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Eiscreme gegen Stress? 

Warum die Lieblingsserie besser gegen Anspannung helfen kann als Schokolade

Eine Packung Eis, eine Tafel Schokolade, Kekse, Chips oder am liebsten einfach alles auf einmal? Stress und starke Emotionen beeinflussen, was und wie viel wir essen. Und zwar oft ohne, dass wir es wirklich bemerken. Häufig erhoffen wir uns ein besseres Gefühl. Aber geht es uns danach wirklich besser? 

Von Kim Ankermann
Lektoriert von Jovana Vicanovic
Illustriert von Livia Halbeisen

Etwa 60 Tage kann ein Mensch überleben, bis er verhungert (Pütter, 1921). Dann versagen entweder zuerst die Organe oder das Herz (Pütter, 1921). Um das zu verhindern, hat unser Körper einen komplexen Mechanismus entwickelt (Carlson, 2016). Sobald der Blutzucker sinkt, sorgt eine Art mehrstufiges Warnsystem dafür, dass wir essen. Ein anderes ist wiederum dafür zuständig, dass wir wieder aufhören. Man kann es sich ein bisschen so vorstellen, als hätten wir an ganz vielen Stellen – im Magen, im Darm und im Blut – Sensoren, die ständig mit unserem Gehirn kommunizieren und für genügend Zucker sorgen (Carlson, 2016). 

Dieses Warnsystem mit allen dahinter liegenden hormonellen Prozessen ist mittlerweile gut erforscht (Dallmann, 2010). Allerdings ist auch klar, dass das längst nicht ausreicht, um das menschliche Essverhalten zu erklären (Dallmann, 2010). Weltweit stuft die WHO Adipositas als eines der grössten Gesundheitsrisiken ein und es wird mittlerweile sogar von einer «Adipositas-Epidemie» gesprochen (WHO, 2008). Laut Bundesamt für Statistik waren im Jahr 2017 42 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz adipös oder übergewichtig, in Deutschland waren es mit 53 Prozent mehr als die Hälfte (BFS, 2017). Neben dem automatischen Kontrollsystem muss es also einen anderen Grund geben, der erklärt, warum Menschen essen, obwohl sie eigentlich keinen Hunger haben. Als mögliche Faktoren vermuten Forscher*innen negative Emotionen, Stress und Anspannung (Dallmann, 2010). 

Bei Stress vor allem «fettig und süss» 

Nur 20 Prozent der Menschen ändern ihr Essverhalten unter Stress nicht (Spence, 2017). Wie es sich ändert, unterscheidet sich allerdings stark. Etwa 40 Prozent der Menschen neigen zum sogenannten «Stress-Essen», sie essen also mehr. Die übrigen 40 Prozent geben hingegen an, unter Anspannung weniger zu essen. Die Studienlage ist hierzu nicht eindeutigTrotzdem konnten Forscher*innen zeigen: Egal welcher Typ; unter Stress zeigt die Mehrheit – zumindest was die Essenswahl angeht – ähnliche Präferenzen. Im Labor assen Personen, die zuvor unter Stress gesetzt wurden, vor allem Fettiges und Süsses (Spence, 2017). Also Lebensmittel, die unter dem Begriff «comfort food» zusammengefasst werden können. 

Trostessen 

In Umfragen wurden bestimmte Lebensmittel besonders häufig als comfort food genannt (Spence, 2017). Wansink und Sangermann (2000) befragten mehr als 1’000 Menschen in Nordamerika. Am beliebtesten waren Kartoffelchips (24 Prozent). Auch gewählt wurden: Eiscreme (14 Prozent), Kekse (zwölf Prozent), Pizza und Pasta (elf Prozent), Rindfleisch/Steak-Burger (neun Prozent), Obst und Gemüse (sieben Prozent), Suppe (vier Prozent) und Sonstiges (neun Prozent). Auffällig waren die Geschlechterunterschiede. Frauen gaben häufiger süsse Lebensmittel an, wohingegen Männer zwar auch Eis wählten, aber fast genauso häufig warme Hauptgerichte wie Suppe und Pizza (Wansink & Sangermann, 2000). In der Forschung ist das Wissen über comfort food für verschiedene Bereiche entscheidend (Spence, 2017). Es könnte eine Möglichkeit sein, ältere Menschen, die nicht genügend Nahrung aufnehmen, zum Essen zu bringen. Im Raumfahrtbereich wird erhofft, damit das Stresslevel von Astronauten zu senken. 

Der Ausdruck comfort food wird nicht nur im Alltag verwendet, sondern ist auch in der Wissenschaft ein feststehender Begriff (Spence, 2017). Comfort food kann für jeden etwas anderes sein. Generell wird darunter aber Essen, das Trost oder ein Gefühl von Wohlbefinden vermittelt, verstanden (Spence, 2017). Es ist häufig kalorienreich und wird im «traditionellen Stil» zubereitet (Wagner et al., 2014). Für viele Menschen ist comfort food zum Beispiel das Lieblingsessen aus der Kindheit; so landen Hühnersuppe und Schokolade in Umfragen weit oben auf der Liste des beliebtesten Trostessens (Wagner et al., 2014). Forscher*innen gehen davon aus, dass Nostalgie einen grossen Einfluss darauf hat, warum wir gerade bei negativen Emotionen Lust auf dieses Essen haben (Hirsch, 1992). Oft bleibt es aber nicht bei dieser Lust und so passiert das «Stress-Essen» trotz gutem Vorsatz wie automatisch (Dallmann, 2010). Grund dafür ist die Gewohnheit (Dallmann, 2010). 

Trostessen ohne Nachdenken 

Dass bei negativen Emotionen automatisch zum Schokoriegel gegriffen wird, ist – wie vieles beim Menschen – erlerntes Verhalten (Dallmann, 2010). Neben dem vorher beschriebenen Warnsystem, das über Hormone dafür sorgt, dass genügend Energie verfügbar ist, gibt es noch weitere Faktoren, die Essverhalten auslösen. Im Gehirn gibt es vereinfacht gesagt drei Orte, die unsere Essensentscheidung beeinflussen. Es gibt den unbewussten Teil; besonders wichtig ist hier die Amygdala im limbischen System. Hier entstehen Emotionen und es werden Verknüpfungen zwischen Verhalten und Gefühlen erlernt. Ausserdem gibt es den rationalen Teil im Präfrontalkortex, der die bewusste Kontrolle übernimmt. Der dritte Ort ist der Nucleus Accumbens, das ist der Name mehrerer Kerne im Gehirn, die zu den Basalganglien zählen. Sie sind wichtig für Motivation und die Umsetzung von Gewohnheiten (Dallmann, 2010). 

«Once stress-induced feeding becomes habitual, the problem-solver, executive part of the prefrontal cortex might no longer be actively engaged in the outcome; comfort food intake can become a reflex.» 

Dallmann, 2010, S. 163   

Wenn man sich also vornimmt, bei Stress keine Schokolade mehr zu essen, sollte der kontrollierende Teil dafür sorgen, dass man dies auch nicht macht. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass bei automatischem Trostessen der rationale Teil fast gar nicht mehr mitwirkt (Dallmann, 2010). Der Körper hat gelernt, dass sich durch das Essen von Zucker oder Fett die Stressreaktion kurzzeitig reduziert. Nach dieser Erfahrung wird das Verhalten wiederholt. Irgendwann ist Trostessen als Reaktion auf Stress so fest mit einem guten Gefühl verbunden, dass gar nicht mehr darüber nachgedacht wird. Es wird laut Dallmann (2010) fast schon zum Reflex. Die zugrundeliegenden Prozesse sind vergleichbar mit denen, die bei Sucht auftreten (Dallmann, 2010). 

Das Problem bei Stress ist ausserdem, dass die ausgeschütteten Stresshormone dazu führen, dass der rationale Teil geschwächt wird, das führt dazu, eher gewohnheitsmässiges Verhalten umzusetzen (Dallmann, 2010). Es wird also noch schwerer, dem Drang nach Essen zu widerstehen. Zudem konnte in Laborexperimenten mit Tieren gezeigt werden, dass bestimmte Stresshormone die Aufnahme von fett- und zuckerhaltigem Essen fördern. Es wird vermutet, dass so früher das Überleben gesichert werden sollte. Alle Stressmechanismen sollten dafür sorgen, dass der Körper möglichst schnell viel Energie zum Überleben hat. Obwohl die Ursachen für Stress heutzutage meist woanders liegen, ist die Reaktion des Organismus geblieben (Dallmann, 2010). 

Aber fühlen wir uns nach comfort food wirklich besser? 

In einer amerikanischen Umfrage gaben mit 81 Prozent die meisten Menschen an, dass sie sich besser fühlen, wenn sie sogenanntes Trostessen gegessen haben (Spence, 2017). Eine kurzzeitige Verminderung der Stressreaktion konnte auch im Labor gezeigt werden, ebenso wie eine Freisetzung von Opiaten und Serotonin (LeMagnen, 1986). Dies kann kurz zu einer besseren Stimmung führen (Drewnowski et al., 1992). Trotzdem vermuten viele Forscher*innen, dass das beschriebene gute Gefühl nicht nur von einer körperlichen Reaktion kommt (Spence, 2017). Sie gehen vielmehr davon aus, dass die Erinnerung und die Assoziation mit sozialen Ereignissen zur Stimmungsaufhellung führen (Spence, 2017). 

Laut Gabriel (2015) gebe es Möglichkeiten, um bei negativen Gefühlen oder Stress für gute Stimmung zu sorgen, ganz ohne Süssigkeiten: «Irgendwas anderes, dass das gleiche beruhigende Gefühl von Vertrautheit vermittelt wie das erneute Lesen eines geliebten Buchs oder das Anschauen einer Lieblingsserie» (zitiert in Romm, 2015). Um die Gewohnheit zu brechen und wieder mehr Kontrolle zu bekommen, könnten Achtsamkeits- und Meditationsübungen helfen (Dallmann, 2010). Britische Forscher*innen konnten ausserdem zeigen, dass schwarzer Tee Stress reduziert (Hall, 2006; Steptoe et al., 2007). Es gibt also Möglichkeiten aus dem beschriebenen Kreislauf auszubrechen: Zum Beispiel das Lieblingsbuch zu lesen, statt Eiscreme zu essen. 


Zum Weiterlesen  

Spence, C. (2017). Comfort food: A review. International Journal of Gastronomy and Food Science9, 105–109. doi: 10.1016/j.ijgfs.2017.07.001 

Literatur

Dallmann, M. F. (2010). Stress-induced obesity and the emotional nervous system. Trends in Endocrinology & Metabolism21(3), 159–165. https://doi.org/10.1016/j.tem.2009.10.004 

Hirsch, A. R. (1992). Nostalgia: A Neuropsychiatric Understanding. ACR North American AdvancesNA-19. https://www.acrwebsite.org/volumes/7326/volumes/v19/NA-19/full 

Spence, C. (2017). Comfort food: A review. International Journal of Gastronomy and Food Science9, 105–109. https://doi.org/10.1016/j.ijgfs.2017.07.001 

Wagner, H. S., Ahlstrom, B., Redden, J. P., Vickers, Z., & Mann, T. (2014). The myth of comfort food. Health Psychology33(12), 1552. https://doi.org/10.1037/hea0000068 

Locher, J., Yoels, W., Maurer, D., & van Ells, J. (2005). Comfort Foods: An Exploratory Journey 

Into The Social and Emotional Significance of Food. Food And Foodways, 13(4), 273-297. doi: 10.1080/07409710500334509  

Pütter, A. (1921). Der Hungertod. Naturwissenschaften, 9(2), 31-35. 

Carlson, N.R., Birkett, M. (2017). Physiology of Behavior (12. Auflage), Pearson Education. 

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