. Wissenswertes für Psychonauten in Text, Bild und Ton (pp. 81-110). Solothurn: Nachtschatten. 

Diesch, M. (2015). LSD. Rückkehr in die klinische Forschung. Solothurn: Nachtschatten. 

Dittrich, A. (1990). Empirische Dimensionen veränderter Bewusstseinszustände. In A. Resch (Ed.), Veränderte Bewusstseinszustände (pp. 73-116)Innsbruck: Resch. 

Dobkin de Rios, M. (1977). Plant hallucinogenes, out-of-body-experiences and new world monumental earthworks. In B. M. du Toit (Ed.), Drugs, rituals and altered states of consciousness (pp. 237-251). Rotterdam: A.A. Balkema. 

Grof, S. (1981). LSD-Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Grof, S. (2018). Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hobson, A. (2010). Das optimierte Gehirn. Wie wir unser Bewusstsein reparieren, manipulieren, ruinieren. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hofmann, A. (2010). LSD – mein Sorgenkind (2nd ed.). Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hürlimann, S. (2013). LSD-unterstütze Psychotherapie. Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände (Bachelorarbeit, Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Mettmenstetten, Schweiz). Retrieved from https://digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/742/1/ba0227.pdf 

Luke, D. (2017). Otherworlds. Psychedelics and exceptional human experience. London: Muswell Hill Press. 

Morf, C. C., & Koole, S. L. (2014). Das Selbst. In K. Jonas, W. Stroebe, & M. Hewstone (Eds.), Sozialpsychologie (6th ed., pp. 191-147). Berlin-Heidelberg: Springer. 

Mössle, R., & Loepthien, T. (2014). Selbst. In M. A. Wirtz (Ed.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (17th ed., P. 1389). Bern: Hogrefe. 

Nour, M., Evans, L., Nutt, D. & Carhart-Harris, R. (2016, June 14). Ego-dissolution and psychedelics. Validation of the ego-dissolution inventory (EDI). Frontiers in Human Neuroscience, 10, 1-13. doi:10.3389/fnhum.2016.00269 

Pollan, M. (2018). How to change your mind. The new science of psychedelics. London: Penguin Random House UK. 

Sauer, O. & Weilemann, S. (2000). Drogen. Eigenschaften  Wirkungen – Intoxikationen. Hannover: Schlüttersche. 

Scharfetter, C. (2012). Was weiss der Psychiater vom Menschen? Unterwegs in der Psychiatrie. Menschenbild, Krankheitsbegriff und Therapieverständnis (2nd ed.). Sternenfels: Wissenschaft und Praxis Dr. Brauner. 

Schröter, M. (2005). Nah-Todesefahrungen aus psychiatrisch-neurologischer Sicht. In V. Läpple, & K. Schmidt (Eds.), «Dem Tode so nah…» – Wenn die Seele den Körper verlässt (pp. 28-79). Frankfurt am Main: HAAG + HERCHEN. 

Stürmer, S. (2009). Sozialpsychologie. München: Reinhardt. 

Vaitl, D. (2012). Veränderte Bewusstseinszustände. Grundlagen – Techniken Phänomenologie. Stuttgart: Schattauer.