Zum Inhalt springen

Das hätte ich sein sollen!

Was ist eigentlich Neid? – Innere Spannung durch unangenehme Emotion

Neid ist eine gesellschaftlich nicht sehr akzeptierte Emotion, aber was genau bedeutet Neid eigentlich und wie geht man damit um? Die verschiedenen Facetten und Subtypen wie «malicious envy» und «benign envy» werden im Folgenden beleuchtet und mit Situationsmerkmalen in Verbindung gesetzt.

Von Anna Boeker
Lektoriert von Jovana Vicanovic und Laura Trinkler
Illustriert von Anna Boeker

Neid kann als eine verbreitete Emotion beschrieben werden, die von jedem Menschen in unterschiedlichem Ausmass erlebt wird (Foster, 1972). Ob es das neue Auto des Nachbarn, die Gehaltserhöhung des Kollegen oder der tolle Urlaub der Freundin ist, fast jedem fällt ein persönliches Beispiel ein.

Im Laufe der Jahre sind verschiedene Konzeptualisierungen von Neid verwendet worden (Lange et al., 2018b). Im Wesentlichen können drei verschiedene Konzepte unterschieden werden. Die Theorie des böswilligen Neids, die Theorie des dualen Neids und die Schmerztheorie des Neids. Neuere Ansätze wie die Pain-driven Dual Envy-Theorie (Lange et al., 2018b) versuchen, alle verschiedenen Konzepte zu integrieren. Dadurch soll eine universelle Konzeptualisierung von Neid gebildet werden, die in der zukünftigen Forschung verwendet werden kann (Lange et al., 2018b). Folgende Definition wird von Lange und Kolleg*innen (2018b) vorgeschlagen: «Neid beinhaltet einen belastenden Schmerz darüber, einer anderen Person unterlegen zu sein. Er tritt entweder als gutartiger Neid auf, der mit dem Wunsch verbunden ist, sich selbst zu verbessern und der beneideten Person nachzueifern, oder als bösartiger Neid, der mit feindseligen Gedanken und Absichten verbunden ist, die darauf abzielen, dem anderen zu schaden».

Die Lücke zur anderen Person

Im Wesentlichen stimmen alle Konzeptualisierungen darin überein, dass Neid aus einem sozialen Vergleich resultiert, der eine Lücke zwischen einem selbst und einem anderen schafft (Smith et al., 2018). Die Verkleinerung dieser Lücke oder die Absicht, dies zu tun, kann als die mit dem Neid verbundene Handlungstendenz verstanden werden (Smith et al., 2018).

Neid – gut oder böse?

Neid entsteht bei einem Vergleich, wenn das Gefühl aufkommt, dass eine andere Person besser dran ist als die Person selbst (Lange et al., 2018b). Die anschliessende Reaktion beziehungsweise Handlungstendenz kann sich unterscheiden (Lange et al., 2018b). Gutartiger Neid (benign envy) und bösartiger Neid (malicious envy) sind Begriffe, die in der Vergangenheit verwendet wurden, um verschiedene Formen von Neid zu unterscheiden (Van de Ven, 2016). Diese Unterscheidung basiert auf Arnolds (1960) Idee, dass Emotionen gefühlte Handlungstendenzen sind. Gutartiger Neid wird verwendet, um die Motivation zur Verbesserung der eigenen Position zu beschreiben (Van de Ven, 2016). Im Gegensatz dazu ist bösartiger Neid die Motivation, die andere Person herunterzuziehen (Van de Ven, 2016).

«Wir beneiden diejenigen, deren Errungenschaften und erfolgreiche Bemühungen uns ein Vorwurf sind.»

Aristoteles, ca. 340 v. Chr./1932, S. 128

Gutartiger und bösartiger Neid sind beides unangenehme und frustrierende Erfahrungen, die aus der Erkenntnis entstehen, dass einem die überlegene Qualität, Leistung oder der Besitz eines anderen fehlt (Van de Ven, 2016). Gutartiger Neid führt jedoch zu der Motivation, das begehrte Objekt auch für sich selbst zu gewinnen, während bösartiger Neid zu dem Wunsch führt, dass die andere Person es verliert (Van de Ven, 2016). So ist bösartiger Neid durch Gedanken wie «ich hätte es sein sollen» gekennzeichnet, während für gutartigen Neid eher Gedanken wie «ich hätte es sein können» charakteristisch sind (van de Ven, 2009).

Einflussfaktoren

Neid ist eine Emotion, die mit negativen Selbsteinschätzungen und Minderwertigkeitsgefühlen verbunden ist (Parrott & Smith, 1993). Dieser negative Anteil oder der Schmerz bei Neid wurde in verschiedenen Studien übereinstimmend festgestellt (Lange et al., 2018a). Die Wahrnehmung, wie verdient eine Situation ist, sowie die wahrgenommene Kontrolle, scheinen zentrale Faktoren für die Beurteilung von Neid zu sein (van de Ven, 2009). Je unverdienter eine Situation wahrgenommen wird, desto stärker tritt bösartiger Neid auf (van de Ven, 2009).

Damit Neid entsteht, muss die Situation einen persönlichen Bezug zur Person haben (Salovey & Rodin, 1991). Die Emotion kommt auf, wenn die Person das Gefühl hat, dass wichtige Ziele und ihr Selbstwertgefühl bedroht sind (Salovey & Rodin, 1991). Fliegt eine Milliardärin in einen paradiesischen Urlaub, wird eine Person mit Flugangst wahrscheinlich nicht so neidisch sein, wie wenn seine Arbeitskollegin eine Gehaltserhöhung bekommt, die von ihr selbst schon lang erhofft wird.

Ergebnis

Neid kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen mit sich bringen (Lange et al., 2018a). Als negative Auswirkungen werden beispielsweise Feindseligkeit, Schadenfreude, Besessenheit und schlechte emotionale Regulation genannt. Im Gegensatz dazu werden auch Bewunderung, allgemeine positive Gedanken bezüglich der Erfolge von anderen sowie erhöhte Leistungen mit Neid assoziiert (Lange et al., 2018a). Schliesslich ist es wichtig zu bedenken, dass «die Definition der Erwünschtheit [des Neids] nicht absolut ist» (Smith et al., 2017, S. 24). Die Handlungstendenzen, die mit der Emotion einhergehen, machen Neid zu einem sehr komplexen und spannenden Thema.

Unterschiede zu anderen Emotionen

Besonders in der Alltagssprache werden Neid und Eifersucht häufig verwechselt. Jedoch unterscheiden sie sich nicht nur in den auslösenden Situationen, sondern auch im emotionalen Erleben (Parrott & Smith, 1993). Eifersucht beschreibt die Angst, eine Beziehung zu verlieren, die man bereits hat. Sie wird häufig im Kontext von romantischen Beziehungen untersucht (Parrott & Smith, 1993).

Van de Ven (2017) versucht, zwischen gutartigem Neid und Bewunderung zu unterscheiden. Es scheint, dass ein Hauptunterschied darin besteht, dass Neid als unangenehm und frustrierend empfunden wird, während Bewunderung ein angenehmes Gefühl ist. Bei Bewunderung zeigt sich zudem eine geringere Tendenz, sich selbst zu verändern oder zu verbessern, wie dies bei gutartigem Neid der Fall ist (Van de Ven, 2017).

Interkulturelle Unterschiede im Verständnis von Neid bilden sich bereits in der Sprache ab. So wird malicious envy im Deutschen auch mit Missgunst verglichen. Neid von anderen Emotionen zu unterscheiden ist entsprechend häufig nicht einfach.

Im Alltag gilt es erst einmal, die Emotion bei sich selbst überhaupt als solche zu erkennen und vor allem wahrzunehmen, was sie mit uns und unserem Umfeld macht (Smith et. al, 2017). Als eine sozial eher wenig akzeptierte Emotion fällt es vielleicht schwer, sich den eigenen Neid einzugestehen oder auch als Wurzel anderer Emotionen zu erfassen. Effektive Mechanismen zum Umgang mit Neid, beispielsweise auch im Unternehmenskontext, bleiben aktuell in der Literatur und Forschung noch eher aussen vor. Gedanken zur Umstrukturierung der Situation und dem Kontext scheinen einen alltäglichen Weg darzustellen (Smith et. al, 2017). Versucht ein kleiner Junge lange einen schönen reifen Apfel vom Baum zu erreichen, nur um dann ansehen zu müssen, wie sein grösserer Bruder ihn mit Leichtigkeit erreicht, pflückt und selbst isst, könnte das zu einer Umstrukturierung führen. In diesem Beispiel würden dem Jungen vielleicht Gedanken wie «eigentlich wollte ich den Apfel gar nicht so dringend haben» oder «der Apfel schmeckt sicher eh nicht» durch den Kopf gehen.

Kurzfristig lässt sich so vielleicht der emotionale Zustand dämpfen (Smith et. al, 2017). Aber wie kann Neid sonst reguliert werden? Offene Kommunikation und Förderung der emotionalen Intelligenz sind Vorschläge für den Unternehmenskontext. Ob die Emotion überhaupt reguliert oder beeinflusst werden sollte, bleibt aber weiterhin offen. Denn wie erwünscht Neid schlussendlich ist, ist eben nicht absolut (Smith et. al, 2017).


Zum Weiterlesen

Arnold, M. B. (1960). Emotion and personality. Columbia University Press.

van de Ven, N., Zeelenberg, M., & Pieters, R. (2009). Leveling up and down: The experiences of benign and malicious envy. Emotion, 9(3), 419–429. https://doi.org/10.1037/a0015669

Literatur

Aristotle (1932). Rhetoric. In L. Cooper (Ed.), The rhetoric of Aristotle. An expanded translation with supplementary examples for students of composition and public speaking(Book 2, Chap. 10). Prentice-Hall. (Original work published c. 340 B.c.)

Arnold, M. B. (1960). Emotion and personality. Columbia University Press.

Foster, G. M., Apthorpe, R. J., Bernard, H. R., Bock, B., Brogger, J., Brown, J. K., Cappannari, S. C., Cuisenier, J., D’Andrade, R. G., Faris, J., Freeman, S. T., Kolenda, P., MacCoby, M., Messing, S. D., Moreno-Navarro, I., Paddock, J., Reynolds, H. R., Ritchie, J. H., St. Erlich, V., Saviahinsky, J. S., Seddon, J. D., Utley, F. L., & Blyth Whiting, B. (1972). The anatomy of envy: A study in symbolic behavior [and       comments and reply]. Current Anthropology13(2), 165-202.

Lange, J., Blatz, L., & Crusius, J. (2018a). Dispositional envy: A conceptual review. In V. Zeigler-Hill & T. K. Shackelford (Eds.) SAGE Handbook of personality and individual differences.SAGE.

Lange, J., Weidman, A. C., & Crusius, J. (2018b). The painful duality of envy: Evidence

for an integrative theory and a meta-analysis on the relation of envy and schadenfreude. Journal of Personality and Social Psychology114(4), 572-598. https://doi.org/10.1037/pspi0000118

Parrott, W. G., & Smith, R. H. (1993). Distinguishing the experiences of envy and

jealousy. Journal of Personality and Social Psychology64(6), 906-920.

Salovey, P., & Rodin, J. (1991). Provoking jealousy and envy: Domain relevance and self-esteem threat. Journal of Social and Clinical Psychology10(4), 395-413.

Smith, R. H., Merlone, U., & Duffy, M. K. (2017). Envy at work and in organizations. Oxford University Press.

van de Ven, N., Zeelenberg, M., & Pieters, R. (2009). Leveling up and down: the experiences of benign and malicious envy. Emotion (Washington, D.C.), 9(3), 419–429. https://doi.org/10.1037/a0015669

Van de Ven, N. (2016). Envy and its consequences: Why it is useful to distinguish

between benign and malicious envy. Social and Personality Psychology Compass10(6), 337-349.

Van de Ven, N. (2017). Envy and admiration: Emotion and motivation following upward social comparison. Journal of Cognition and Emotion31(1), 193-200.

Bisher keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: