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Beiträge aus der Kategorie ‘FS20’

Nach dem Studium – wie wichtig sind psychologische Fachtitel?

«Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» – Henry Ford 

Die meisten Psycholog*innen beginnen mit der Aufnahme der Berufstätigkeit ihre berufliche Entwicklung hin zu Fachpsycholog*innen. Dazu sind Weiter- und Fortbildungen notwendig. In diesem Artikel soll eine kurze Übersicht über die Bedeutung von Fachtiteln und Weiterbildungen in den wichtigsten psychologischen Tätigkeitsfeldern ausserhalb von Forschung und Hochschulen gegeben werden. 

Von André Widmer
Lektoriert von Vera Meier
Illustriert von Vera Meier und Selina Landolt in Zusammenarbeit mit André Widmer

Mit dem Berufseinstieg nach Abschluss des Psychologiestudiums stellen sich Fragen zur eigenen Laufbahnplanung und zur Gestaltung der beruflichen Karriere. In welchem psychologischen Fachgebiet möchte ich tätig sein? Wie sind die kurz- und längerfristigen Berufsaussichten in den verschiedenen Fachgebieten? Wie komme ich zu meinen ersten Berufserfahrungen? Welche Weiterbildungen sind für meine berufliche Entwicklung notwendig?  

Frisch gebackenen Psycholog*innen wird schnell bewusst, dass sie in der Welt des Berufslebens mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind. Den vertrauten Rahmen der Hochschule gibt es nicht mehr, Neuorientierung wird notwendig. Theoretische Fach- und Wissenskompetenzen sind weniger gefragt. Wichtiger werden andere Fähigkeiten, wie zum Beispiel Wissen und Können erfolgreich in der Praxis anzuwenden. Neu gefragt sind auch soziale Kompetenzen im Umgang mit Klient*innen und Kund*innen sowie mit Arbeitskolleg*innen aus anderen Berufsfeldern. 

Psychologische Weiter- und Fortbildungen werden damit zu einem wichtigen Bestandteil der Laufbahnplanung und sind Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Karriere. Sie ermöglichen es, sich den Anschluss an den wissenschaftlichen Erkenntnisstand, an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel in einem Fach- und Aufgabengebiet zu sichern und sich beruflich wie auch persönlich weiterzuentwickeln.  

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) und der Bund definieren berufsbegleitende Weiterbildungen als Voraussetzung für psychologische Weiterbildungs- und Fachtitel. Diese sind zum Teil Voraussetzung, um in einem bestimmten Fachgebiet selbständig oder angestellt tätig zu sein. Sie werden von Behörden und Arbeitgebern in der Regel für eine Anstellung verlangt. 

Im Folgenden wird beschrieben, für welche psychologischen Berufe, Anstellungen und Dienstleistungen welche psychologische Weiterbildungs- und Fachtitel verlangt oder empfohlen werden. 

Psychotherapie und klinische Psychologie 

Um psychotherapeutische Leistungen erbringen zu können, benötigen Psycholog*innen den eidgenössischen Psychotherapieweiterbildungstitel. Dazu muss eine vom Bund anerkannte, berufsbegleitende Weiterbildung erfolgreich absolviert werden. Diese Weiterbildungen dauern in der Regel vier bis sechs Jahre. Zu den Weiterbildungsgängen sind Psycholog*innen mit ausreichenden Studienleistungen in klinischer Psychologie und Psychopathologie zugelassen. Für die selbständige Tätigkeit als Psychotherapeut*in ist zusätzlich eine kantonale Praxisbewilligung notwendig. Ebenso braucht es für die Anstellung in einer privaten psychiatrischen Arztpraxis (delegierte Psychotherapie) eine kantonale Bewilligung. Eine Anstellung im Rahmen der delegierten Psychotherapie ist bereits nach fortgeschrittener Weiterbildung in einem vom Bund anerkannten Studiengang möglich. Zurzeit sind über vierzig Psychotherapieweiterbildungen vom Bund anerkannt.  

«Nur die eidgenössischen Weiterbildungstitel und die Fachtitel der Berufsverbände in der privat-rechtlich geschützten, vollen Bezeichnung (wie zum Beispiel «Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP») sind deshalb ein zuverlässiges Qualitätslabel für fachlich spezialisierte Psycholog*innen. Sie sind wichtig für die persönliche Marktfähigkeit und oft relevant für eine bessere Entlöhnung.» 

André Widmer

Informationen zu den vom Bund akkreditierten Psychotherapieweiterbildungen sind über die Website des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zu finden: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/akkreditierung-gesundheitsberufe/akkreditierung-vonweiterbildungsgaengen-im-bereich-psychologieberufe/liste-akkredit-weiterbildung.html  

Neuropsychologie 

Neuropsycholog*innen benötigen für die Abrechnung ihrer Leistungen über die Grundversicherung der Krankenkassen den FSP-Fachtitel Neuropsychologie. Die Weiterbildung dauert fünf bis sechs Jahre. Daneben gibt es auch einen eidgenössischen Weiterbildungstitel Neuropsychologie, der schon bald vom Bund vergeben wird. Der Bund wird diesen Weiterbildungstitel erst ausstellen, wenn er entsprechende Weiterbildungsgänge akkreditiert hat, was zurzeit noch nicht der Fall ist. Die Universitäten Zürich und Genf haben neuropsychologische Studiengänge (Master of Advanced Studies, MAS) zur Anerkennung eingereicht. Die Akkreditierung dieser Studiengänge erfolgt voraussichtlich 2020. Die Fach- und Weiterbildungstitel der FSP und jene des Bundes gelten als äquivalent. Die MAS-Weiterbildungsgänge dauern ebenfalls mindestens fünf Jahre. Für den Berufseinstieg in einem Spital sind bereits absolvierte neuropsychologische Praktika von Vorteil. Für eine Festanstellung wird der abgeschlossene Neuropsychologie-Fachtitel oder eine fortgeschrittene Weiterbildung in diesem Bereich verlangt. Für die selbständige Tätigkeit als Neuropsychologe*in wird in bestimmten Kantonen (z. B. im Kanton Aargau) bereits heute eine Praxisbewilligung vorausgesetzt, wie sie auch selbständig arbeitende Psychotherapeut*innen benötigen.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel in Neuropsychologie sind über die Website der Schweizerischen Vereinigung der Neuropsychologinnen und Neuropsychologen (SVNP) zu finden: https://www.neuropsy.ch/de/fachpersonen/postgraduale-weiterbildung 

Schulpsychologie und Erziehungsberatung 

Die Anstellungsbedingungen von öffentlichen Erziehungsberatungsstellen und schulpsychologischen Diensten sind kantonal oder auf Stufe der Gemeinden (z. B. im Kanton Zürich) geregelt und bedingen in der Regel den FSP-Fachtitel Kinder- und Jugendpsychologie. Es gibt zwar auch hier einen entsprechenden eidgenössischen Weiterbildungstitel Kinder- und Jugendpsychologie, der aber zurzeit ebenfalls noch nicht ausgestellt wird. Die Universität Basel hat einen ersten MAS-Weiterbildungsgang zur Akkreditierung beim Bund eingereicht. Die Anerkennung wird voraussichtlich 2020 erfolgen. Auch hier ist davon auszugehen, dass der FSP-Fachtitel und der eidgenössische Weiterbildungstitel bei Anstellungen als äquivalent gelten werden. Die Weiterbildung zum FSP-Fachtitel Kinder-und Jugendpsychologie sowie die MAS-Weiterbildungsgänge des Bundes dauern fünf Jahre. Für den Berufseinstieg auf einer kantonalen oder kommunalen Stelle sind bereits absolvierte Praktika im Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie von Vorteil. Für eine Festanstellung wird oft der FSP-Fachtitel Kinder- und Jugendpsychologie oder eine fortgeschrittene berufsbegleitende Weiterbildung verlangt. Für die selbständige Tätigkeit als Schulpsychologe*in ist keine Praxisbewilligung erforderlich.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel sind auf der Website der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) zu finden: https://www.skjp.ch/de/fachtitel/pgw/fachtitel/pgw  

Rechtspsychologie 

Psycholog*innen, die in kantonalen Justizdirektionen (Strafvollzug, Polizei etc.) oder im forensischen Bereich der Psychiatrie arbeiten, verbessern mittelfristig ihre Marktchancen, wenn sie den FSP-Fachtitel Rechtspsychologie und/oder, den für psychotherapeutische Leistungen zwingend vorzuweisenden, eidgenössischen Weiterbildungstitel Psychotherapie (siehe oben) erwerben. Die berufsbegleitende rechtspsychologische Weiterbildung dauert rund fünf Jahre. Die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) führt eine Empfehlungsliste von Fachtitelträgern*innen für Gutachten, die sie an kantonale und eidgenössische Stellen abgibt. Für den Berufseinstieg sind bereits absolvierte Praktika im entsprechenden Fachbereich von Vorteil.  

Weitere Informationen zu den Weiterbildungen und dem Fachtitel in Rechtspsychologie sind auf der Website der SGRP zu finden: https://www.rechtspsychologie.ch/de/fachtitel  

Verkehrspsychologie 

Verkehrspsycholog*innen führen vor allem verkehrspsychologische Eignungsuntersuchungen im Auftrag von kantonalen Stellen durch. Es sind dies in der Regel Neuropsycholog*innen oder Psychotherapeut*innen mit angefangener oder abgeschlossener verkehrspsychologischer Weiterbildung. Die Schweizerische Vereinigung für Verkehrspsychologie (VfV) führt zuhanden der anordnenden kantonalen oder Bundesbehörden eine Liste von selbständig praktizierenden Verkehrspsycholog*innen mit dem FSP-Fachtitel Verkehrspsychologie, die sie für entsprechende Untersuchungen und Gutachten empfiehlt. Die FSP vergibt den Fachtitel an Psycholog*innen, die eine berufsbegleitende Weiterbildung inkl. Praxiserfahrung gemacht haben. Die Weiterbildung in Verkehrspsychologie dauert zwei Jahre. Der Berufseinstieg erfolgt in der Regel über eine bereits bestehende neuropsychologische oder psychotherapeutische Tätigkeit.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel in Verkehrspsychologie sind auf der Website der VfV zu finden: https://www.vfv-spc.ch/verein/fachtitel-verkehrspsychologie  

Berufs- und Laufbahnberatung, Personalpsychologie 

Berufs-, Studien- und Laufbahnberater*innen arbeiten in öffentlichen und privaten Berufs- und Laufbahnberatungsstellen, Studienberatungen, regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), IV-Stellen oder an Schulen. Für die Tätigkeit als Berufs- und Laufbahnberater*in ist eine Weiterbildung erforderlich die zum FSP-Fachtitel Laufbahn- und Personalpsychologie führt. Die berufsbegleitende Weiterbildung wird von den Universitäten Bern, Fribourg und Lausanne angeboten (MAS und Diploma of Advanced Studies, DAS). Diese Weiterbildungsgänge dauern vier Jahre. Daneben bieten auch die Fachhochschule Zürich (ZHAW) sowie die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) entsprechende Weiterbildungen an (MAS). Der Berufseinstieg erfolgt mit dem Beginn der Weiterbildung. Für Anstellungen in Personalabteilungen von grossen Unternehmen oder Personalrekrutierungsfirmen sind Fachtitel weniger gefragt. Die Weiterbildung erfolgt tätigkeits- und aufgabenspezifisch.  

Weiterführende Informationen zum FSP-Fachtitel Laufbahn- und Personalpsychologie sind auf der Website des FSP zu finden: https://www.psychologie.ch/beruf-bildung/weiterbildung/fachtitel  

Zusätzlich informieren auch die ZHAW und FHNW über die angebotenen Weiterbildungen:  https://www.zhaw.ch/de/psychologie/weiterbildung/ oder https://www.fhnw.ch/de/weiterbildung/wirtschaft/mas-laufbahnberatung. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Weiterbildungs- und Fachtitel Psycholog*innen als Expert*innen für die eigenverantwortliche und selbständige Berufsausübung in einem bestimmten Fach- und Tätigkeitsgebiet qualifizieren. In diesem Sinne sind die eidgenössischen Weiterbildungs- und FSP-Fachtitel ein Qualitätslabel für Fachpsycholog*innen. Dies ist insofern bedeutsam, da zum Beispiel nur Psycholog*innen, die über einen eidgenössischen Weiterbildungstitel in Psychotherapie verfügen, sich in ihrer Berufsbezeichnung «Psychotherapeut*in» nennen dürfen. Dies gilt jedoch nicht analog für die anderen psychologischen Fach- und Tätigkeitsbereiche. Auch Psycholog*innen, die keinen Titel haben, dürfen für ihre Berufsbezeichnung eine fachliche Spezifizierung verwenden, zum Beispiel «Sportpsychologe*in». Dies ist möglich, weil für die Tätigkeit als Sportpsychologe*in per Gesetz kein Fachtitel verlangt wird (im Gegensatz zur psychotherapeutischen Tätigkeit). Nur die eidgenössischen Weiterbildungstitel und die Fachtitel der Berufsverbände in der privat-rechtlich geschützten, vollen Bezeichnung (wie zum Beispiel «Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP») sind deshalb ein zuverlässiges Qualitätslabel für fachlich spezialisierte Psycholog*innen. Sie sind wichtig für die persönliche Marktfähigkeit und oft relevant für eine bessere Entlöhnung. 

Weitere Fachtitel 

Die FSP vergibt zurzeit zusätzlich die Fachtitel Coaching-PsychologieSportpsychologie und Gesundheitspsychologie. Auch der Bund führt noch einen weiteren psychologischen Weiterbildungstitel, den eidgenössischen Weiterbildungstitel für Gesundheitspsychologie. Dieser wird jedoch ebenfalls erst nach der Akkreditierung einer entsprechenden Weiterbildung ausgestellt werden können. Bei einer Tätigkeit in diesen Fachgebieten wird eine begonnene oder abgeschlossene Weiterbildung in der Regel erwartet. Neben der FSP vergibt auch der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP) psychologische Fachtitel an seine Mitglieder.  

Weitere Informationen dazu sind auf der Website des SBAP zu finden: https://sbap.ch/mitglieder/fachtitel.  


Zum Weiterlesen

Informationen zu den FSP-Fachtiteln: 

https://www.psychologie.ch/beruf-bildung/weiterbildung/fachtitel

Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zu den Psychologieberufen: 

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/psychologieberufe.html

 

Distanzen überwinden

Wir vom FAPS helfen Dir dabei 

Wahrscheinlich hast Du es auch mal erlebt: Du sitzt in einer Vorlesung, schaust nach links und rechts, kennst aber niemanden. Dann strömen noch Unmengen an Infos und Lernstoff auf dich zu…  

Von Angela Pape
Lektoriert von Jovana Vicanovic  und Hannah Meyerhoff

Du fühlst Dich verunsichert und immer fremder in Deiner Studienwahl und unter Deinen Mitstudierenden? Gerade am Anfang des Studiums oder eines Semesters kommen solche Gefühle immer mal wieder auf. Dabei ist es wichtig zu wissen, Du bist nicht allein*e damit und vor allem: Du kannst etwas dagegen tun! 

Als Studierende*r unserer Universität bekommst Du viele Gelegenheiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und Distanzen zu überwinden. Du kannst Dich auch für Deine Uni und für Deinen Fachbereich engagieren. Das steigert die Identifikation mit Deinem Studienfach und den Mitstudierenden.  

Ein sehr einfacher Weg für alle Psychos ist unser Fachverein, besser bekannt unter dem Namen FAPS. 

Nimm an unseren Events teil! 

Egal ob Spieleabende im Irchel, Glühweinparties auf der Mensaterrasse in Oerlikon, Winterweek mit Ski- und Snowboard-Spass oder die allbekannte Psychoparty: Mit unseren Events bringen wir Studierende vieler Fachrichtungen zusammen. Dabei kooperieren wir immer wieder mit anderen Fachvereinen. 

Vernetz Dich! 

Du möchtest wissen, wie es nach dem Psychologiestudium weitergeht und welche unterschiedlichen beruflichen Wege für Dich in Frage kommen? Durch unsere Afterstudy-Events wollen wir Dir die beste Entscheidungsgrundlage dafür bieten. Daher laden wir Psycholog*innen aus verschiedenen Bereichen ein und sie erzählen etwas über ihren Berufsalltag. Du hast im Anschluss die Möglichkeit, Fragen zu stellen und beim Apéro mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So kannst Du mehr Klarheit über deinen zukünftigen Weg entwickeln und Unsicherheiten abmildern. 

Profitiere von Anderen! 

Mit dem Lernen ist es wieder knapp geworden oder Du möchtest Dir Vorbereitungszeit einsparen? Dann komm bei uns im Skriptshop vorbei und kaufe zu unseren Öffnungszeiten professionell überarbeitete Zusammenfassungen von älteren Studierenden, die bereits sehr gute Noten in den Modulen geschrieben haben. 

Nimm Einfluss! 

Zum Unialltag gehören natürlich auch die Dozierenden und Professor*innen, die ausserhalb der Lehrveranstaltungen in verschiedenen Gremien der Fakultät wichtige Entscheidungen über unseren Studienalltag treffen. Auch hier sind wir vertreten, um unsere Interessen als Studierende bezüglich der Lehre, dem Studienalltag und anderen Angelegenheiten in der Fakultät zu wahren und geltend zu machen. Jedes Semester kannst Du ausserdem für Deine Lieblingsdozierenden abstimmen. Die beiden Dozierenden mit den meisten Nominierungen erhalten vom FAPS eine Urkunde für gute Lehre. So bleiben Professor*innen und Dozierende nicht in ihrem Elfenbeinturm und bekommen Einsicht in die Perspektive von uns Studierenden. 

Informier Dich! 

Über aktuelle Anliegen wirst Du auf unseren Social-Media-Kanälen auf Instagram und Facebook, der Mailinglist sowie unserer ganz neu überarbeiteten Homepage (www.faps.ch) informiert. 

Du möchtest noch mehr über die Arbeit im FAPS erfahren? Dann schau doch in unseren Sitzungen vorbei oder nimm an unserer Generalversammlung im März teil.  

Engagier Dich! 

Wie Du merkst, haben wir im FAPS viele Wege gefunden, Distanzen in diversen Bereichen für Psychologiestudierende aus dem Weg zu räumen. Auch Du kannst Dich dafür engagieren! Lass Dich von uns in die Helfendenliste eintragen und unterstütze uns bei unseren Events.  

Du hast eine ganz eigene Idee und möchtest sie gerne mit uns als Fachverein umsetzen? Kein Problem. Schreibe uns eine Mail unter info@faps.ch und treffe uns auf einen Kaffee im Büro in der BIN.1.B.25 in Oerlikon. Wir freuen uns darauf, Dich kennen zu lernen und gemeinsam Distanzen zu überbrücken.  

Dein FAPS 

Über den Umgang mit Trennungen

Ein kurzer Ratgeber für frisch Getrennte und ihr Umfeld 

Welche Faktoren beeinflussen das Auftreten von Trennungsproblemen? Wie können diese Probleme verringert werden? Welche Rolle spielen soziale Medien im Umgang mit Trennungen? Wie kann man jemanden bei einer Trennung unterstützen? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden. 

Von Rafael Wespi
Lektoriert von Marina Reist und Celina Weder
Illustriert von Janice Lienhard

Faktoren die Trennungsanpassung beeinflussen können 

Das Beenden einer romantischen Beziehung gehört zu einer oftmals schmerzhaften, jedoch wichtigen Erfahrung in der Entwicklung der meisten Menschen. Im besten Fall hinterlassen Trennungen Erinnerungen sowie minimale Narben. Ebenso gut besteht die Möglichkeit, dass man nicht über den Verlust hinwegkommt, was oft mit dem Auftreten von psychischen Störungen wie Depressionen oder dem Gefühl von Einsamkeit zusammenhängt (Low et al., 2012). 

Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf Trennungen. Dabei steht ausser Frage, dass es sich bei den meisten Trennungen zumindest für einen der beiden Betroffenen um ein schmerzhaftes Ereignis mit oft noch schmerzhafteren und teils weitreichenden Folgen handelt (Gomillion et al., 2015; Haimson et al., 2018; Low et al., 2012; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016; Smith & Cohen, 1993; Yıldırım & Demir, 2015). Die Ausprägungen und Dauer der Trennungsfolgen hängen dabei unter anderem davon ab, ob die Trennung von einem selbst eingeleitet wurde, man bereits eine neue Beziehung eingegangen ist, ob man sich des Trennungsgrundes bewusst ist und ob man nach der Trennung die soziale Unterstützung erhält, die man benötigt (Gomillion et al., 2015; Yıldırım & Demir, 2015). 

«Der Kummer, der nicht spricht, nagt am Herzen, bis es bricht.» 

William Shakespeare, 1564-1616

Auf einige Faktoren, die den Verlauf einer Trennungsanpassung beeinflussen, kann man selbst nur in einem geringen Mass Einfluss nehmen. Es handelt sich dabei zum Beispiel darum, von wem die Trennung eingeleitet wird oder ob bereits / schon bald eine neue romantische Beziehung eingegangen wird / wurde (Yıldırım & Demir, 2015). Einige Faktoren für eine möglichst reibungslose Trennung lassen sich einfacher beeinflussen, wie das Ergründen und Verstehen des Trennungsgrundes oder jemandem durch das Geben von sozialer Unterstützung beizustehen. Es wurde beispielsweise festgestellt, dass sich bei mangelndem Verständnis für die Ursache einer Trennung ein Abschluss der Beziehung als schwierig erweisen kann, unter Anderem, wenn eine Beziehung ohne ein ausführliches abschliessendes Gespräch beendet wurde (Yıldırım & Demir, 2015). Ebenfalls entstehen daraus häufig Unsicherheiten bezügliche der eigenen Qualitäten und Beziehungsfähigkeit sowie das Gefühl eine Sache nicht abgeschlossen zu haben (Yıldırım & Demir, 2015). Soziale Unterstützung in Folge einer Trennung kann die Anpassung an die neue Situation verbessern und verringert möglicherweise die entstehenden Schwierigkeiten (Gomillion et al., 2015; Yıldırım & Demir, 2015). Dies zeigt sich vor allen Dingen bei der Person, welche in einer Partnerschaft mehr instrumentelle Unterstützung erhalten als selber gegeben hat. Im Zuge der Trennung kommt es häufig dazu, dass die Person, welche mehr instrumentelle Unterstützung vom*von der Beziehungspartner*in bezogen hat, infolge der trennungsbedingt fehlenden Unterstützung individuell wichtige Ziele nicht mehr verfolgen kann (Gomillion et al., 2015). Bei instrumenteller Unterstützung in diesem Sinne, kann es sich zum Beispiel um eine finanzielle Unterstützung, Hilfe im Haushalt oder einem kostenlosen / -günstigen Beherbergen des*der Partners*in im eigenen Haushalt handeln. Das Wegfallen dieser Unterstützung kann weitreichende Folgen auf das Wohlbefinden und das Selbstkonzept dieser Person haben, da sie neben dem*der Partner*in zusätzlich einen wichtigen Lebensinhalt verlieren könnte, wobei allerdings die persönlichen Ziele meist gleich wichtig bleiben wie während der Beziehung (Gomillion et al., 2015). Daneben tragen emotionale und informationelle Unterstützung (siehe Kästchen) ebenfalls ihren Teil zu einer besseren Trennungsverarbeitung bei (Yıldırım & Demir, 2015).  

«Wer schon sitzen gelassen wurde und liegen blieb, ist froh, wenn er sich aufgehoben fühlt.» 

Sarah Razak, *1975 

Hohe Selbstkomplexität als Schutzfaktor vor Trennungen 

Ergänzend zu den bisher genannten Faktoren, gibt es verschiedene, eher unbekannte Einflussgrössen, welche die Verarbeitung einer Trennung beeinflussen können. Dazu gehört das Konzept der Selbstkomplexität (Smith & Cohen, 1993). Dabei handelt es sich um ein Mass für Selbstaspekte, die voneinander unabhängig vorliegen und für die jeweilige Person als Charakterisierung des eigenen Selbst dienen. Als Selbstaspekte werden Rollen, Aktivitäten, Eigenschaften und Ähnliches bezeichnet, die für die Selbstrepräsentation eine Rolle spielen. Je mehr Selbstaspekte unabhängig voneinander vorliegen, umso höher ist die Selbstkomplexität. Eine hohe Selbstkomplexität stellte sich in verschiedenen Studien als ein Puffer für Stress und negative Lebensereignisse heraus (McConnell et al., 2005; Smith & Cohen, 1993). Nach Smith und Cohen (1993) können Personen mit einer hohen Selbstkomplexität im Falle eines Aspekt-Verlustes auf weitere Selbstaspekte zurückgreifen, wodurch sie ihre soziale Identität nicht verlieren. Dasselbe zeigte sich bei der Reaktion von Studierenden auf eine Trennung (Smith & Cohen, 1993). Die Problematik des Identitätsverlustes könnte durch mangelnde Ressourcen oder fehlende soziale Unterstützung verstärkt werden, womit eine Trennung als noch schwerwiegender wahrgenommen werden kann (Smith & Cohen, 1993). 

Die Rolle von Facebook bei Trennungen 

Der folgende Abschnitt befasst sich mit den Auswirkungen von sozialen Medien auf Trennungen. Dabei wird überwiegend auf Studien zurückgegriffen, die sich mit Facebook befassten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass andere soziale Netzwerke einen ähnlichen Effekt auf eine Trennung haben können, was allerdings bisher nicht explizit untersucht wurde. Dazu können Plattformen wie Snapchat, Instagram oder Ähnliches gehören. 

Bereits bevor es zu einer Trennung kommt, kann der übermässige Gebrauch von Facebook in der Anwesenheit des*der Partners*in zu einem erhöhten Gefühl von Einsamkeit, Eifersucht und zu gering wahrgenommener Führsorge führen, was wiederum eine Trennung begünstigen kann (Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). 

Nach einer Trennung ändern Getrennte ohne Wunsch auf Offenlegung ihren Beziehungsstatus auf Facebook oftmals nicht. Ein Grund dafür ist, dass sie sich mit ihrem neuen Beziehungsstatus oft nicht wohl fühlen oder verhindern wollen, von Freunden und Bekannten auf das Ende ihrer Beziehung angesprochen zu werden (Haimson et al., 2018). Bei der öffentlichen Änderung des Beziehungsstatus auf einer Plattform wie Facebook spricht man von einer one-to-many Kommunikation (Haimson et al., 2018). Es kommt ebenfalls vor, dass einige ihren Beziehungsstatus zwar ändern, jedoch in Folge dessen die Anzeige ihres Beziehungsstatus verbergen. Dieses Vorgehen kann ihnen dabei helfen, ihre Selbstwahrnehmung entsprechend des neuen Beziehungsstatus zu verändern und stellt für sie ein Schritt ins Single-Leben dar. Hierbei spricht man von einer one-to-self Kommunikation. An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, was eine Trennung in vielen Fällen für einen Stellenwert im Leben und der Entwicklung der Betroffenen haben kann (Haimson et al., 2018). In einer Studie von Lukacs und Quan-Haase (2015) konnte gezeigt werden, dass Personen, die im Vergleich zu anderen Teilnehmenden aus derselben Stichprobe starken Stress durch die Trennung erlebt hatten, häufig ihren*ihre Partner*in als Facebook-Freund*in entfernt haben. Ebenfalls zeigte sich, dass Personen, die von Anbeginn nicht mit ihren Ex-Partnern*innen auf Facebook befreundet waren, mehr Stress durch die Trennung erlebten als andere (Lukacs & Quan-Haase, 2015). Die meisten Getrennten berichteten jedoch, dass man durch eine Facebook-Freundschaft in einem fortlaufenden, wenn auch nur einseitigen, Kontakt mit dem*der Ex-Partner*in bleibt. In diesem Fall besteht zwar kein Austausch im klassischen Sinne, wobei man sich als stille beobachtenden Person der / dem Ex-partner*in dennoch verbunden fühlen kann. Durch diesen Kontakt erscheinen die Aktivitäten des*der Ex-Partners*in als weniger geheimnisvoll und unzugänglich, was zu einem Gefühl der Verbundenheit führen kann. Diese Erkenntnis legt den Schluss nahe, dass für viele eine Entfreundung des*der Ex-Partners*in keine sinnvolle Copingstrategie bei Trennungen darstellt (Lukacs & Quan-Haase, 2015). Diese Verbindung kann jedoch auch Schattenseiten haben. Während des einseitigen Kontaktes kann der Wunsch auf Wiederaufnahme der Beziehung grösser werden, wobei die Hoffnung darauf (aufgrund der nicht vorhandenen Rückmeldung der anderen Person) in ähnlichem Masse ansteigen kann. Dadurch kommt es in den vielen Fällen zu einem erhöhten Stresserleben und vermehrten negativen psychischen Folgen (Lukacs & Quan-Haase, 2015).  

Praktische Empfehlungen 

Bei den zuvor aufgezeigten Faktoren sowie bei Facebook handelt es sich um einen kurzen Überblick der aktuellen Forschung. Zudem ist auf die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Beziehungen hinzuweisen. Trotzdem lassen sich einige Empfehlungen aus den gewonnenen Erkenntnissen ableiten, wie Praktiker*innen, Familie und Freunde mit Getrennten umgehen können, um diese möglichst gut zu unterstützen: 

  • Nehmen Sie sich Zeit für die Betroffenen und üben Sie keinen Druck aus. Wenn den Getrennten danach ist, werden sie von ihrer Trennung und den damit verbundenen Gefühlen erzählen (Yıldırım & Demir, 2015). 
  • Helfen Sie den Getrennten dabei, den Grund für die Trennung zu verstehen und zu akzeptieren, damit es ihnen leichter fällt, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen (Yıldırım & Demir, 2015). 
  • Bieten Sie nach Möglichkeit und Notwendigkeit der getrennten Person instrumentelle Unterstützung an, um zu verhindern, dass sie neben dem*der Partner*in zusätzlich ihre Ziele und allenfalls einen weiteren wichtigen Lebensinhalt verliert (Gomillion et al., 2015; Smith & Cohen, 1993). 
  • Zeigen Sie der gerade getrennten Person auf, dass sich neben den möglicherweise aktuell präsenten Selbstaspekten des Ex-Partners, Verlierers oder auf immer alleine seienden noch weitere, positive Selbstaspekte in ihnen befinden. Hierbei können verschiedene Aspekte in den Fokus gerückt werden, wie beispielsweise Hobbys, Arbeit oder Familie. Dadurch kann ihre Selbstkomplexität und damit der Stresspuffer erhöht werden (Smith & Cohen, 1993). Dabei sollte jedoch auf eine möglichst breite Verteilung von verschiedenen Aspekten geachtet werden, damit ein maladaptives Coping möglichst im Vorfeld ausgeschlossen werden kann. Zum Beispiel ein sich in die Arbeit stürzen, übermässiges Feiern oder ähnliches. 
  • Beachten Sie die Rolle die Facebook und andere sozialen Medien in der heutigen Zeit spielen (Lukacs & Quan-Haase, 2015; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). Ihr Einfluss ist nicht zu vernachlässigen, da diese Plattformen zum täglichen Leben gehören. 
  • Thematisieren Sie den Umgang mit sozialen Medien und machen Sie die Getrennten auf Chancen und Risiken aufmerksam, welche sich daraus ergeben können, weiterhin mit dem*der Ex-Partner*in digital befreundet zu bleiben (Lukacs & Quan-Haase, 2015; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). 

Formen von sozialer Unterstützung  

Bei dem Erhalten von sozialer Unterstützung handelt es sich um das Erlangen externer Ressourcen in Form von Bewältigungshilfe, Austauschmitteln oder Ähnlichem, welche wiederum in instrumentelle, informationelle und emotionale Unterstützung unterteilt werden. Von instrumenteller Unterstützung ist bei alltäglicher Hilfe, wie zum Beispiel Mithilfe beim Aufbauen von Möbeln, Erledigen von Einkäufen oder finanzieller Unterstützung jeglicher Art die Rede. Bei informationeller Unterstützung handelt es sich insbesondere um das Erteilen von Ratschlägen, während emotionale Unterstützung aus Zuhören und dem Vermitteln von positiven Gefühlen besteht (Schwarzer & Knoll, 2007).  


Zum Weiterlesen

Yıldırım, F. B., & Demir, A. (2015). Breakup adjustment in young adulthood. Journal of Counseling & Development, 93(1), 38-44. doi: 10.1002/j.1556-6676.2015.00179.x 

Lukacs, V., & Quan-Haase, A. (2015). Romantic breakups on Facebook: New scales for studying post-breakup behaviors, digital distress, and surveillance. Information, Communication & Society, 18(5), 492-508. doi: 10.1080/1369118X.2015.1008540 

Literatur 

Gomillion, S., Murray, S. L., & Lamarche, V. M. (2015). Losing the wind beneath your wings: The prospective influence of romantic breakup on goal progress. Social Psychological and Personality Science6(5), 513–520. https://doi.org/10.1177/1948550614568160 

Haimson, O. L., Andalibi, N., De Choudhury, M., & Hayes, G. R. (2018). Relationship breakup disclosures and media ideologies on Facebook. New Media & Society20(5), 1931–1952. https://doi.org/10.1177/1461444817711402 

Low, N. C., Dugas, E., O’Loughlin, E., Rodriguez, D., Contreras, G., Chaiton, M., & O’Loughlin, J. (2012). Common stressful life events and difficulties are associated with mental health symptoms and substance use in young adolescents. BMC Psychiatry12(1), 116. https://doi.org/10.1186/1471-244X-12-116 

Lukacs, V., & Quan-Haase, A. (2015). Romantic breakups on Facebook: New scales for studying post-breakup behaviors, digital distress, and surveillance. Information, Communication & Society18(5), 492–508. https://doi.org/10.1080/1369118X.2015.1008540 

McConnell, A. R., Renaud, J. M., Dean, K. K., Green, S. P., Lamoreaux, M. J., Hall, C. E., & Rydell, R. J. (2005). Whose self is it anyway? Self-aspect control moderates the relation between self-complexity and well-being. Journal of Experimental Social Psychology41(1), 1–18. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2004.02.004 

Nongpong, S., & Charoensukmongkol, P. (2016). I don’t care much as long as I am also on Facebook: Impacts of social media use of both partners on romantic relationship problems. The Family Journal24(4), 351–358. https://doi.org/10.1177/1066480716663199 

Smith, H. S., & Cohen, L. H. (1993). Self-complexity and reactions to a relationship breakup. Journal of Social and Clinical Psychology12(4), 367–384. https://doi.org/10.1521/jscp.1993.12.4.367 

Yıldırım, F. B., & Demir, A. (2015). Breakup adjustment in young adulthood. Journal of Counseling & Development93(1), 38–44. https://doi.org/10.1002/j.1556-6676.2015.00179.x 

Ein Spiel mit der Loyalität

Rezension zum Film Joker 

Der Film von Phillips (2019) liess mich im Sekundentakt erschauern, laut auflachen und über die Realität zweifeln. Die Geschichte wie aus Arthur Fleck der Joker wird, ist nichts für schwache Nerven. 

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Mandana Fröhlich und Celina Weder
Illustriert von Marcia Arbenz

Der Blick in den Spiegel 

Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der an einem Schminktisch sitzt und sich schwarze Clownsaugen anmalt. Mit seinen Fingern verzieht er seine Mundwinkel zu einem Lächeln – bis ihm eine Träne die Wange herunterläuft. Arthur Fleck ist ein angehender Stand-up-Komiker, der sich und seine pflegebedürftige Mutter als Clown über Wasser hält. Die Welt um ihn herum versinkt im Dreck. Einerseits stapeln sich die Müllsäcke auf den Strassen, weil das Personal der Müllabfuhr streikt, andererseits herrscht überall Gewalt und Verbrechen. Auch Arthur wird Opfer davon. Mehr als einmal wird er verprügelt, man tritt ihn, während er am Boden liegt. Er ist von seinen Mitmenschen isoliert, hat unkontrollierbare Lachanfälle aufgrund einer Hirnverletzung und leidet gleichzeitig an einer depressiven Episode. Obwohl Arthur nichts zu haben scheint, verliert er immer mehr: Seinen Job, seine Sozialarbeiterin und somit auch seine Medikamente, seinen Ruf, seine Hoffnung und beinahe seine Mutter. Als er im Clownskostüm in der U-Bahn von drei Männern belästigt wird, reisst ihm der Geduldsfaden und er erschiesst sie. Das erste Mal scheint er so etwas wie Macht zu spüren. Die Medien berichten zunächst schockiert über die Tat, mit der Zeit wird er jedoch als eine Symbolfigur für den Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten in Gotham gehandelt. Immer wieder wird Arthur mit der vermeintlichen Realität konfrontiert, die sehr von seiner Wahrheit abweicht. Nach und nach verwandelt sich der sensible Arthur Fleck in den anarchistischen Joker.  

Krankhaftes Lachen und Sinnlosigkeit 

Eines der offensichtlichsten Filmelemente ist Arthurs Lachen. Seine regelmässigen und sehr unpassenden Lachanfälle lösen Verwirrung und Unverständnis bei seinen Mitmenschen aus, auch wenn sie von seiner Diagnose erfahren. Während ein offenes Lachen einen Menschen sympathisch erscheinen lässt, stösst Arthur damit nur auf Entfremdung, Hohn und Gewalt. Zusätzlich zeigt Arthur weitere Symptome: Er spricht von einem Gefühl der Sinnlosigkeit, ist sozial weitgehend isoliert, zweifelt an seiner eigenen Existenz, fühlt sich andauernd schlecht und ist untergewichtig. Hinzu kommen Illusionen und Halluzinationen, ein frühkindliches Trauma durch Missbrauch und Gewalt, kein Gefühl von Reue und Aggressionen. Arthurs Symptome sind einerseits Produkte seiner miserablen Situation, andererseits auch verantwortlich für den Verlauf der Geschichte.  

Widersprüchliche Puzzleteile 

Es ist kein Wunder, dass man als Zuschauer*in mit Arthur mitleidet, wenn man sich die Liste der Symptome ansieht. Mehr als einmal kann man sich selber dabei ertappen, wie man Arthurs Aggressionen und Morde nachvollziehen und manchmal sogar gutheissen kann. Der Film spielt mit der Loyalität des Publikums. Die Frage, ab wann ich nicht mehr für Arthur Fleck, sondern gegen ihn bin, beschäftigte mich am meisten, während ich den Film das erste Mal sah. Immer wieder neue Erkenntnisse lassen die einzelnen Figuren in einem anderen Licht erscheinen. Hinzu kommt ein pikantes Spiel mit der Realität. Welcher Erklärung kann man trauen? Am Ende hat man zu viele widersprüchliche Puzzleteile, als das eine Wahrheit herausstechen würde. Aber das macht den Film gerade so spannend.  

Als eingefleischter Batman-Fan ist die Geschichte um Thomas Wayne, dem Vater von Batman, etwas ungewohnt. Während er in vielen Verfilmungen als grosser Wohltäter und hingebungsvoller Vater dargestellt wird, bekommt er im Joker sein Fett weg.  

Während die Entwicklung von Arthur Fleck natürlich und nachvollziehbar von statten geht, ist seine endgültige Betitelung als Joker meines Erachtens etwas gesucht. In den letzten paar Minuten nennt er sich selber so, aufgrund einer Bemerkung, die gefühlt Stunden zuvor gemacht wurde.  

Ansonsten ist der Film, besonders für Psychologiestudierende, extrem spannend. Aufgrund der vielen versteckten Symbolen und filmischen Mittel, ist der Film auch ein zweites Mal sehenswert.  


Zum Ansehen 

Cooper, B., Phillips, T., & Tillinger Koskoff, E. (Producers), & Phillips, T. (Director). (2019). Joker [Motion Picture]. United States: Warner Bros. Pictures. 

Mentale Stärke beim Marathonlauf

Wie man mit mentaler Stärke nicht nur Distanz, sondern auch Mauern überwinden kann

Ein Marathonlauf bringt einen Menschen nicht nur körperlich, sondern auch emotional, motivational und kognitiv an seine Grenzen. Um diese Grenzen überwinden zu  können, ist mentale Stärke, die als angeborene oder erlernte Fähigkeit gesehen wird, von besonderer Bedeutung. 

Von Tabea Bührer
Lektoriert von Sandro Stutz und Celina Weder
Illustriert von Melina Camin

Eine Distanz von exakt 42,195 Metern muss ein Marathonläufer unter die Füsse nehmen, um als Finisher ins Ziel einzulaufen. Für eine sportliche Höchstleistung wie diese bedarf es, neben athletischen und sportartspezifischen technischen Fähigkeiten, auch einer psychischen Leistungsfähigkeit (Brand, 2010). Eine perfekte Synergie dieser Leistungskomponenten zeigte der Kenianer Eliud Kipchoge im vergangenen Jahr. Am 12. Oktober 2019 absolvierte er, als erster Mensch der Marathon-Geschichte, einen Lauf in unter zwei Stunden – er benötigte genau 1:59:40 (NZZ, 2019). Damit widerlegte er die Annahme von Sportwissenschaftlern, dass ein Marathonlauf in unter zwei Stunden nicht machbar sei (NZZ, 2019). Da der Lauf unter laborähnlichen Bedingungen und nicht im Rahmen eines Wettkampfes durchgeführt wurde, wird die Zeit zwar nicht als Weltrekord gewertet, dennoch hat Eliud Kipchoge damit Geschichte geschrieben. Dass Kipchoge selbst von der Relevanz psychischer Leistungsfähigkeit bei sportlichen Leistungen überzeugt ist, zeigt das folgende Zitat: 

«Die Frage ist auch, wie man mit Grenzen umgeht. Ich glaube, man hat sie nur im Kopf; es geht darum, sie zu eliminieren.» 

Eliud Kipchoge, 11. Oktober 2019 

Mentale Stärke  

In der Literatur existiert eine grosse Spannweite verschiedener Definitionen mentaler Stärke. So gilt sie beispielsweise als Fähigkeit, Rückschläge zu überwinden oder positiv mit Druck und Stress umgehen zu können (Goldberg, 1998). Angesichts dieser eher unspezifischen Definitionen merkt Jones (2002) an, dass es sich hierbei um einen der «am meisten verwendeten aber am wenigsten verstandenen Begriffe in der angewandten Sportpsychologie» handle (S. 205). Es bestehen auch unterschiedliche Konzeptionen davon, wie sich mentale Stärke in der Persönlichkeit eines Menschen etabliert. Während sie von Cattell (1957) als eine stabile Persönlichkeitseigenschaft gesehen wird, versteht Gibson (1998) sie als einen Geisteszustand, einen «state of mind» (Jones, 2002, S.206). Nach Jones (2002) kann mentale Stärke angeboren sein, sie kann aber auch aufgebaut und entwickelt werden. Diesem Verständnis folgend nehmen sportpsychologische Interventionen eine bedeutende Rolle ein (Jones, 2002). 

Attribute, die zu mentaler Stärke verhelfen 

Neben der Frage, was mentale Stärke ist, stellt sich eine weitere, ebenso bedeutsame – wenn nicht sogar wichtigere – Frage: Das Innehaben welcher Eigenschaften befähigt eine*n Sportler*in dazu, mentale Stärke zu zeigen? Auch in Bezug auf diese Frage brachte die Literatur ein Sammelsurium an Vorschlägen hervor, zum Bespiel wurden Charakteristika wie Willenskraft, Optimismus, Commitment und Mut als relevant erachtet. Diese Aufzählung erweckt nun den Eindruck, dass annähernd jede wünschenswerte, mit sportlichem Erfolg zusammenhängende Eigenschaft zum Besitz mentaler Stärke beitragen könnte, wodurch diese erneut zu etwas sehr Unkonkretem verkommt (Jones, 2002). Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung, bei welcher Elite-Sportler*innen zu ihrem Verständnis von mentaler Stärke befragt wurden, identifizierten Jones und Kollegen (2002) zwölf Attribute, welche etwas Licht ins Dunkel bringen und dem Konstrukt klarere Konturen verleihen. Im Folgenden sollen einige dieser Eigenschaften exemplarisch hervorgehoben werden. An erster Stelle der Rangreihe – die Attribute wurden im Zuge der Analyse nach ihrer Wichtigkeit sortiert – steht das Innehaben eines unerschütterlichen Selbstvertrauens und einer Überzeugung davon, die eigene Wettkampfziele zu erreichen.  

An zweiter Stelle rangiert die Fähigkeit, sich Leistungsrückschläge in der Art zu Nutze zu machen, dass daraus eine gesteigerte Motivation und Entschlossenheit entsteht (Jones et al., 2002). 

Hitting the wall – die Mauer im Marathonlauf 

Hitting the wall – so heisst ein Phänomen, welches immer wieder von Marathon-Finishern berichtet wird. Rein physiologisch betrachtet setzt dieses Phänomen dann ein, wenn «Glykogen-Vorräte erschöpft sind und Energie aus Fett gewonnen werden muss» (Stevinson & Biddle, 1998, S. 229). Doch nicht nur physiologisch stellen sich Veränderungen ein, wenn ein*e Athlet*in auf the wall trifft: Emotional erfahren Athlet*innen an diesem Punkt eine starke emotionale Labilität und Entmutigung. Auf motivationaler Ebene wächst das Verlangen, vom Joggen ins Laufen zu verfallen oder gar aufzugeben, während sich auf kognitiver Ebene ein regelrechter mentaler Kampf abspielt (Buman et al., 2008). In Zusammenhang mit diesen Vorgängen wird ein weiterer Punkt der 12-Attributen-Liste von Jones und Kollegen (2002) relevant: Das Besitzen eines unstillbaren Verlangens nach Erfolg und das Vorhandensein intrinsischer Motivation. Der Wunsch nach Erfolg muss also aus dem tiefsten Inneren kommen, die*der Sportler*in muss den Erfolg mit Haut und Haar wollen. In Zusammenhang mit the wall ist ein solches Verlangen nach Erfolg besonders essenziell, da dieses gerade dann beim Durchbeissen und Weiterkämpfen hilft, wenn die sporttreibende Person kurz davor ist, aufzugeben. Extrinsisch gefärbte Motivation genügt an dieser Stelle nicht. Dies zeigt auch das folgende Zitat, welches von einer*m der von Jones (2002) befragten Athlet*innen stammt: 

«Once you start doing it for anyone else … you’re in trouble ». 

Jones, 2002, S. 211 

Hitting the wall geht natürlich auch mit starken körperlichen Veränderungen einher – Dehydration, Krämpfe, Beinmüdigkeit und ein generelles Schmerzempfinden sind nur einige der möglichen Symptome (Buman et al., 2008). Hier ist die Fähigkeit notwendig, unter Konstanthalten von Anstrengung und Technik, den physischen Schmerz aushalten zu können. Auch dies ist eines der von Jones und Kollegen (2002) identifizierten Attribute, die Sportler*innen zum Zeigen mentaler Stärke befähigen. 

Empirische Befunde  

Es gibt einige empirische Belege dafür, dass mentale Stärke mit positiven Outcomes korreliert. So fanden beispielsweise Crust und Clough (2005) eine Korrelation von 0.34 zwischen der mentalen Stärke von Sportstudenten und der Zeit, für welche diese ein Gewicht im 90° Winkel halten konnten. In einer weiteren Studie untersuchte man die mentale Stärke von Ultramarathon-Absolvent*innen. Unter den Begriff «Ultramarathon» fallen alle Langstreckenläufe, die länger sind als die Marathonstrecke von 42.195 Kilometern (Knechtle & Nikolaidis, 2018). In dieser Studie korrelierte mentale Stärke positiv mit der zurückgelegten Laufdistanz. Darüber hinaus stand die Ausprägung in mentaler Stärke in negativem Zusammenhang mit Wuterleben, Depression sowie Anspannung. Zudem erlitten mental starke Athlet*innen weniger Verletzungen (Martindale, Graham, Connaboy, & McKinley, 2015). Diesen Befunden zufolge sollte die Rolle von mentaler Stärke keinesfalls unterschätzt werden. Ein Ergebnis, welchem wohl auch Eliud Kipchoge zustimmen würde.  

Top List des Marathonlaufs 

1:59:40* Eliud Kipchoge Wien, 12. Oktober 2019, INEOS 1:59 Challenge 

2:00:25* Eliud Kipchoge Monza, 6. Mai, 2017, Projekt Breaking 2 

2:01:39  Eliud Kipchoge  Berlin, 16. September 2018  

2:01:41  Kenenisa Bekele   Berlin, 29. September 2019 

2:02:37  Eliud Kipchoge  London, 28. April 2019  

2:02:48  Birhanu Legese  Berlin, 29. September 2019  

*nicht offiziell anerkannt 

(IAAF, 2020; NZZ, 2019) 


Zum Weiterlesen

Jones, G. (2002). What is this thing called mental toughness? An investigation of elite sport performers. Journal of Applied Sport Psychology14(3), 205–218. doi: 10.1080/10413200290103509 

Brand, R. (2010). Sportpsychologie (1. Aufl.). Wiesbaden, DE: Verlag für Sozialwissenschaften. 

Literatur

Brand, R. (2010). Sportpsychologie (1. Aufl.). Wiesbaden, DE: Verlag für Sozialwissenschaften. 

Buman, M. P., Omli, J. W., Giacobbi, P. R., & Brewer, B. W. (2008). Experiences and coping responses of «hitting the wall» for recreational marathon runners. Journal of Applied Sport Psychology20(3), 282–300. https://doi.org/10.1080/10413200802078267 

Crust, L., & Clough, P. (2005). Relationship between mental toughness and physical endurance. Perceptual and Motor Skills, 100(1), 192-194. 

Geisser, R. (11. Oktober 2019). Das ist ein Versuch am laufenden Menschen. NZZ. Abgerufen unter https://www.nzz.ch/sport/eliud-kipchoge-so-will-er-einen-marathon-unter-2-stunden-laufen-ld.1514732 (23.01.2020) 

Geisser, R. (11. Oktober 2019). Der Marathonläufer Eliud Kipchoge sagt: «Ich will zeigen, dass nichts unmöglich ist». NZZ. Abgerufen unter https://www.nzz.ch/sport/marathonlaeufer-eliud-kipchoge-sagt-ich-will-zeigen-dass-nichts-unmoeglich-ist-ld.1514716 (23.01.2020) 

Geisser, R. (12. Oktober 2019). Eliud Kipchoge läuft in eine andere Welt. NZZ. Abgerufen unter https://www.nzz.ch/sport/eliud-kipchoge-laeuft-in-eine-andere-welt-ld.1514976?reduced=true (23.01.2020) 

Goldberg, A. S. (1998). Sports slump busting: 10 steps to mental toughness and peak performance. Champaign, USA: Human Kinetics. 

IAAF, 2020. Senior Outdoor, Marathon Men. Abgerufen unter https://www.worldathletics.org/records/all-time-toplists/road-running/marathon/outdoor/men/senior?regionType=world&drop=regular&fiftyPercentRule=regular&page=1&bestResultsOnly=true&firstDay=1900-01-01&lastDay=2020-01-23 (23.01.2020) 

Jones, G. (2002). What is this thing called mental toughness? An investigation of elite sport performers. Journal of Applied Sport Psychology14(3), 205–218. https://doi.org/10.1080/10413200290103509 

Knechtle, B., & Nikolaidis, P. T. (2018). Wie ungesund ist ein Ultramarathon? Praxis, 107(8), 453–462. https://doi.org/10.1024/1661-8157/a002943 

Martindale, R., Graham, S., Connaboy, C., & McKinley, M. (2015). Injury, sleep, mood and performance and the role of mental toughness during an arctic ultra-marathon: 166 Board #17 May 27, 11: 00 AM – 12: 30 PM. Medicine & Science in Sports & Exercise 47 (5S Suppl 1), 28.  

Wirz, J. (13. Oktober 2019). Eliud Kipchoge ist der Marathon-Man der Superlative. NZZ. Abgerufen unter https://www.nzz.ch/sport/eliud-kipchoge-ist-der-marathon-man-der-superlative-ld.1515100 (23.01.2020) 

Verschwommenes Selbst

Veränderte Bewusstseinszustände durch den Konsum psychedelischer Drogen  

Das Selbst besteht aus den Gedanken und Einstellungen einer Person über sich selbst und macht sie zu einem autonomen Wesen. Der Konsum psychedelischer Drogen kann dazu führen, dass die eigene Identität zerfällt und die Ich-Umwelt-Grenze verschwimmt. 

Von Aline Pfirter
Lektoriert von Laura Trinkler und Vera Meier
Illustriert von Andrea Bruggmann

Durch die Einnahme verschiedener psychedelischer Drogen wie LSD (Lysergsäurediethylamid), DMT (Dimethyltryptamin) oder Magic Mushrooms (Psylocibin) kann das Bewusstsein eines Menschen grundlegend verändert oder erweitert werden (Dobkin de Rios, 1977). Substanzen, die solche Veränderungen bewirken, werden auch als Psychedelika oder Halluzinogene bezeichnet. Durch den Konsum dieser Drogen können die Wirklichkeitswahrnehmung und die Ich-Wahrnehmung einer Person stark verzerrt werden (Sauer & Weilemann, 2000). Um verdeutlichen zu können, wie genau das Bewusstsein verändert wird und wie sich dies auf das Selbstgefühl einer betroffenen Person auswirken kann, sollen zuerst die Begriffe «Bewusstsein» und «Selbst» erklärt werden.  

Das Bewusstsein  

Der Begriff «Bewusstsein» ist zurückzuführen auf den Mathematiker und Logiker, Christian Wolff (1679-1754), der mit folgender Aussage die Diskussion um eine Definition entfachte: «Ich habe Bewusstsein, also bin ich». Demzufolge behauptet er, dass das «Ich» für eine Person nur dann existiert, wenn sie sich dessen bewusst ist (Vaitl, 2012). Trotz reger Bewusstseinsforschung und zahlreichen Publikationen zu diesem Thema konnte bis heute keine einheitliche, befriedigende Definition für diesen Begriff gefunden werden. Dennoch gibt es einige Annäherungen. Das Bewusstsein kann beispielsweise als das Wissen einer Person über ihr Sein und ihren Zustand verstanden werden. Eine Person, die ein Bewusstsein hat, weiss Bescheid über seine oder ihre eigene Orientierung in Bezug auf die physikalische Welt und das Ich (Hobson, 2010). Ein problematischer Aspekt für eine allgemein gültige Definition ist, dass Bewusstseinszustände sowie deren Veränderungen auf subjektiven Eindrücken beruhen (Vaitl, 2012). Dennoch wurden einige Versuche unternommen, veränderte Bewusstseinszustände zu definieren. Dabei wurde beispielsweise das subjektiv erlebte Wachbewusstsein als Norm festgelegt, von dem sich veränderte Bewusstseinszustände deutlich unterscheiden (Hobson, 2010).  

Eine Unterscheidung zwischen gewöhnlichen und veränderten Bewusstseinszuständen schlägt auch Scharfetter (nach Hürlimann, 2013) vor. Er spricht dabei von «Alltagsbewusstsein» und «Ausser-Alltagsbewusstsein», wobei Letzteres sich zusätzlich in ein «Über-Bewusstsein» und ein «Unter-Bewusstsein» abgrenzen lässt. Nachfolgend wird vornehmlich auf das Über-Bewusstsein eingegangen, das überweltliche Erfahrungen beinhaltet. Dabei wird eine höhere Wirklichkeit, beziehungsweise ein absolutes Bewusstsein erfahren, welches das persönliche Bewusstsein überschreitet. Inhaltlich gibt es die zwei Bereiche «Selbst-Erleben» und «Umgebungserfahrungen». Veränderungen in diesen Bereichen können dabei für eine Person positiver oder negativer Art sein (Scharfetter, nach Hürlimann, 2013). 

Das Selbst  

In der Forschungsliteratur wird «Selbst» oft als Synonym zu «Identität» verstanden. Im weiteren Verlauf dieses Artikels wird ausschliesslich der Begriff «Selbst», wie er in der psychologischen Forschung definiert wird verwendet. Im weitesten Sinne bezieht sich dieser psychologische Selbst-Begriff auf die Gesamtheit des Wissens, das eine Person zu sich persönlich und ihrem Stand in der sozialen Welt hat. Indes wird auch von Wissens- und Gedächtnisrepräsentationen sowie deren Bewertung gesprochen (Mössle & Loepthien, 2014). Zu diesem Selbstempfinden gelangt eine Person mit Hilfe verschiedener innerer sowie äusserer Vorgänge: Beobachtung und Reflexion des eigenen Verhaltens sowie Reaktionen der äusseren Umwelt (Morf & Koole, 2014). Das Selbst stellt das Zentrum der Persönlichkeit dar (Mössle & Loepthien, 2014). Es dient einer Person zur Abgrenzung von ihrer Umwelt. Erst dadurch kann sie sich als autonom denkendes und handelndes Wesen wahrnehmen. Dabei kann zwischen dem materiellen Selbst (Körper) und dem geistigen Selbst (Psyche, Interessen etc.) unterschieden werden, die in enger Wechselwirkung zusammenspielen (Stürmer, 2009).  

Zum Selbst-Begriff gibt es je nach Fachbereich und Quelle ganz unterschiedliche Definitionen und Konzepte (im Buddhismus beispielsweise wird das Selbst eher als eine Art «Seele», die unabhängig von geistigen und körperlichen Prozessen ist, verstanden, was unserer wissenschaftlichen Vorstellung dieses Konzeptes widerspricht), die im Rahmen dieses Artikels nicht alle erläutert werden können. Zusammenfassend kann das Selbst, im Kontext der psychologischen Forschung, definiert werden als die Vorstellung, die eine Person von sich selbst hat. Es ist Teil des Ich und beeinflusst das Denken und Handeln (Morf & Koole, 2014).  

Das Selbst macht eine Person aus und das Bewusstsein ist nötig, sich als Selbst zu erkennen. Deshalb ist kaum vorstellbar, wie sich die Erfahrung anfühlt, sich vom materiellen oder geistigen Selbst zu distanzieren oder ganz loszulösen. Manche Personen erleben dies als eine positive, transzendentale und fast schon sakrale Erfahrung. Für Andere hingegen kann diese Reise aus dem Selbst zum Horror werden. Im Folgenden sollen zwei Phänomene, die durch die Einnahme bestimmter Psychedelika, wie beispielsweise LSD, auftreten können, erklärt werden.   

Ich-Auflösung 

«Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ich aufzuhalten, schienen vergeblich.» 

Hofmann, 2010, S. 32 

Bei einer sogenannten «Ich-Auflösung» (engl. Ego-Death) verlieren Konsumierende jeden Bezug zu ihrem Ich. Das eigene Selbstkonzept erscheint plötzlich sinnlos, nicht mehr greifbar und kann bekannten Assoziationen oder Denkkonstruktionen nicht mehr zugeordnet werden. Dies ist fatal, da jene normalerweise zur Standortbestimmung und Orientierung dienen. Bei einer Ich-Auflösung beeinflussen Sinnesreize aus der Umwelt die Selbstwahrnehmung, was zum Empfinden einer Verschmelzung der Aussenwelt mit der eigenen Innenwelt führen kann (Diesch, 2015). Die Subjekt-Objekt-Trennung löst sich auf. Für eine Person, die sich in diesem Zustand befindet, würde eine gedankliche Differenzierung von Subjekt und Objekt keinen Sinn ergeben. Dieses Erleben kann grosse Angst auslösen, da das bisherige Selbstverständnis der eigenen Identität potentiell zerstört wird (Cousto, 2014). Aus spiritueller Sicht könnte dies für eine betroffene Person zur Bewusstheit darüber führen, dass alles mit allem verknüpft ist und sie selbst «ein Teil Gottes» ist. Im Schamanismus beispielsweise, wird dieser Zustand sogar angestrebt (Luke, 2017). Zur Beschreibung von aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen und den damit einhergehenden Erlebnissen unterscheidet Dittrich (1990) drei Dimensionen: «Die ozeanische Selbstentgrenzung», die «angstvolle Ich-Auflösung» und die «visionäre Umstrukturierung». Alle Zustände beschreiben einen ähnlichen Geisteszustand, verbunden mit negativen oder positiven Gefühlen (Vaitl, 2012). Die ozeanische Selbstentgrenzung beschreibt die angenehmen, beglückenden Aspekte der Erfahrung des «Einsseins mit der Welt». Das normale Zeitgefühl verschwindet. Entweder rast die Zeit, sie steht still oder ein Zustand der «Zeitlosigkeit» tritt ein. Die angstvolle Ich-Auflösung hingegen wird allgemein als «Horrortrip» oder als eine Form von Paranoia (psychische Störungen, die durch einen systematisierten Wahn gekennzeichnet sind) bezeichnet. Diese Erlebnisse erzeugen Angst. Das Gefühl eines zersplitterten, haltlosen Ich tritt auf (Dittrich, 1990). Als visionäre Umstrukturierung schlussendlich ist eine Umwandlung im Bereich der Wirklichkeitswahrnehmung gemeint. Diese tritt vor allem durch optische Halluzinationen auf (Dittrich, 1990). Im folgenden Zitat von Albert Hofmann (2010, S. 32) wird das Phänomen der angstvollen Ich-Auflösung verdeutlicht: 

«Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ich aufzuhalten, schienen vergeblich. Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und von meiner Seele Besitz ergriffen. […]. Die Substanz, mit der ich hatte experimentieren wollen, hatte mich besiegt. Sie war der Dämon, der höhnisch über meinen Willen triumphierte. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume mit anderer Zeit. Mein Körper erschien mir gefühllos, leblos, fremd. Lag ich im Sterben? War das der Übergang? Zeitweise glaubte ich außerhalb meines Körpers zu sein und erkannte dann klar, wie ein außenstehender Beobachter, die ganze Tragik meiner Lage.»  

Es konnte bereits gezeigt werden, dass eine positive Korrelation zwischen der Stärke der erlebten Ich-Auflösung und der Dosis der konsumierten Substanz besteht. Solche Erfahrungen werden gewöhnlich nur erlebt, wenn entsprechende Drogen in sehr hohen Mengen konsumiert werden (Nour, Evans, Nutt & Carhart-Harris, 2016).  

Ausserkörper-Erfahrung 

Eine andere bewusstseinsverändernde Erfahrung ist die sogenannte «Ausserkörper-Erfahrung» (engl. Out-of-Body-Experience), die auch einen Kern-Aspekt von Nahtod-Erfahrungen darstellt (Luke, 2017). Während einer solchen Erfahrung hat die betroffene Person den Eindruck, sich ausserhalb ihres physischen Körpers zu befinden.  

«Manche Personen erlebten sich als völlig losgelöst von ihrem Körper, sie schwebten über dem Körper, beobachteten ihn von einem anderen Teil des Zimmers aus.» 

Grof, 2018, S. 208 

Während dieser Erfahrung wird oft von einem veränderten Körpergefühl berichtet. Der Körper fühlt sich ungewöhnlich, seltsam an. Die aufkommende Stimmung ist aber zumeist positiv, es kann bis zur Ekstase kommen (Dobkin de Rios, 1977). Anders als bei der Ich-Auflösung bleibt das Ich-Bewusstsein bei ausserkörperlichen Erfahrungen erhalten. Trotzdem kommt es auch zu imaginären, nur scheinbar realen Wahrnehmungen (Schröter, 2005). Betroffene Personen berichten, ausserhalb ihres Körpers an einen bestimmten Ort in der physischen Aussenwelt angekommen zu sein. Diesen Ort können sie oftmals sogar beschreiben (Grof, 1981).  

«’I’ now turned into a sheaf of little papers […]. But the ‘I’ taking in this seeming catastrophe had no desire to chase after the slips and pile my old self back together.» 

Pollan, 2018, S. 263 

Motive hinter dem Konsum  

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Personen den Drang verspüren, ihr Bewusstsein zu verändern. Hobson (2010) nennt drei Motive: 

  1. Das normale Bewusstsein hat einige negative Aspekte und kann von psychischem Leiden begleitet werden. Deshalb besteht der Drang, sich von diesem unangenehmen Zustand zu lösen.   
  1. Das normale Bewusstsein bringt auch ausserordentlich beglückende Erlebnisse mit sich, die Personen erweitern oder steigern möchten.  
  1. Das «Unglaubliche» zu erleben stellt für manche Personen eine erstrebenswerte religiöse Erfahrung dar. 

Positive Auswirkungen von bewusstseinsverändernden Erfahrungen 

Drogeninduzierte Bewusstseinsveränderungen, wie die Ich-Auflösung oder Ausserkörper-Erfahrung, können positive psychologische Effekte mit sich bringen. Sie können als alternative Form der Sinnsuche und Daseinsbewältigung fungieren (Vaitl, 2012). Personen, die bereits solche Erlebnisse hatten, berichten beispielsweise vom Gefühl einer gesteigerten Integrität ihrer Persönlichkeit. Das Selbstwertgefühl wird gestärkt. Auch unerwünschte Charakterzüge können erkannt und verändert werden (Grof, 1981). Todkranken Menschen kann es teils ihre Angst vor dem Tod mildern oder sogar ganz nehmen, da sie ein kosmisches Einheitsgefühl erleben (Pollan, 2018). Zudem können solche Erfahrungen als Ansatzpunkt für eine Neustrukturierung und «Gesundung» der Persönlichkeit dienen (Hofmann, 2010). Die veränderte Sichtweise verhilft Konsumierenden zu neuen Einsichten über sich und die Welt. Es wird erkannt, dass vorhandene Denkmuster nicht die einzige Wahrheit darstellen und veränderbar sind. Konsumierenden werden plötzlich neue Perspektiven aufgezeigt (Hürlimann, 2013).  

LSD ist eine der psychedelischen Drogen, die solche Phänomene hervorrufen können.  

Für Hofmann (2010, S. 198) besteht die positive psychologische Wirkung dieser spezifischen Substanz darin, «die Ich-Du-Schranke, die bewusstseinsmässige Trennung von der Aussenwelt vorübergehend zu lockern oder gar aufzuheben. Das begünstigt die Lösung aus einem ichhaft-fixierten Problemkreis und das Finden einer bergenden Wirklichkeit». Aufgrund solcher positiven psychologischen Wirkungen wurden Psychedelika, wie zum Beispiel LSD, teilweise auch schon in Psychotherapien verwendet (Grof, 2000). Neben diesen positiven Wirkungen sollten aber auch die Gefahren und Risiken des Konsums psychedelischer Drogen, wie sie beispielsweise im Zitat von Hofmann (2010, S. 32) verdeutlicht wurden, nicht in Vergessenheit geraten.  «Set» (Umgebung) und «Setting» (mentale Verfassung des*r Konsument*innen) bestimmen oftmals darüber, ob ein psychedelischer Trip positiv oder negativ erlebt wird. Entscheidend ist dabei hauptsächlich, ob die Konsumierenden sich am Konsumort wohl und innerlich ausgeglichen fühlen oder nicht.    

Ein kurzer Überblick über die Geschichte des LSD 

Der Chemiker Albert Hofmann kam im Frühjahr 1943 bei Forschungsarbeiten für die Firma Sandoz als erster Mensch in Berührung mit LSD und dessen bewusstseinsverändernden Eigenschaften. Die Entdeckung dieses starken Halluzinogens war eine Sensation. Forschende aus verschiedenen Disziplinen befassten sich mit der Substanz, unzählige Selbstversuche wurden durchgeführt, Künstler*innen hofften auf neue kreative Erfahrungen und so manche Psychiater*innen waren von einer positiven therapeutischen Wirkung des LSD überzeugt (Hofmann, 2010). Anfang der 1960er Jahre nahm die Substanz eine wichtige Rolle im Rahmen der Hippiebewegung ein. Aufgrund gehäufter Horrortrips wurden jegliche Forschungsarbeiten rund um LSD eingestellt, die Produktion verboten und der missbräuchliche Konsum bestraft. Nach langen bürokratischen Verfahren und unzähligen Anträgen können Psychiater*innen in der Schweiz heute erneut Psychedelika in der Psychotherapie einsetzen.  


Zum Weiterlesen

Grof, S. (2018). Topographie des Unbewussten: LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hofmann, A. (2010). LSD – mein Sorgenkind (2 Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta. 

Vaitl, D. (2012). Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Stuttgart: Schattauer. 

Literatur 

Cousto, H. (2014). Drogeninduzierte und andere außergewöhnliche Bewusstseinszustände. In H. Cousto (Ed.), 30 Jahre Nachtschattenverlag. Wissenswertes für Psychonauten in Text, Bild und Ton (pp. 81-110). Solothurn: Nachtschatten. 

Diesch, M. (2015). LSD. Rückkehr in die klinische Forschung. Solothurn: Nachtschatten. 

Dittrich, A. (1990). Empirische Dimensionen veränderter Bewusstseinszustände. In A. Resch (Ed.), Veränderte Bewusstseinszustände (pp. 73-116)Innsbruck: Resch. 

Dobkin de Rios, M. (1977). Plant hallucinogenes, out-of-body-experiences and new world monumental earthworks. In B. M. du Toit (Ed.), Drugs, rituals and altered states of consciousness (pp. 237-251). Rotterdam: A.A. Balkema. 

Grof, S. (1981). LSD-Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Grof, S. (2018). Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hobson, A. (2010). Das optimierte Gehirn. Wie wir unser Bewusstsein reparieren, manipulieren, ruinieren. Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hofmann, A. (2010). LSD – mein Sorgenkind (2nd ed.). Stuttgart: Klett-Cotta. 

Hürlimann, S. (2013). LSD-unterstütze Psychotherapie. Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände (Bachelorarbeit, Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Mettmenstetten, Schweiz). Retrieved from https://digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/742/1/ba0227.pdf 

Luke, D. (2017). Otherworlds. Psychedelics and exceptional human experience. London: Muswell Hill Press. 

Morf, C. C., & Koole, S. L. (2014). Das Selbst. In K. Jonas, W. Stroebe, & M. Hewstone (Eds.), Sozialpsychologie (6th ed., pp. 191-147). Berlin-Heidelberg: Springer. 

Mössle, R., & Loepthien, T. (2014). Selbst. In M. A. Wirtz (Ed.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (17th ed., P. 1389). Bern: Hogrefe. 

Nour, M., Evans, L., Nutt, D. & Carhart-Harris, R. (2016, June 14). Ego-dissolution and psychedelics. Validation of the ego-dissolution inventory (EDI). Frontiers in Human Neuroscience, 10, 1-13. doi:10.3389/fnhum.2016.00269 

Pollan, M. (2018). How to change your mind. The new science of psychedelics. London: Penguin Random House UK. 

Sauer, O. & Weilemann, S. (2000). Drogen. Eigenschaften  Wirkungen – Intoxikationen. Hannover: Schlüttersche. 

Scharfetter, C. (2012). Was weiss der Psychiater vom Menschen? Unterwegs in der Psychiatrie. Menschenbild, Krankheitsbegriff und Therapieverständnis (2nd ed.). Sternenfels: Wissenschaft und Praxis Dr. Brauner. 

Schröter, M. (2005). Nah-Todesefahrungen aus psychiatrisch-neurologischer Sicht. In V. Läpple, & K. Schmidt (Eds.), «Dem Tode so nah…» – Wenn die Seele den Körper verlässt (pp. 28-79). Frankfurt am Main: HAAG + HERCHEN. 

Stürmer, S. (2009). Sozialpsychologie. München: Reinhardt. 

Vaitl, D. (2012). Veränderte Bewusstseinszustände. Grundlagen – Techniken Phänomenologie. Stuttgart: Schattauer. 

Study-Life-Balance

Wie sich Studium, Arbeit und Freizeit die Waage halten – Mit Fokus auf die Schweizer Studierenden 

Setz dir Ziele, treibe Sport, treffe Mitmenschen, gönn dir etwas, vergleich dich nicht, finde deine Lernstrategie, nimm es mit Humor… Das sind Tipps des Internets für die perfekte Study-Life-Balance: Verallgemeinernd, fraglich hilfreich, beschränkt umsetzbar. Doch was macht sie tatsächlich aus und wodurch wird sie erschwert? 

Von Julia Schmid
Lektoriert von Isabelle Barthalomä und Mandana Fröhlich
Illustriert von Alba Lopez

Der Begriff «Work-Life-Balance» ist weit verbreitet (Deuer, 2013). Durch gesellschaftliche Trends wie die Individualisierung hat die Arbeit einen anderen Stellenwert eingenommen als früher. Für viele ist es nicht mehr nur wichtig einen Job zu haben, sondern den für sich richtigen Arbeitsplatz zu finden, an dem man sich wohlfühlt und nicht überlastet wird (Stressfrei, 2018). Meist wird der Begriff «Work-Life-Balance» mit einer familienfreundlichen Arbeitsgestaltung assoziiert. Diese Verwendung ist unbefriedigend, da letztlich alle Personen, wenn auch in einem unterschiedlichen Ausmass, von einer fehlenden Balance betroffen sein können. Dies gilt auch für die Studierenden (Deuer, 2013). Die Forschung in diesem Bereich ist aber noch mangelhaft, obwohl gerade für jüngere Generationen in den letzten Jahren die Bedeutung der Work-Life-Balance stark zugenommen hat (Deuer, 2013). Lediglich Beratungsliteratur befasst sich speziell mit dem Aspekt des Studiums bzw. der Study-Life-Balance. Herzog und Otto (2013) vermuten den Grund dafür in der Subjektivität des Wortes «Balance».  

Der Begriff «Study-Life-Balance» steht für die Beziehung zwischen dem Studium und persönlichen Lebensaktivitäten, die für jede*n Einzelne*n unterschiedlich ist (Kumar & Chaturvedi, 2018). Eine gute Study-Life-Balance bedeutet, mit dem Gleichgewicht verschiedener Rollen in seinem Leben zufrieden zu sein (Drago, 2007) und akademische Leistungen zu erbringen, ohne dabei soziale, sportliche und kulturelle Aspekte zu vernachlässigen. Wichtig dabei ist gemäss Wittmann (2016) die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwichtigen zu unterscheiden. Die emotionale Intelligenz erklärt über die Persönlichkeit hinaus einen Teil der Varianz der Study-Life-Balance (Namin-Hedayati, 2007). Balance ist dabei kein statischer Zustand, sondern ein tieferes Verständnis für den Wandel zwischen Phasen der Anspannung und Leistung und Phasen der Ruhe und Erholung (Wittmann, 2016). Soziale Unterstützung verbessert die Study-Life-Balance, diese wiederum erhöht die Lebenszufriedenheit (Kumar & Chaturvedi, 2018). 

Das Empfinden der Studierenden 

Während des Semesters gibt gemäss Deuter (2013) nur jeder vierte Studierende an, genügend Zeit für Privates zu haben und lediglich jeder Dritte empfindet das Verhältnis zwischen Studium und Privatleben als ausgewogen. Gleichzeitig betreiben nur sehr wenige Studierende mehr als zwei Stunden Sport pro Woche (Deuer, 2013). In vorlesungsfreien Phasen haben die meisten Studierenden Zeit für persönliche Aktivitäten und bezeichnen ihre Study-Life-Balance als gut. Auch ist der Anteil der Studierenden, die Sport treiben, höher (70 Prozent) (Deuer, 2013). Demzufolge scheint vor allem während dem Semester die Study-Life-Balance nicht gegeben zu sein; worin liegt dies begründet? 

Die Herausforderungen 

Das Studium wird immer wieder als «die beste Zeit des Lebens» bezeichnet. Es bringt aber nicht nur Freiheit und Selbstverwirklichung, zu dieser Zeit wird auch sehr viel Fleiss, Disziplin und Selbstständigkeit gefordert. Durch das Lernen zu Hause und einem unregelmässigen Tagesablauf können die Grenzen zwischen Arbeit (Study) und Freizeit (Life) verwischen (Deuer, 2013). Gleichzeitig sind Schweizer Studierende häufiger von materieller Entbehrung betroffen und haben ein geringeres Einkommen als nichtstudierende Schweizer im gleichen Alter. Weitere Herausforderung sind die verglichen mit deren der erwerbstätigen Bevölkerung längeren Pendelzeiten und die Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche (Fischer, Boughaba, & Gerhard Ortega, 2017). Auch die ungleiche Verteilung der Prüfungen über das Semester stellt ein Hindernis der Study-Life-Balance dar (König, 2017). Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen der investierten Studienzeit und der Belastung nachgewiesen werden kann. Studierende fühlen sich teilweise trotz geringem quantitativen Zeitaufwand stark belastet (König, 2017). Die Belastungen im Studium entstehen gemäss König (2017) neben strukturellen Bedingungen durch personenbezogene Merkmale wie Stressresistenz, Erholungsfähigkeit und persönliche Flexibilität. 

Ein Grund für die teils auch in der vorlesungsfreien Zeit fehlende Balance könnte die Studienbelastung aufgrund der Bologna-Reform, beispielsweise in Form von Prüfungen, Hausarbeiten und Praktika, sein (Deuer, 2013). Anderseits kann paradoxerweise auch durch die Freiheit, die Zeit selbst einteilen zu können, eine Belastung entstehen (Gross & Boger, 2011). Die Studierenden können frei entscheiden, wie sie die vorlesungsfreie Zeit gestalten wollen, müssen sich aber auch selbst darum kümmern. Entsprechend unterscheiden sich die Studierenden sehr darin, in welchem Ausmass sie die Zeit für Praktika und Jobs nutzen (Deuer, 2013). Neben der studienbedingten Belastung, die alle Studierenden betrifft, sind einige durch Erwerbstätigkeit einer Doppelbelastung bzw. durch Elternschaft sogar einer Dreifachbelastung ausgesetzt (Fischer et al., 2017).  

Work-Study-Life-Balance 

Drei Viertel der mehr als 150’000 Schweizer Studierenden arbeiten neben dem Studium (Fischer et al., 2017). Die Hälfte aller Studierenden weist einen Beschäftigungsgrad bis zu 40 Prozent auf. Jeder zehnte Studierende arbeitet sogar mehr als 60 Prozent (BFS, 2015). Ihr Zeitbudget ist durch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Studium, Arbeit, Haushalt, Familie und weiteren Freizeitaktivitäten geprägt. Da die Gesamtzeit, die wöchentlich zur Verfügung steht, beschränkt ist, kann es zu Zielkonflikten kommen (Fischer et al., 2017). 

Family-Work-Study-Life-Balance 

Fünf Prozent der Schweizer Studierenden haben Kinder. Einem Grossteil davon hilft die Kinderbetreuung, ihr studentisches Leben zu strukturieren oder schwierige Phasen während des Studiums zu überbrücken. Einige Studierende können aber nicht alle Studienveranstaltungen besuchen und empfinden die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Studium als (eher) schwierig. Bei manchen hat das Studium durch die Elternschaft an Bedeutung verloren. Ein Fünftel sieht die Kinderbetreuung als mögliches Hindernis für einen erfolgreichen Studienabschluss. 14 Prozent, vor allem Mütter, berichten gesundheitliche Probleme aufgrund der Doppelbelastung (Fischer et al., 2017). Studierende mit Kindern haben mit fast 70 Stunden pro Woche eine deutlich höhere Gesamtbelastung, wobei gleichzeitig weniger Zeit in das Studium investiert werden kann (Fischer et al., 2017). 

Studierende, die nicht erwerbstätig sind, investieren durchschnittlich 42 Stunden pro Woche in das Studium. Dies entspricht einem 100 Prozent Arbeitspensum. Bei den erwerbstätigen Studierenden fällt der zeitliche Studienaufwand mit zunehmendem Beschäftigungsgrad geringer aus (Fischer et al., 2017). Beispielsweise investieren Studierende, die 50 Prozent arbeiten, nur 25 Stunden pro Woche in das Studium (BFS, 2015). Mehr als die Hälfte der Zeit, die zum Arbeiten aufgewendet wird, geht zu Lasten der für das Studium verfügbaren Zeit. Dabei ist die Kausalität aber nicht geklärt (Fischer et al., 2017). Mit jeder weiteren Stunde Erwerbstätigkeit werden durchschnittlich 30 Minuten weniger in das Studium investiert. Umgekehrt betrachtet erhöht sich die Erwerbstätigkeit um 20 Minuten mit jeder weniger in das Studium investierten Stunde (Fischer et al., 2017). Es könnte sein, dass insbesondere die Studierenden neben dem Studium arbeiten, die alle anderen Lebensbereiche «im Griff» und somit noch Potenzial, Kapazitäten und Energie haben (Deuer, 2013). Die Arbeitsstunden, die nicht zu Lasten des Studiums gehen, werden zusätzlich aufgewendet (BFS, 2015). Durch die Doppelbelastung erhöht sich das Gesamtarbeitsvolumen der Studierenden, was die Freizeit verringert (Herzog & Otto, 2013).  

«Ein Studium neben einer Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung bedeutet für die Studierenden eine Dreifachbelastung durch Arbeit, Studium und Familie/Freizeit.» 

Gaedke et al., 2011, S. 198 

Die Doppelbelastung sowie der Umstand, aus finanziellen Gründen nicht mehr Zeit für das Studium aufwenden zu können, erachten die Studierenden als die Aspekte, die das Studium am meisten erschweren. Je höher der Beschäftigungsgrad ist, desto kritischer wird die Doppelbelastung eingeschätzt (Fischer et al., 2017). Berufsbegleitend Studierende reduzieren auf Grund der Belastung ihre Ansprüche an das eigene Leistungsniveau und ihre privaten Aktivitäten (Freunde, Familie, Hobbies…). Letzteres stellt eigentlich eine wichtige Ressource im Hinblick auf die Vermeidung eines Burnouts dar (Gaedke, Venegas, Recker, & Janous, 2011). Die Erwerbstätigkeit hat aber auch positive Auswirkungen; sie gibt Anregungen für das Studium und führt zu einer zielgerichteteren Arbeitsweise. Studentische Erwerbstätigkeit, die einen umfangreicheren Beschäftigungsgrad, sowie Fachwissen voraussetzt, wirkt sich eher negativ auf die Work-Study-Life-Balance aus, die Studierenden können aber im Hinblick auf das Studium stärker profitieren (Fischer et al., 2017). 

«Zusätzlich reduzieren berufsbegleitend Studierende ihre privaten Aktivitäten wesentlich stärker als Vollzeitstudierende.» 

Gaedke et al., 2011, S. 209

Der wöchentliche Aufwand der Studierenden für Studium, Erwerbstätigkeit und Haushalt, inklusive Kinderbetreuung, beträgt durchschnittlich 50 Stunden. 35 Stunden werden für das Studium benötigt, neuneinhalb für die Arbeit und fünfeinhalb für den Haushalt. Im Verlauf des Studiums nimmt der Zeitaufwand für das Studium ab, der für die Arbeit und den Haushalt aber zu, wodurch der gesamte Aufwand ansteigt (Fischer et al., 2017). 

Prädiktoren und Konsequenzen einer mangelhaften (Work-) Study-Life-Balance  

Studierende nehmen viele Rollen ein, was zu einem Konflikt führen kann (Kumar & Chaturvedi, 2018). Sie sind verschiedenen Stressfaktoren, wie übermässigen Hausaufgaben, Angst vor dem Scheitern, unklaren Aufgaben, Abgabefristen, Beziehungen zu Fakultätsmitgliedern, Zeitdruck, finanziellem Druck, Einsamkeit und unsicheren Zukunftsaussichten ausgesetzt (Doble & Supriya, 2011). Auch der hohe Prüfungs-, Noten- und Erfolgsdruck macht einigen zu schaffen (König, 2017). Gelingt es nicht, diese Faktoren zu bewältigen, entsteht Stress (Doble & Supriya, 2011). Auch die Kombination von Arbeit und Studium (und Familie) kann zu Stress führen. Mehr als jeder zweite erwerbstätige Studierende gibt an, dass sein Studium durch die Arbeit negativ beeinflusst wird (Robotham, 2008). 

Gemäss Deuter (2013) empfinden 50 Prozent der Studierenden in der vorlesungsfreien Zeit hohen Stress. Während dem Semester sogar 90 Prozent (Deuer, 2013). In der Schweiz nennen 15 Prozent Stress und Überlastung als Grund, sich mindestens ein Semester frei zu nehmen und über ein Viertel der Studienabbrecher*innen begründen den Abbruch mit Stress und Überlastung (Fischer et al., 2017). 

Stress beeinträchtigt die Study-Life-Balance. Dies wiederum verringert die Lebens-, sowie akademische Zufriedenheit und senkt die akademische Leistung (Pluut, Curşeu, & Ilies, 2015; Kumar & Chaturvedi, 2018). Der genannte Stress kann auch zu psychischen und physischen Problemen führen (Doble & Supriya, 2011). Fast 20 Prozent der Schweizer Studierenden geben an, unter dauerhaften Gesundheitsproblemen zu leiden. Am häufigsten nennen sie chronische Krankheiten (41 Prozent) und psychische Probleme (26 Prozent). Im Vergleich zur gleichaltrigen Wohnbevölkerung weisen sie eine schlechtere Gesundheit auf. Dies könnte auf kumulativen Effekten, also die studien-, arbeits- und elternschaftsbedingte Belastung, sowie finanzielle Probleme zurückzuführen sein (BFS, 2018).  

Eine fehlende Work-Study-Life-Balance kann zu einem Burnout führen (Gusy, Lohmann, Drewes, 2010). Besonders gefährdet sind zum einen junge Menschen mit sehr hohen Erwartungen an sich selbst, die sich in ihrer Leistungsfähigkeit überschätzen und zum anderen Studierende, die neben dem Studium sehr viel Energie für ihre Existenzsicherung aufwenden müssen (Wittmann, 2016). 

Die zu Beginn des Artikels genannten Tipps des Internets suggerieren, dass jeder seine Study-Life-Balance beeinflussen kann und komplett selbst für sie verantwortlich ist. Die Forschung zeigt aber, dass die Study-Life-Balance stark von der Persönlichkeit und den Umständen abhängt. Wie gross der veränderbare Teil tatsächlich ist und wie die Study-Life-Balance verbessert werden kann, sollte Gegenstand künftiger Forschung sein. Bis dahin lässt sich mit einem Augenzwinkern sagen: Setz dir Ziele, treibe Sport… 


Zum Weiterlesen 

Deuer, E. (2013). Work-Life-Balance in Ausbildung und Studium. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis42(1), 36-40. 

Fischer, P., Boughaba, Y., Gerhard Ortega, S. (2017). Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen – Hauptbericht der Erhebung 2016 zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden. Schweiz: Bundesamt für Statistik. 

Literatur

BFS. (2015). Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen – Hohe Erwerbstätigkeit der Studierenden. Retrieved from https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung/soziale-wirtschaftliche-lage-studierenden.assetdetail.38508.html 

BFS (2018). Gesundheit der Studierenden an den Schweizer Hochschulen im Jahr 2016. Retrieved from https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung/soziale-wirtschaftliche-lage-studierenden.assetdetail.6468263.html 

Deuer, E. (2013). Work-Life-Balance in Ausbildung und Studium. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis42(1), 36-40. 

Doble, N., & Supriya, M. V. (2011). Student life balance: myth or reality?. International Journal of Educational Management, 23(3), 237-251.  

Fischer, P., Boughaba, Y., Gerhard Ortega, S. (2017). Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen – Hauptbericht der Erhebung 2016 zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden. Schweiz: Bundesamt für Statistik. 

Gaedke, G., Venegas, B. C., Recker, S., & Janous, G. (2011). Vereinbarkeit von Arbeiten und Studieren bei berufsbegleitend Studierenden. Zeitschrift für Hochschulentwicklung

Groß, L., & Boger, J. M. A. (2011). Subjektives Belastungsempfinden von Studierenden. In Die Workload im Bachelor: Zeitbudget und Studierverhalten, 6(2), 198-213. 

Gusy, B., Lohmann, K., & Drewes, J. (2010). Burnout bei Studierenden, die einen Bachelor-Abschluss anstreben. Prävention und Gesundheitsförderung5(3), 271-275. 

Herzog, M., & Otto, C. (2013). Beruflich qualifiziert Studieren: Alles eine Frage der Work-Study-Life-Balance. Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (Hg.): Beruflich qualifiziert studieren–Herausforderung für Hochschulen. Ergebnisse des Modellprojekts Offene Hochschule Niedersachsen. Bielefeld, 99-107. 

König, K. (2017). Gut studieren? Heute! Spurensuche nach Bedingungen und Möglichkeiten eines gelingenden Studiums in Bologna-Strukturen. München: Avm. 

Kumar, K., & Chaturvedi, R. (2018). An empirical study of social support, stress and life satisfaction among engineering graduates: mediating role of perceived work/study life balance. International Journal of Happiness and Development4(1), 25-39. 

Namin-Hedayati, F. (2007). An exploration of the effects of emotional intelligence on work-life balance, above and beyond personality components in working, graduate and undergraduate students. Dissertation Abstracts International: Section B: The Sciences and Engineering, 68(2-B), 1315.  

Pluut, H., Curşeu, P. L., & Ilies, R. (2015). Social and study related stressors and resources among university entrants: Effects on well-being and academic performance. Learning and Individual Differences37(1), 262-268. 

Stressfrei. (2018). Retrieved Januar 20, 2020, form https://www.stressfrei.de/2018/08/13/study-life-balance-work-life-balance-fuer-auszubildende-und-studierende/ 

Robotham, D. (2008). Stress among higher education students: Towards a research agenda. Higher education56(6), 735-746. 

Wittmann, C. (2016). Study-Life-Balance – Wie man Stress und Leistungsdruck am besten vermeidet. Retrieved from https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/campus/zeitmanagement-interview-study-life-balance-100.html 

Professor*innen gefragt

Wovon nehmen Sie Distanz? 

Gesammelt von Noémie Lushaj
Lektoriert von der Redaktion

Prof. Dr. Alexandra Freund 

Ich finde es oft sehr schwierig, wenn ich grobe Ungerechtigkeiten miterlebe – das kann soziale Ungleichheit sein, wie ich sie in Botswana oder Zambia gesehen habe, wo Luxus-Resorts neben bitterarmen Hüttensiedlungen ohne fliessend Wasser oder Elektrizität sind und die Menschen sich abrackern müssen, um überhaupt das Notwendigste zum Leben zu haben. Das kann aber auch die ungerechte Behandlung einer Kollegin oder eines Mitarbeitenden im wissenschaftlichen Betrieb sein. Zu diesen Dingen muss ich dann eine gewisse Distanz nehmen, um nicht von Emotionen wie Wut, Verzweiflung oder Resignation gewissermassen überwältigt zu werden, und handlungsfähig zu bleiben. Den Film über die «Central Park Five» (When they see us) konnte ich mir deshalb beispielsweise erst gar nicht ansehen. Die Schwierigkeit liegt für mich darin, mich dann nicht ganz von diesen Dingen abzuschotten. Das richtige Mass an Distanz erlaubt Compassion, die handlungsmotivierend ist, ohne einen emotional lahmzulegen. 

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker 

Viele Menschen mit einem psychischen Leiden verspüren Distanz zu Anderen. Am klassischsten ist das beim sogenannten Entfremdungserleben innerhalb der Traumafolge- oder dissoziativen Störungen. Zur PTBS gehört fast regelhaft das Gefühl eines riesigen Abstands zwischen sich und den Anderen. Viele drücken das so aus, dass sie die Anderen ständig «wie hinter einer riesigen Glasscheibe» erleben; das Leben passiert neben ihnen und sie können nicht eingreifen. Dissoziative Depersonalisationserlebnisse sind dem sehr ähnlich, aber ihnen gehen keine traumatischen Erlebnisse voraus. Sie können bei einigen Jugendlichen entstehen und sind auch oft nur sehr kurzfristig (einige Tage), so dass sie eigentlich keine klinische relevante Störung sind. Von ihrem anhaltenden Entfremdungs-Distanzerleben haben mir viele Teilnehmer*innen von PTBS-Studien berichtet. Dafür und für das Leiden daran als Aussenstehender ein Mitgefühl zu bekommen, ist gar nicht so leicht, aber diese Empathiefähigkeit wird von den Patienten «belohnt», denn sie sind dankbar dafür, dass man ihren Zustand und ihre innere Unfähigkeit, die Distanz zu überwinden, versteht. 

Prof. Dr. Guy Bodenmann 

Distanz nehmen ist in der Psychologie wichtig. Im Sinne von Distanz nehmen durch die Einnahme einer Meta-Perspektive bei Konflikten, um einen sachlicheren Überblick zu gewinnen und Prozesse in einem ganzheitlicheren Licht zu sehen. Distanz nehmen bedeutet auch, nach einer emotional schwierigen Psychotherapie sich innerlich wieder zu fangen, das Berufliche am Abend hinter sich lassen. Am schwierigsten ist Distanz nehmen direkt im therapeutischen Prozess, wo Einfühlsamkeit (sich empathisch auf den anderen einlassen) und Abgrenzung (sich innerlich ein Stück weit zu distanzieren) immer wieder ein herausfordernder Balanceakt darstellt. Aber auch in jeder Partnerschaft spielt das Thema Distanz und Nähe eine wichtige Rolle. Die zwei Pole, zwischen denen man je nach Phase (zentripetal oder zentrifugal) hin und her schwankt, sind häufige Konfliktherde, wenn sich die Bedürfnisse der Partner*innen nach Nähe versus Distanz nicht decken. Nähe und Distanz immer wieder neu zu definieren gehört zu den zentralen Aufgaben eines Paares. 

Prof. Dr. Johannes Ullrich 

«Wovon nehme ich Distanz» ist eine interessante Frage. Dazu existieren in der Sozialpsychologie viele unterschiedliche Assoziationen. Zunächst einmal denke ich an die Skala der «sozialen Distanz», mit der gemessen wird, wie gross die Bereitschaft ist, mit Personen aus einer Fremdgruppe Kontakt zu haben. Hier funktioniert Distanz nach der Logik, je grösser die Abneigung, um so grösser die Distanz. Auch Francis Galton hat 1884 bereits die Idee gehabt, die Einstellung einer Person anhand nonverbaler Indikatoren wie Körperhaltung und Distanz zu messen. Wenn Sie mich also fragen, wovon ich Distanz nehme, fragen Sie danach, was oder wen ich nicht mag. Es gibt aber auch den negativ konnotierten Begriff der «Distanzlosigkeit». Im Zusammenhang mit dem Konzept des «Personal Space» bedeutet Distanz Respekt. Das heisst, ich respektiere den Abstand, der von einer Person gewünscht wird. Im sozialen Bereich ist Distanz also von der psychologischen Bedeutung her nicht linear. 

Prof. Dr. Mike Martin 

Als Längsschnittforscher spielt insbesondere die zeitliche Distanz zwischen Messzeitpunkten eine entscheidende Rolle für die Genauigkeit, mit der man Entwicklungsphänomene betrachten kann. Diese Distanz wird in unserer Forschung dank der Kombination mit hochauflösenden Mikrolängsschnittdaten von Aktivitätsmessungen immer kleiner. Auch die Distanz zu den beforschten Personen wird immer kleiner, weil sie in der partizipativen Alternsforschung bereits in der Design-Phase in die Forschung einbezogen werden und immer eine Kopie ihrer eigenen Daten erhalten. Ich erhoffe mir, dass die Verringerung der zeitlichen Distanz und die Verringerung der Distanz zwischen Forschenden und Erforschten für die Psychologie ganz neue Erkenntnisse liefern wird, weil individuell zuordenbare Daten wesentlich präzisere und kontextualisierte Erklärungsmodelle psychischer Gesundheit ermöglichen. 

Prof. Dr. Ulrike Ehlert 

Distanz ist ein sehr gutes Konzept, denn grundsätzlich ist es ja mal gut, nicht distanzlos zu sein. Oft ist es gut, Distanz zu bewahren. Beispielsweise wünschen wir uns eine gewisse Distanz im nonverbalen Umgang miteinander (Nähe-Distanz-Regulation), damit wir uns nicht «auf den Pelz rücken». Auch ist es meistens gut, keine distanzlosen Fragen zu stellen. Also zu wissen, wo die Grenzen der Intimität bei den verschiedenen Menschen, mit denen wir es zu tun haben, liegt. Distanz kann jedoch auch etwas sehr Verletzendes an sich haben. Beispielsweise von Menschen auf Distanz gehen, die gerade nicht auf der Gewinnerseite des Lebens stehen. Schliesslich kann uns «auf Distanz gehen» auch schützen. Vor Dingen und vor Menschen, die konträr zu unseren Wertvorstellungen und unserem Menschenbild stehen. Distanz ist also ein sehr vielschichtiges Konzept, das uns für andere verträglich macht und uns selbst den Umgang mit unseren Mitmenschen erleichtert. 

Suizid

Wie durch Reden die Distanzierung von Suizidalität gelingen kann 

Der Freitod ist ein Thema unserer Gesellschaft. Nicht immer sichtbar und doch präsent. Elisa Nguyen (ehemalige Rettungssanitäterin), Matthias Herren (Stellenleiter Dargebotene Hand ZH) und eine Betroffene erzählen, wie eine offene Kommunikation vor Selbstmord bewahren kann. 

Von Hannah Löw
Lektoriert von Marie Reinecke und Zoé Dolder
Illustriert von Alessia Geisshüsler

Der Tod gehört zum Kreislauf des Lebens. Früher oder später sterben Lebewesen und Neue werden geboren. Doch wenn psychisches Leiden Menschen in den freiwilligen Tod drängt, ist keine Rede mehr von einem natürlichen Tod. Dass Suizid ein Thema unserer Gesellschaft ist, zeigen die Ergebnisse der Untersuchung des Bundesamts für Statistik (BFS): Etwa 1000 Menschen in der Schweiz beendeten im Jahr 2016 selbst ihr Leben (BAG, 2019). Nach der WHO erschwert eine Tabuisierung der Suizidthematik das Erkennen von selbstgefährdeten Menschen (Stiftung Deutsche Depressionshilfe, 2016).  

Gefühlte Datenlage und Daten der Gefühlslage 

Wie oft laufen wir täglich durch die Gegend und begegnen fremden Menschen. Wir blicken in unbekannte Gesichter, schauen schnell weg, nicken kaum merkbar oder es rutscht sogar ein Grüezi über die Lippen. Wir kreuzen für einen kurzen Augenblick den Weg eines anderen und doch bleibt uns vieles dabei verborgen. Wie der Kapitän auf der Titanic, als er die Spitze des Eisberges entdeckte, erhaschen auch wir nur einen Bruchteil des Befindens. Die tieferliegende, emotionale Verfassung bleibt in den Strassen des Alltags meist unerkannt. Bei wie vielen Menschen würden wir einen verborgenen Eisberg an suizidalen Gedanken unter der Oberfläche vermuten? 
In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB) erhob das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) 2017 mittels Fragebogen Daten zu Suizidgedanken und Suizidversuchen in der Schweizer Bevölkerung. Die Prävalenz von Suizidgedanken lag bei ungefähr 7,8 Prozent. «Hochgerechnet auf die gesamte Wohnbevölkerung ab 15 Jahren sind dies rund 541’000 Personen (95%-KI: 508’000–575’000)» (Obsan, 2019, S. 2). Konstruiert das innere Auge diese Zahl zu einem Bild, so könnte die Platzkapazität des Stadions Letzigrund rund 20-mal ausgeschöpft werden mit Menschen, die Suizidgedanken in sich tragen (Stadt Zürich, 2018).  
Die Prävalenz der Suizidversuche lag nach der Datenerhebung der SGB 2017 bei 0,5 Prozent innerhalb der Schweizer Bevölkerung im Jahr 2016. Auch hier rechnet das SGB diese Zahl hoch auf «rund 33’000 Suizidversuche (95%-KI: 23’000–42’000)» (Obsan, 2019, S. 4–5) schweizweit. 

3,4 Prozent der Befragten haben während ihrer gesamten Lebensspanne bis zum Zeitpunkt der Datenerhebung bereits versucht, sich das Leben zu nehmen. Das bedeutet, dass 214’000 bis 259’000 Menschen, die in der Schweiz leben, zuvor einen Suizidversuch unternommen haben (Obsan, 2019). Zu erwähnen ist hierbei, dass bei der Datenerhebung in der Schweiz lebende Personen ab 15 Jahren befragt worden sind, exklusiv der Personen im Freiheitsentzug, in psychiatrischen Kliniken oder im Asylbereich (Obsan, 2019). 

«Angst. […] ein Drang, weg auf die Strasse zu gehen und zur nächsten Brücke runter. Dann hat mich jemand angesprochen, ein Wildfremder. […] Ich weiss […] nicht, was passiert wäre, wenn er mich nicht angesprochen hätte.» 

Philipp Zürcher – Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich, 2015. 

Wenn ein Suizidversuch misslingt – Rettungssanitäter*innen im Einsatz 

Fast 100 Rettungsdienste versorgen die Schweizer Bevölkerung täglich mit über 1’200 Rettungseinsätzen (Obsan, 2017). In einer Befragung von 245 Rettungsdiensteinsatzkräfte wurde die Häufigkeit der Einsätze aufgrund psychiatrischer Notfälle auf 8,7 Prozent geschätzt (Pajonk et al., 2004). Das würde demnach bedeuten, dass fast jeder zehnte Rettungsdiensteinsatz aufgrund eines psychiatrischen Notfalls erfolgt, zu denen auch Suizidversuche zählen.  
Auch Elisa Nguyen (ehemalige Rettungssanitäterin) rückte während ihrer Arbeit beim Rettungsdienst immer wieder aufgrund von Suizidversuchen aus. Elisa gibt für das aware einen Einblick in ihre Erfahrungen. 
«Vor Beginn meines Veterinärmedizinstudiums habe ich als Rettungssanitäterin gearbeitet und so hatte ich auch einige Suizideinsätze. Dabei sind mir vor allem die Selbstmordversuche der gesunden, jungen Menschen in Erinnerung geblieben, weil diese meist „nur“ ein Hilferuf an ihre Umgebung waren. So haben mir ein paar Patienten*innen im Nachhinein erzählt, wie erschrocken sie über ihre eigene Tat gewesen seien. Sie seien sich der Konsequenzen bis dato nicht wirklich bewusst gewesen. Meiner Meinung nach kann man in vielen Fällen eine solche Verzweiflungstat verhindern, indem man diesen Menschen eine Möglichkeit gibt, über ihre Gefühle und Gedanken zu sprechen. Prävention und offene Kommunikation sind oftmals schon sehr hilfreich.» 

Die innere Not zu erkennen geben 

«Ich finde es wichtig, dass man Menschen nicht alleine lässt, wenn sie in einer Krise sind und dass man sie vor allem ernst nimmt» (Pro Juventute et al., 2018), äussert sich Elea in der Präventionskampagne Jugendsuizid der Pro Juventute, SBB und weiteren Kampagnenträger*innen. Wachsame Augen entdecken im Winter 2019/2020 in der Stadt Zürich die Plakate von fünf Jugendlichen aus dieser Kampagne. Sie plädieren dafür, dass Betroffene über ihre Suizidgedanken reden. Auch die Kampagne «reden kann retten» der Prävention und Gesundheitsförderung des Kantons Zürich will dem Schweigen über Suizidgedanken entgegenwirken.  
Wie eingangs erwähnt, gehört Tabuisierung der Suizidthematik nach der WHO zu den zentralen Schwierigkeiten in der Suizidprävention. Auch die Zugangsmöglichkeiten zur Gesundheitsversorgung beeinflussen die Rate der Menschen, die sich Hilfe holen, massgeblich (Stiftung Deutsche Depressionshilfe, 2016).  
Die Schweiz ermöglicht Anlaufstellen, die 24 Stunden betreut werden und die jederzeit Menschen in einer akuten Krise ihre Hilfe anbieten, so beispielsweise das Kriseninterventionszentrum Zürich (KIZ). Die Bettenzahl im KIZ ist zwar beschränkt, doch sind Gespräche rund um die Uhr möglich (Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, 2019). Wer keinen persönlichen Kontakt möchte, hat die Option zum Telefon zu greifen. Auch die Dargebotene Hand bietet durch Freiwilligenarbeit ein 24-Stunden-Telefon an. Ausserdem gibt es Online-Chats, in denen Menschen in einer Krise mit Freiwilligen der Dargebotenen Hand oder auch mit der Nightline Zürich ihre Sorgen per Computer besprechen können.  
Matthias Herren, der Stellenleiter der Dargebotenen Hand im Raum Zürich, äussert sich für das aware folgendermassen zum Thema Suizid. 

«Wenn Suizidwillige die Dargebotene Hand am Telefon oder per Chat kontaktieren, gilt das Grundprinzip, dort anzuknüpfen, wo der*die Kontaktsuchende jetzt gerade steht. Dabei gilt es ernst zu nehmen und offen anzusprechen, dass Suizidwillige ihre akute Krisensituation als Sackgasse erleben, aus der es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Im Gespräch wird aber beachtet, dass es Suizidwilligen nicht primär darum gehen muss, zu sterben, sondern vor dem Unerträglichen zu fliehen. Möglicherweise gibt es dafür auch einen anderen Weg als den Tod.» 

Sich helfen lassen – im Gespräch mit einer Betroffenen (16.01.20) 

«Die Mutter meines Ex-Freundes hat sich das Leben genommen, als er zehn Jahre alt war. Meine Tante habe ich nie kennengelernt, weil sie sich als junge Erwachsene das Leben genommen hat. In der Primarschule ist eine Schulkollegin von mir eine Zeit lang nicht mehr zum Unterricht erschienen – ihr Vater hatte sich damals das Leben genommen.», berichtet Lena1. Mehr als fünf Personen könne Lena aufzählen, die sie direkt oder indirekt kenne, die Suizid begangen haben. Und mehr als doppelt so viele, die es versucht hätten.  
«Suizidgedanken sind ein ernstzunehmendes Thema. Hinter diesen Gedanken steckt meiner Meinung nach oft ein tieferliegendes Gefühl, das sich im Wunsch nach dem Tod ausdrückt.», sagt die Studentin. Zumindest sei es ihr so ergangen. Auch sie wollte sterben. Dachte sie zumindest. Zweimal habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Zweimal sei es schief gegangen. Heute ist sie dankbar für ihr Leben.  
Zwei stationäre Klinikaufenthalte folgten auf die beiden Suizidversuche. «In der zweiten Klinik war ich zunächst unter FU-Status, also fürsorgliche Unterbringung. Anders gesagt: Zwangseinweisung. In vielen Gesprächen, Kunsttherapien und Körpertherapien konnte ich dann das Geschehene besser verstehen, den Kern in meinen Suizidgedanken erkennen und mit der Zeit Abstand davon nehmen.» Es sei nicht der Wunsch nach dem Tod für sie gewesen. Es war ihre Verzweiflung, nicht zu wissen, wie sie ihre Emotionen aushalten könne. Nicht zu wissen, wie sie sich selbst helfen könne. «Leider waren die Gedanken nicht einfach verschwunden. Als ich angefangen habe, darüber zu reden, blieb der Drang nach dem Sterben immer noch bestehen», erzählt Lena. Erst als sie es als Symptom der eigenen Überforderung erkannte, konnte sie mit der Zeit anders damit umgehen. Jedes Mal, wenn sie die Müdigkeit des Lebens ergriff, habe sie offene Ohren in der Therapie gesucht. Später habe es gereicht, wenn sie in schwierigen Phasen kurz in den Online-Chat der Nightline Zürich ging oder mit einem*r Freiwilligen der Dargebotenen Hand chattete. Lena denkt: «Wenn jemand keinen Ausweg mehr sieht, kann man diesen Menschen zwar am Leben halten, indem der Suizid verhindert wird, doch kann niemand einen Menschen dazu bringen, wieder wirklich zu leben. Es gehört auch der Wille dazu, sich helfen zu lassen und dem Leben eine neue Chance zu geben.» Trotz Scham und Angst sei das Reden für Lena der Schlüssel zur Ausgangstür aus dem Gedankengefängnis Suizid gewesen.  
«Den Tod kann dir niemand wegnehmen. Doch wer keinen alternativen Weg ausprobiert, verpasst vielleicht die Oase hinter der nächsten Sanddüne des Lebens.» 

Notfalladressen – rund um die Uhr erreichbar: 

Kriseninterventionszentrum der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (KIZ): 044 296 73 10 

Kriseninterventionszentrum der Integrierten Psychiatrie Winterthur (KIZ): 052 224 37 00 

Notfallpsychiatrischer Dienst am Universitätsspital Zürich: 044 255 11 11 

Die Dargebotene Hand: 143 

Pro Juventute (für Kinder- und Jugendliche): 147 

Weitere Adressen für Krisensituationen: 

Psychiatrisch-Psychologische Poliklinik: 044 412 48 00 

Die Dargebotene Hand: Online Chat unter www.143.ch 

Nightline Zürich: Online Chat unter www.nightline.ch 

Pro Mente Sana: 0848 800 858 

Psychologische Beratungsstelle UZH/ETH: 044 634 22 80, pbs@sib.uzh.ch 

Onlinesuche nach Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (psychiatrisch und psychologisch): www.therapievermittlung.ch 


Zum Weiterlesen

Suizidprävention Kanton Zürich. (2020). In der Krise: Das hilft. Besorgt um jemanden?: So können Sie helfen. Retrieved from https://www.suizidpraevention-zh.ch 

Coelho, P. (1998). Veronika beschliesst zu sterben. Rio de Janeiro: Editora Objetiva Ltda. 

Söldi, A. (08. April 2013). Wenn Krisen am Studieren hindern. Tages-Anzeiger, 25. http://www.pbs.uzh.ch/medien/WennKrisenamStudierenhindern.pdf 

Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich. (2015). Den Kindern helfen: Wie Sie Kinder nach einem Suizid unterstützen können. Zürich: Verlag Kirche+Jugend. https://www.suizidpraevention-zh.ch/fileadmin/user_upload/Kinder_reden_Broschuere_2015.pdf 

Literatur 

Pajonk, F.G., Gärtner, U., Sittinger, H., von Knobelsdorff, G., Andresen, B. & Moecke, H. (2004). Psychiatrische Notfälle aus der Sicht von Rettungsdienstmitarbeitern. Notfall & Rettungsmedizin 7(3): 161-167. https://doi.org/10.1007/s10049-004-0654-x 

Peter, C. & Tuch, A. (2019). Suizidgedanken und Suizidversuche in der Schweizer Bevölkerung (Obsan Bulletin 7/2019). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium. 

Frey, M., Lobsiger, M. & Trede, I. (2017). Rettungsdienste in der Schweiz: Strukturen, Leistungen und Fachkräfte (Obsan Bulletin 1/2017)Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium. 

Stiftung Deutsche Depressionshilfe. (2016). Suizidprävention: Eine globale Herausforderung. https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/131056/9789241564779-ger.pdf 

Pro Juventute. (2020). Kampagne Suizidprävention. Retrieved from https://www.147.ch/de/suizidpraevention 

Stadt Zürich (2018). Das Stadion Letzigrund in Zahlen und Fakten. Retrieved from https://www.stadionletzigrund.ch/de/zahlenfakten 

Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich. (2015). Warum reden wichtig ist: Momo Christen, Daniel Göring und Philipp Zürcher haben einen Suizidversuch überlebt. Sie berichten in Filmclips über ihre Erfahrungen. Retrieved from https://reden-kann-retten.ch 

So nah und doch so fern

Liebe auf Distanz – Was zeichnet Fernbeziehungen aus und wie funktionieren sie? 

Wir leben in einer globalisierten Welt, sind so vernetzt wie noch nie und Distanz ist kaum noch relevant. Doch wie sieht es mit der Liebe aus, in der Nähe und gemeinsam verbrachte Zeit doch eine vermeintlich essenzielle Rolle spielen?  

Von Selina Landolt
Lektoriert von Zoé Dolder und Hannah Meyerhoff
Illustriert von Selina Landolt

Wie gross muss die geographische Distanz sein, damit man sich in einer Fernbeziehung (engl. long distance relationship) befindet? Wie viele Kilometer sind notwendig, bis sich zwei Partner*innen nicht mehr «geographisch nahe» nennen dürfen? Forschende – und wohl auch betroffene Paare – sind sich nicht immer einig, wie eine Fernbeziehung zu definieren ist. Vor allem in der neueren Forschung findet sich aber vorwiegend Pistole und Roberts (2011) Auffassung von Fernbeziehungen. Darin zeichnen sich Fernbeziehungen erstens durch eine beträchtliche geographische Distanz zwischen den Partner*innen aus, sodass es praktisch unmöglich wäre, sich jeden Tag zu sehen. Zweitens unterscheiden sich Fernbeziehungen von Beziehungen ohne Distanz durch ihre Kommunikation, von welcher ein Grossteil nicht von Angesicht zu Angesicht stattfindet. Doch ganz unabhängig von den Kilometern: Wie sehen denn Fernbeziehungen im Alltag aus? 

Emotionale Nähe und geographische Distanz – geht das? 

Das Phänomen Fernbeziehung ist kein seltenes. Vor allem bei jungen Erwachsenen sind Fernbeziehungen nicht ungewöhnlich und werden immer populärer. Gründe dafür sind die sich immer weiterentwickelnde Globalisierung, Flugtickets zu Spottpreisen oder berufliche Karrieren, welche teilweise eine hohe geographische Flexibilität erfordern. Mehr als die Hälfte der Studierenden haben sich in ihrem Leben mindestens einmal in einer Fernbeziehung wiedergefunden (Arnett, 2000; Larsen, Urry & Axhausen, 2006). Betrachtet man nicht nur junge, gebildete Menschen, sondern beobachtet Häufigkeiten über die Gesamtbevölkerung, so findet man, dass etwa 10 Prozent in einer Partnerschaft mit getrennten Haushalten leben. Diese Paare werden mit dem Begriff Living Apart Together betitelt und können, müssen aber nicht einer Fernbeziehung nach Pistole und Roberts (2011) entsprechen (siehe Kästchen) (Asendorpf, 2008). Partnerschaften auf Distanz sind also keine Einzelfälle: Eine nähere Betrachtung der Vor- und Nachteile von Fernbeziehungen scheint sich folglich zu lohnen. 

«I exist in two places, here and where you are.» 

Margaret Atwood

Trotz Schmetterlingen im Bauch sind Fernbeziehungen nicht immer ein Zuckerschlecken. Im Vergleich zu geographisch nahe wohnenden Partner*innen erwähnt Rohlfing (1995) charakteristische Herausforderungen für Personen in Fernbeziehungen. Diese sind a) eine erhöhte finanzielle Belastung zur Aufrechterhaltung der Beziehung, b) die Schwierigkeit, gleichzeitig geographisch nahe Freundschaften zu pflegen, c) die erschwerte Beurteilung des Zustandes einer Beziehung aus der Entfernung und d) hohe Erwartungen an den*die Partner*in sowie an die Qualität der begrenzten, gemeinsamen Zeit.  

Diese Schwierigkeiten können sich bei Einzelpersonen in Form von Stress und Einsamkeit äussern. So kommt der Stress vor allem durch die unausweichlichen, bevorstehenden Trennungen nach jedem Wiedersehen der Partner*innen und den vielen Reisen zustande, die für die Aufrechterhaltung der Beziehung notwendig sind. Gefühle von Einsamkeit dagegen treten vermehrt während der Zeit der räumlichen Trennung auf und sind während dieser sehr belastend für die Partner*innen (Sahlstein, 2004).  

Doch trotz oder dank der erschwerenden Distanz haben Fernbeziehungen auch einzigartige Vorteile gegenüber Beziehungen ohne Distanz. Die seltene, meist gut eingeplante gemeinsam verbrachte Zeit wird von Partner*innen umso mehr wertgeschätzt und ausgeschöpft (Sahlstein, 2004). Langeweile entsteht so vermutlich weniger. Ein weiterer positiver Aspekt kann die für Partner*innen in Fernbeziehungen typische Segmentierung ihrer Zeit sein. Dies bedeutet, dass sie sich in Zeiten geographischer Nähe besonders auf die Beziehung und die gemeinsamen Momente fokussieren, während sie sich in der restlichen Zeit mehr auf die Schule, den Beruf oder Freunde konzentrieren können (Sahlstein, 2004). Das kann wiederum in einem Gefühl von Unabhängigkeit resultieren, welches viele Personen in einer Fernbeziehung geniessen (Stafford, Merolla & Castle, 2006). Eine Fernbeziehung zu führen ist folglich durchaus möglich, sofern man sich mit den Vor- und Nachteilen einer solchen Beziehungsform arrangieren kann.  

Sind Personen in Fernbeziehungen weniger zufrieden? 

Studien, welche die allgemeinen Beziehungszufriedenheit in Fernbeziehungen im Vergleich zu geographisch nahe wohnenden Paaren untersuchten, zeigen gemischte Ergebnisse. Während einige wenige Studien über eine geringere Beziehungszufriedenheit berichten, zeigen andere eine gleich hohe oder sogar höhere Beziehungszufriedenheit in Fernbeziehungen (Du Bois et al., 2016; Kelmer, Rhoades, Stanley &, Markman, 2013). 

Doch zumindest für die Studienergebnisse mit einer besonders hohen Beziehungszufriedenheit hat die psychologische Wissenschaft eine Erklärung. Sie könnten nämlich durch das Phänomen der Idealisierung des*der Partners*in zustande gekommen sein, welches in Fernbeziehungen – im Vergleich zu Paaren mit geringer geographischer Distanz – vermehrt auftaucht (Stafford & Merolla, 2007). Diese Idealisierung kann durch die eingeschränkte Kommunikation sowohl als auch begrenzter Interaktion entstehen und aufrechterhalten werden, da allenfalls fehlerhafte, romantische Vorstellungen über die andere Person nicht korrigiert werden (Stafford & Merolla, 2007). So geben sich Partner*innen in einer Fernbeziehung während ihrer begrenzten gemeinsamen Zeit womöglich mehr Mühe, die getragenen Socken nicht mehrere Tage im Schlafzimmer liegen zu lassen oder die Haare im Waschbecken zu entfernen. Die Idealisierung geht jedoch über nervige Alltagsgewohnheiten hinaus. So berichten Personen in Fernbeziehungen beispielsweise über mehr empfundene Liebe für ihre Partner*innen, mehr Spass mit ihren Partner*innen und eine höhere Kommunikationsqualität (Kelmer et al., 2013). Letzteres ist wohl ein Muss für das Funktionieren von Fernbeziehungen, da man sich körperlich nur begrenzt nahe sein kann und die Kommunikation meist nur über digitale Geräte stattfindet. 

Mögliche Gründe für eine niedrigere Beziehungszufriedenheit können ein höheres allgemeines Stresslevel in Fernbeziehungen aufgrund ihrer charakteristischen Herausforderungen nach Rohlfing (1995) sein (Du Bois et al., 2016). Die über alle Studien hinweg zusammengefassten Ergebnisse von geographisch nahen und fernen Paaren lassen jedoch festhalten, dass die Beziehungszufriedenheit beider Gruppen im Mittel vergleichbar ist (Dargie, Blair, Goldfinger & Pukall, 2015; Du Bois et al., 2016).  

Brücken bauen durch Kommunikation 

Digitale Kommunikation spielt eine wichtige Rolle für die Pflege der Paarbeziehung (Maguire & Connaughton, 2011). Fernbeziehungen sind heute aufgrund von Fortschritten in technologischen und sozialen Medien einfacher aufrechtzuerhalten als zu Zeiten, in denen internationale Telefonate noch teuer waren und Nachrichten per Brief nur mit grosser zeitlicher Verzögerung beim Empfänger ankamen (Oakes & Brown, 2016) – Skype, Facebook, Instagram und Snapchat sei Dank. Auch wenn im Vergleich zur Kommunikation von Angesicht zu Angesicht einige Informationen, wie die nonverbale Kommunikation, vernachlässigt werden, sind viele der modernen Kommunikationskanäle synchron (d. h. Senden und Empfangen von Nachrichten sind zeitgleich) und erlauben eine unmittelbare Interaktion der Partner*innen (Neustaedter & Greenberg, 2012). Vor allem visuelle und auditive Kommunikationskanäle sind für Paare in einer Fernbeziehung sehr wichtig, da sie Intimität und emotionale Nähe ermöglichen (Janning, Gao & Snyder, 2018; Kolozsvari, 2015). Dies wiederum verringert die Gefahr einer Idealisierung des*der Partner*in (Stafford & Merolla, 2007). 

«In true love the smallest distance is too great and the greatest distance can be bridged.» 

Hans Nouwens 

Eine häufigere Kommunikation geht mit einer höheren Zufriedenheit in Fernbeziehungen einher Dainton & Aylor (2002). Dabei bevorzugen Partner*innen in Fernbeziehungen gewisse Kommunikationskanäle. Skype wird für den gegenseitigen Austausch am häufigsten verwendet und ist mit einer höheren Beziehungs- und Kommunikationszufriedenheit assoziiert. Weiter werden Text-Nachrichten (Empfangen und Senden von Nachrichten beispielsweise über WhatsApp oder iMessage) anderen Kanälen wie Facebook, Twitter und Snapchat vorgezogen (Hampton, Rawlings, Treger & Sprecher, 2018). Letztere gehen teilweise gar mit einer niedrigeren Beziehungszufriedenheit einher und können Konflikte, Spannungen und Eifersucht hervorrufen (Hampton et al., 2018; Hertlein & Ancheta, 2014; Murray & Campbell, 2015; Neustaedter & Greenberg, 2012; Ruppel, 2015; Stewart, Dainton & Goodboy, 2014). 

Trotz fortgeschrittenen digitalen Medien sollte jedoch der Kontakt von Angesicht zu Angesicht nicht vernachlässigt werden. Je weniger digitale Kommunikation, desto geringer ist die empfundene Unsicherheit bezüglich Beziehungsstabilität in Fernbeziehungen (Dainton & Aylor, 2002). Ein weiterer Grund also, sich öfters Besuche abzustatten. 

Und wie steht’s mit der Sexualität? 

Sexualität ist für eine Beziehung sehr entscheidend (z. B. Byers, 2005). Für die sexuelle Interaktion in Fernbeziehungen ist die geographische Distanz jedoch eine Barriere, die besonders schwer zu überwinden ist. Die Sexualität wird vorwiegend online gelebt, beispielsweise mittels Selbstbefriedigung, während man mit dem*der Partner*in über Skype in Kontakt ist (Shaughnessy, Byers & Walsh, 2011). Dies hat zur Folge, dass die sexuelle Interaktion weniger persönlich ist und insgesamt seltener stattfindet als bei Paaren mit geringer Distanz, was wiederum zu Einbussen in der sexuellen Zufriedenheit führen kann (Byers & Wang, 2004). Erstaunlicherweise berichten Paare in Fernbeziehungen allerdings über eine vergleichbare sexuelle Zufriedenheit und sexuelle Kommunikation wie Paare ohne geographische Distanz (Kelmer et al., 2013). Dies lässt sich wohl mit den Möglichkeiten der modernen Technologie erklären, in der zumindest eine eingeschränkte Sexualität möglich ist. Ein weiterer Grund könnte die Idealisierung sein, die sich auch auf den sexuellen Aspekt der Beziehung ausbreiten kann. 

Was die Untreue in Fernbeziehungen betrifft, berichten einige Studien über einer erhöhten Wahrscheinlichkeit sexueller Aktivitäten ausserhalb der Beziehung. Diese finden online, aber auch im persönlichen Kontakt statt (Crystal Jiang & Hancock, 2013). Dabei lässt sich ein Geschlechterunterschied finden: Männer sind öfters untreu als Frauen (Allen & Baucom, 2004; Martins et al., 2016). Andere Ergebnisse wiederum widersprechen Befunden zur Untreue (Goldsmith & Byers, 2018). Zusammenfassend kann wohl gesagt werden, dass die Sexualität in Fernbeziehungen zwar anders, nicht aber besser oder weniger gut funktioniert. Einzig die Häufigkeit sexueller Aktivitäten unterscheidet sich gegenüber Beziehungen ohne geographische Distanz. 

Der Härtetest: Das Zusammenziehen 

Entscheiden sich Partner*innen dazu, zusammenzuziehen, bedeutet dies auch ein neuer Anfang als Paar und kann mit einer Neudefinition der Rollen innerhalb der Beziehung einhergehen (Goldsmith & Byers, 2018). Für einige ist dies aber auch der Anfang vom Ende: Etwa ein Drittel aller Fernbeziehungen werden innerhalb von drei Monaten nach dem Zusammenziehen beendet (Stafford et al., 2006). Häufiger wird dabei die Beziehung von Seiten der Frau beendet. Unabhängig von wem die Trennung ausgeht, gehen Frauen und Männer unterschiedlich mit einer Trennung um. Frauen scheinen sich allgemein besser mit der Beendigung einer Fernbeziehung zurechtzufinden und sehen ein Ende der Beziehung eher voraus (Helgeson, 1994). 

Neben dem Auseinanderbrechen der Beziehung sind Partner*innen allerdings noch weiteren Gefahren beim Zusammenziehen ausgesetzt: Fast alle Partner*innen berichten über einen Verlust der Vorteile einer Fernbeziehung. Schwächen der Partner*innen werden plötzlich offengelegt, die Idealisierung der anderen Person fällt weg und die gegenseitige Abhängigkeit wird grösser. Zudem gewöhnt man sich an die alltägliche Interaktion und die gemeinsame Zeit ist nichts Besonderes mehr, plötzlich fast unbegrenzt verfügbar und wird dementsprechend nicht mehr gleich wertgeschätzt wie noch zu Zeiten der räumlichen Trennung (Stafford et al., 2006). Doch trotz allen Nachteilen des Zusammenziehens – schafft man es, die Beziehung erfolgreich weiterzuführen, kann man sich getrost gemeinsam mit den Schlabberhosen aufs Sofa fläzen, durch Netflix-Serien bingen und muss nicht daran denken, wann man sich von seinem Lieblingsmenschen wieder trennen muss. 

Living Apart Together 

Personen, welche nicht im gleichen Haushalt wohnen, sind nur bedingt solchen in einer Fernbeziehungen gleichzustellen. Verschiedene Gründe können dazu führen, dass Partner*innen an zwei verschiedenen Orten wohnen, wobei sich die verschiedenen Paare grob in drei Gruppen einteilen lassen (Levin, 2004; Reimondos, Evans & Gray, 2011): 

  1. Vorstufe: Eher jugendliche Partnerschaften mit schwacher Verfestigung der Beziehung und hohem Trennungsrisiko (Asendorpf, 2008). 
  1. Berufsbedingte Fernbeziehung: Häufig «Zwei-Karrieren-Partnerschaften» (Peuckert, 2008), es ist von einer Verzögerung der Kohabitation auszugehen. 
  1. Beziehungsideal: Von Partner*innen bewusst gewähltes Arrangement, dass mehr Unabhängigkeit und Distanz sowie individuelle Autonomie erlaubt (Singly, 1994). 

Zum Weiterlesen

Piazza, J. (2018, June 19). How to make a long-distance relationship work, according to experts. TIME. Retrieved from https://time.com/5316307/best-long-distance-relationship-tips-experts/ 

Du Bois, S. N., Sher, T. G., Grotkowski, K., Aizenman, T., Slesinger, N., & Cohen, M. (2016). Going the distance: Health in long-distance versus proximal relationships. The Family Journal24(1), 5–14. doi: 10.1177/1066480715616580 

Literatur

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