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Das Ding 

Filmrezension zu Das Ding aus einer anderen Welt von John Carpenter 

Das Ding aus einer anderen Welt von John Carpenter aus 1982 gilt unter manchen als Filmklassiker. Eine Geschichte, die Gänsehaut, Übelkeit und Spannung hervorbringt – aber am besten in einer Fremdsprache.  

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Berit Barthelmes und Marina Reist
Illustriert von Kerry Willimann

Es ist eine idyllische, eisige Wüste in der Antarktis. Aus dem Nichts taucht ein Helikopter auf, der im endlosen Weiss landet. Ein Mann steigt aus, hält eine Schusswaffe hoch und beginnt auf einen Hund zu schiessen. Das Tier rennt weg. Es flieht bis zum Basislager der US-amerikanischen Forscher, der Helikopter fliegt hinterher. Doch auch hier findet der Hund keine Zuflucht. Entsetzt beobachten die US-Amerikaner wie der ausländische Forscher aus dem Helikopter steigt, diesen in die Luft jagt und weiter auf den Hund schiesst. Als der Fremde dabei einen der US-Amerikaner trifft, wird er kurzerhand selbst getötet.  

Die Crew freundet sich mit dem Hund an, während ein Teil der Gruppe das Lager des ausländischen Mannes sucht. Was sie finden, verspricht nichts Gutes. Das gesamte Lager wurde komplett zerstört. Abgebrannte Leichen liegen herum. Schnell wird klar: Hier ist etwas Schreckliches passiert. Die Männer kehren mit einer völlig deformierten Leiche in ihre Basis zurück. Im Zuge der Autopsie erkennen sie, dass diese einmal ein Mensch gewesen sein musste. Etwas hat die Person äusserlich völlig verändert. Dieses Etwas ist ein Ding, welches in einen Wirt eindringt, ihn auf Zellebene absorbiert, imitiert und dann wartet, bis es sich das nächste Opfer zu eigen machen kann. Es tötet seine Opfer, in dem es aus ihnen herausbricht. Nach kurzer Zeit müssen sie erkennen, dass dieses Ding bereits unter ihnen ist. Wer ist noch Mensch, wer ist bereits Ding? Wem kann man noch trauen? Und wer ist Imitation? 

«How do we know who’s human? If I was an imitation, a perfect imitation… How would you know if it’s really me?» 

The Thing, 1982, 56:30 

Misstrauen, Verfolgungswahn halten Einzug ins Lager. Versuchter Mord, Sabotage und völlige Panik bricht aus. Immer wieder müssen sich die Männer neu formatieren, hinterfragen und um ihr Überleben kämpfen. Sie isolieren sich, nehmen Drogen und Alkohol, um die Spannung auszuhalten und greifen zu verzweifelten Mitteln. Können sie eine globale Ausbreitung verhindern? Wie viel sind sie bereit aufzugeben, um das Ding aufzuhalten?  

Ist ihr Ding unser Covid-19? 

Das erste Mal schaute ich den Film mit meinem Mitbewohner in seiner Muttersprache Russisch. Befreit von den eher dürftigen Dialogen konnte ich mich auf die Gruppendynamiken und intrapsychischen Vorgängen der einzelnen Charaktere fokussieren. Es ist faszinierend, wie das Ding einerseits immer wieder die Gruppe entzweit und in der nächsten Sekunde wieder zusammenschweisst. Wer Freund oder Feind ist, wechselt im Sekundentakt. Was mir ebenfalls auffiel, waren die Parallelen zu Covid-19. Die psychische und physische Isolation voneinander, Streit, Selbstmedikation, übertriebener Egoismus und Bedachtheit auf das eigene Wohl schienen mir, wie ein stark übertriebener Spiegel der letzten Monate zu sein. Im Film, wie auch in den letzten Monaten, steht die Angst einer globalen Ausbreitung eines unkontrollierbaren, unbekanntem und tödlichen Etwas im Raum. Jede Person kann infiziert sein, ohne es zu wissen und damit andere in Gefahr bringen. Die Ungewissheit und Panik zeigen das wahre Gesicht mancher Personen. Menschen, die man seit Jahren kennt, offenbaren neue Seiten an sich – Gute wie Schlechte. Und während andere an der Krise zerbrechen, schwingen andere zu neuer Höchstleistung auf. Das zeitlose Thema des Films gepaart mit den endlosen Abgründen der menschlichen Natur machen den Streifen extrem spannend. 

Charme gepaart mit ekelhafter Spannung  

Obwohl der Film eine gewisse Aktualität mit sich bringt, stammt er unzweifelhaft aus den 80er Jahren. Veraltete Technik wie Ghettoblaster, dicke Computer, Floppy-Disks und alte Küchenmaschinen verleihen dem Film einen nostalgischen Charme. Weniger amüsant ist die übertriebene und gar nicht subtile Hintergrundmusik. Schrille Töne in den spannungsaufgeladenen Momenten lenken eher ab, anstatt die Gefühle zu katalysieren. Auch das Tempo des Films ist aus heutiger Sicht ungewohnt. Obwohl es ein actiongeladener Film ist, passieren die Handlungen eher langsam. Doch genau diese gemässigte Geschwindigkeit hat mich noch unruhiger und spannungsgeladener hinterlassen. Die Atemlosigkeit in der langsamen Erzählung ist genial und leider etwas, was man in heutigen Filmen vermisst.  

Wie bereits erwähnt, sind die Dialoge im Film relativ bescheiden. Genauso eindimensional sind die Charaktere. Der machohafte Protagonist, der lustige dunkelhäutige Koch, der intellektuelle, alte Arzt und der Marihuana-rauchende Verschwörungstheoretiker sind einem allzu bekannt. Wirklich sagenhaft ist hingegen das Konzept des Dings selbst. Ein schlummerndes Etwas, welches intelligent genug ist, um Angriffe zu planen und bewusst Zwietracht säht, lässt einem heute noch die Haare zu Berge stehen. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie das Ding aussieht. So viel sei verraten: es ist absolut übelerregend und ekelhaft. Ohne Sinn und Logik bricht es aus dem Lebewesen aus, verändert es bis zur Unkenntlichkeit und lässt sich abspalten. Das Ding ist so widerlich, dass mir teilweise die Galle hochkam. Es ist ein Meisterwerk. 

Trotz des Ekels ist der Film an manchen Stellen unfreiwillig amüsant. Gewisse Momente sind so absurd, dass man einfach Lachen muss. Beispielsweise als der Flammenwerfer nicht angehen will, obwohl sie das Ding extra gereizt haben, um es zu töten oder als das Ding den Kopf eines der Opfer benutzt, um wegzurennen. Somit schafft es der Film, eine grosse Bandbreite an Gefühle auszulösen und muss dabei nicht auf ein übertriebenes Setting, Hintergrundgeschichten oder billige Tricksereien zurückgreifen.  

Insgesamt lebt der Film von der Idee des Dings, der intra- und interpersonalen Dynamiken und der Ungewissheit, wen es bereits erwischt hat. Der Nervenkitzel, welchen der Film kreiert, ist herausragend. Dennoch würde ich empfehlen, dass man den Film in einer fremden Sprache schaut, um von den Dialogen und Charakteren befreit zu bleiben. Die Spannung ist hingegen in jeder Sprache verständlich. 


Zum Anschauen

Carpenter, J. (Director). (1982). The Thing [Film]. Universal Pictures. 

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